Wir Eltern (2019)

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Was tun, wenn die Kinder nicht ausziehen wollen? Diese Eltern gehen einen ungewöhnlichen Weg.

Wir Eltern (2019)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Erziehung als Abschiednehmen

„Seid mal ruhig, ich versuche zu gamen.“ Es ist nicht einfach, mit heranwachsenden, ach was: herangewachsenen Kindern, wenn die es sich immer noch gemütlich im elterlichen Heim machen, aber eigentlich längst hätten eigene Wege gehen sollen. Und das großzügige Geldgeschenk vom Großvater, nach eigenem Gusto für Ausbildung oder Geldanlage oder Verschwendung zu nutzen, hilft, wenn man ehrlich ist, den Eltern auch nicht gerade.

Vero und Michi sind, man darf das so sagen, aufgeklärte liberale Geister in der ja tendenziell gern zum Konservativen neigenden Schweiz. Wenn sie sich aussprechen, hat jede_r eigene Redezeit, die/der andere darf nur zuhören – alles sehr aufmerksam und zivilisiert. Sie wohnen in einer nachhaltig geplanten Wohnanlage, Vero ist SP-Mitglied mit politischen Ambitionen, Michi ist immer wieder in Afrika für nur vage beschriebene Hilfsprojekte unterwegs, aber ihre eigentliche Herausforderung hinterlässt die Küche immer unaufgeräumt. Die Zwillinge Romeo und Anton schwänzen Schule, lassen sich aber gerne von ihrer Mutter ein Thema für die Abschlussarbeit vorbereiten.

Sie wissen genau, welche Knöpfe sie drücken müssen: eine herablassende Bemerkung über Frauen oder Muslime, damit kriegt man diese Eltern natürlich immer. Auf den Schränken in der Küche stapeln sich die leeren Pizzaschachteln (sie werden später noch eine besondere Rolle spielen), und irgendwann zieht Antons Freundin Nesrin (Zohra Shetab) auch noch ein.

Während das elfjährige Nesthäkchen Benji seinen Eltern und Brüdern leicht fassungslos zusieht, kommen Vero und Michi, beide auch nicht mehr ganz jung, an ihre Grenzen und fragen sich: Wie kriegen wir die Kinder jetzt vor die Tür gesetzt?

Wir Eltern ist eigentlich ein seltsames Filmprojekt: Buch und Regie stammen vom Ehepaar Eric Bergkraut und Ruth Schweikert – ein Filmemacher und eine Schriftstellerin – und es ist kein Zufall, dass die drei Brüder im Film Elia, Ruben und Orell Bergkraut heißen. Eine Familie spielt gewissermaßen sich selbst, in ihrer eigenen Wohnung zudem; Eric selbst gibt den Vater Michi, nur die Rolle der Vero wurde mit Elisabeth Niederer gewissermaßen extern besetzt.

Auch wenn die Handlung grundsätzlich feststand, wurde viel improvisiert. Man merkt vor allem den Jungdarstellern an, dass ihnen noch ein wenig die Erfahrung vor der Kamera fehlt. Sie wirken stellenweise ein wenig ungelenk darin, wie sie trotzig-überheblich die Bemühungen der Eltern abperlen lassen – auf der anderen Seite ist das nachgerade realistisch, genau so: Unbeholfen die Eltern provozieren, und die sollten es zwar besser wissen, gehen aber trotzdem mit.

Natürlich ist das nicht das Leben der Familie Bergkraut, das hier zu sehen ist, sondern Familie Kamber-Gruber. Bergkraut und Schweikert verstärken die Distanz noch durch plötzlich einfallende, an Fernsehdokus erinnernde Momente, in denen auf einmal bekannte Erziehungsexpert_innen wie Remo Largo und Michèle Binswanger im Badezimmer, im Schlafzimmer der Familie sitzen und ihre Einschätzung abgeben: Grenzen setzen, Kinder ermächtigen und vielleicht ein wenig schubsen, damit sie ein eigenständiges Leben beginnen.

„Wohlstandsverwahrlosung“ ist so ein Wort, das im Film von einer Figur in den Raum geworfen wird, und dass da was dran sein könnte, scheinen jugendliche Sätze wie dieser zu unterstreichen: „In ein WG-Zimmer ziehe ich nur, wenn ich ein eigenes Klo bekomme.“

Wir Eltern aber will sich nicht ganz so leicht auf wohlfeile Schlagwörter festlegen lassen. In großer emotionaler Not finden alle wieder zusammen, zwischendrin gibt es dann auch Momente, in denen die großen Jungs im Miteinander ganz alberne kleine Jungs werden. Vor allem aber ist der Prozess hier ein gegenseitiges Abstrampeln und Losstrampeln von einem Zusammenleben, das sich über fast zwanzig Jahre eingespielt hat und nun aufgelöst werden muss.

Es hat ja auch niemand behauptet, dass Elternschaft besonders einfach wäre.

Wir Eltern (2019)

Ein Zürcher Elternpaar glaubt, alles richtig gemacht zu haben. Doch die halbwüchsigen Kinder blockieren das Familiensystem. Bis die Eltern ausziehen.

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