A New Shift (2020)

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21 Jahre hat Tomáš Hisem unter Tage gearbeitet – nun wird die Kohlemine dicht gemacht. Der Tscheche entschließt sich, an einer Umschulung teilzunehmen – doch der Traum, als Programmierer zu arbeitet, entpuppt sich als Seifenblase.

A New Shift (2020)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Wo ein Wille ist, ist nicht immer ein Weg

Ein letztes Mal steht Tomáš Hisem da, in Vollmontur mit Helm, Weste und allerhand Arbeitsgerät, und bereitet sich auf seinen finalen Arbeitstag vor. Noch ein paar Worte mit den Kollegen wechseln, dann geht es unter die Erde. Der Aufzug rattert, trägt die Arbeiter tief in den Schacht hinein. Die Lichter der Stirnlampen wirken wie Irrlichter, eine Kette reißt, Aufregung, Geschrei. Kurz darauf ist sie repariert, die Lage beruhigt sich. Als die Schicht endet, steigt Tomáš aus dem Schacht hervor – und ist ob seines pechschwarzen Gesichts kaum wiederzuerkennen. Ein letztes Mal steigt er unter die Dusche, schrubbt den Kohlenstaub ab – ein ganz und gar symbolischer Akt in Vorbereitung auf ein neues Leben. Denn ab morgen wird für Tomáš nichts mehr so sein wie bisher.

A New Shift ist im Kern das Porträt eines einzelnen Mannes und seines Werdegangs, und erzählt zugleich doch eine viel größere Geschichte: die des sogenannten Strukturwandels. Automatisierung und Digitalisierung, aber auch die (angesichts der Klimakatastrophe notwendige) Stilllegung von Kohleminen und -kraftwerken – all das wird in den kommenden Jahren Millionen Jobs kosten. Laut Versprechungen von Politik, Experten und Wirtschaftlern aber auch Millionen neue schaffen. Doch was sind diese Versprechungen für jene wert, die nach jahrzehntelanger Stabilität aus ihrer biografischen Laufbahn geworfen werden? Menschen wie Tomáš Hisem, Tscheche, 44 Jahre alt, 21 davon unter Tage gearbeitet, deren Fachwissen nun nicht mehr benötigt wird? Die nichts anderes gelernt haben?

Anfangs schöpft Tomáš noch Kraft aus diesen Versprechungen. Nachdem das Bergwerk aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen wird, nimmt er das Angebot, einen viermonatigen IT-Kurs zu besuchen, an und krempelt sein Leben komplett um. Neuer Haarschnitt, neue Partnerin, neue Jobperspektive. Eine Stelle als Programmierer soll es sein. Den Kurs absolviert der leidenschaftliche Fußballfan mit Bravour, fast sieht es so aus, als könnte er auch mit Mitte 40 noch in einer völlig anderen Branche Fuß fassen. Dann kommt der große Fall. Auf seine Bewerbungen folgen reihenweise Absagen, auf einer Jobbörse erzählt man ihm, er habe nicht die notwendigen Qualifikationen. Selbst sein Bekanntenkreis hat nur Spott und Häme für ihn übrig. Mit einem so rudimentären Kurs Programmierer werden? Andere gehen dafür doch fünf Jahre studieren!

Durch das beständige Auf und Ab, dem Nebeneinander von Jobchancen und -absagen, der Divergenz zwischen Tomáš‘ Willen, sich weiterzubilden, und den Steinen, die ihm sein Umfeld in den Weg legt, entwickelt A New Shift eine ganz organische Dramaturgie, was der Dokumentation eine fast schon spielfilmhafte Anmutung verleiht – nicht zuletzt auch dank der Kamera, die ganz nach dem Fly-on-the-Wall-Prinzip distanziert und ohne jeglichen Eingriff in die Szenerie agiert. Sie begleitet Tomáš in seiner Wohnung, im Bus, zu Bewerbungsgesprächen, ins Fußballstadion und baut auf diese Weise Stein für Stein ein vielschichtiges Porträt dieses Mannes, der entschlossen ist, sein Leben selbst zu gestalten, etwas Neues zu wagen und sich entgegen aller Unkenrufe durchzusetzen. Der es von der Arbeitslosigkeit letztlich auf die Bühne schafft, um dort einen TED-Vortrag über seinen Werdegang zu halten.

Am Ende ist A New Shift also doch eine Erfolgsgeschichte. Eine, die das neoliberale Narrativ vom wirtschaftlichen Erfolg auf Grundlage individuellen Leistungswillens bedient, es zugleich aber auch dekonstruiert. In jenen Momenten etwa, in denen erkennbar wird, dass Tomáš‘ Erfolg vor allem mit dem Glück einhergeht, zur rechten Zeit die rechte Gelegenheit zu bekommen. Leider blendet A New Shift, wie die meisten solcher Leuchtturm-Erfolgsgeschichten, all jene Menschen aus, denen dieses Glück nicht vergönnt war. Das ist durch seine Selektivität einerseits verklärend – andererseits aber, auch wenn das pathetisch klingen mag, kann dieser Film jenen, die in eine ganz ähnliche Lage wie Tomáš geraten, durchaus Kraft und Hoffnung geben. Darauf, dass trotz gehobenen Alters und Berufskompetenzen, die heute nicht mehr gefragt sind, ein Neustart möglich ist.

A New Shift (2020)

Tomáš arbeitet 21 Jahre lang als Bergmann, bis die Mine schließt. Hoffnungsvoll macht er eine Umschulung zum Programmierer. Doch der Weg aus der Krise ist schwerer als gedacht.

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