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Ein Schüler ohne Eigenschaften in einem rätselhaften Film – Christian Schäfers Kinodebüt erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte als Mix aus Familiendrama und Thriller. Nicht die einzige Überraschung.

Trübe Wolken (2021)

Eine Filmkritik von Falk Straub

(St)Einschläge

Die Pubertät ist nicht nur eine Abfolge amüsanter Peinlichkeiten, wie uns Coming-of-Age-Komödien weismachen wollen. Erwachsen zu werden, ist eine seltsame, mitunter einschüchternde Erfahrung. Im Kinodebüt von Regisseur Christian Schäfer wird sie zu einem beängstigenden Ort. An der Schwelle zur Volljährigkeit inszeniert sein Protagonist seinen eigenen und sehr eigenartigen Thriller – und lässt das Publikum bis zum Schluss im Dunkeln tappen.

Das klingt bereits im Namen der Hauptfigur an. Drehbuchautor und Co-Produzent Glenn Büsing hat sie Paul Nebe genannt. Wenn Jonas Holdenrieder, der Paul verkörpert, dessen Nachnamen ausspricht, dann hört er sich wie Nebel an. Wie passend für einen Charakter, der genauso undurchsichtig wie der Film ist, durch den er geschmeidig wie eine Raubkatze schleicht.

Paul ist 17 und steht kurz vor dem Schulabschluss. Seine Stiefmutter Sylvia (Claudia Geisler-Bading) wünscht sich ein Studium in Jena für den Jungen. Dort sei es schön, hat sie gelesen. Was Paul sich wünscht, wovon er träumt, was ihn an- und umtreibt, was er hässlich und was schön findet, bleibt ungewiss. Holdenrieder spielt ihn mit schlafwandlerischer Ruhe, so ausdruckslos und unscheinbar, dass er fast mit dem Hintergrund verschwimmt. Paul ist ein Junge ohne Eigenschaften. Unsichtbar für sein Umfeld.

Wir folgen ihm auf seinen Streifzügen. Mal durch die Natur, immer wieder durch die Schulflure, mal durch leerstehende Gebäude. Lost places für einen lost boy. Und wir sehen ihm bei seinen kleinen Diebstählen zu. Wo immer Paul hingeht, durchstöbert er Schubladen, Jacken-, Hosen- und Handtaschen auf der Suche nach Fotografien, die er heimlich an sich nimmt. Beinahe so, als eigne er sich dadurch auch die Eigenschaften der fotografierten Menschen an.

All das könnte ein klassisches Drama über das Erwachsenwerden sein; über die Suche nach der eigenen Identität, über die Suche nach einer zukünftigen Profession und über das Suchen und Finden der Liebe. Denn da ist ein Mädchen, Dala Brünne (Valerie Stoll), der Star der Theater-AG, die sich ihrem Nachnamen entsprechend einen emotionalen Schutzpanzer zugelegt hat, auf die Paul ein Auge geworfen hat. Und da ist ein Junge, David Schatterhain (Valentino Fortuzzi) – noch so ein sprechender Name –, der Paul schöne Augen macht. Da ist Max (Max Schimmelpfennig), Klassenclown und Bully in einem, der aus seiner Begierde keinen Hehl macht. Und da ist der Biologielehrer Erich Bulwer (Devid Striesow), der in seiner Literatur- und Film-AG Pauls kreative Ader weckt.

Aber da ist auch noch etwas anderes, bedrohlich und nicht greifbar. Es lungert in den Zwischenräumen der von Kamerafrau Sabine Sina Stephan nur scheinbar unscheinbar hingeworfenen, dabei aber sehr wohl wohltemperierten Bilder. Und es klingt in Philipp Schaepers und Christopher Colaços Musik an, die Ungemach evoziert. Es ist die Aggression, die sich in einem pubertierenden Körper anstauen und urplötzlich entladen kann. Ein Junge verschwindet. Steine werden von Brücken geworfen. Die Einschläge kommen näher. 

Diese Aggression nimmt in Pauls Familie ganz unterschiedliche Formen an. In ihm und seinem jüngeren Bruder Silas (Aurel Klug), für den er den Beschützer spielen soll, es aber nicht kann, weil er nie da, sondern immer in Bewegung ist. Und wer weiß, vielleicht war diese Aggression auch in ihrem Vater Per-Ulrich (Peter Jordan) einmal zu Hause. Indem er sich der Handlung beständig entzieht, wirkt Per-Ulrich zumindest wie Pauls erwachsenes Abbild. 

Überhaupt die Erwachsenen! Kein einziger scheint in diesem Film normal zu sein. Alle – allen voran Devid Striesows Biologielehrer – verströmen etwas Unbehagliches. Kryptische Reden zwischen Tierpräparaten. Creepy! Eine Wohnung, in der Ölschinken, Madonnenfiguren und Terrarien voller Kriechtiere Hand in Hand gehen. There is something strange in the neighborhood

Und am Ende? Anscheinend alles klar und doch alles offen. Dieses Debüt gibt keine eindeutigen Antworten und traut sich, voll und ganz auf Atmosphäre zu setzen. Bitte mehr davon!

Trübe Wolken (2021)

Der 17-jährige Paul interessiert sich für seltsame Dinge: für Schleichpfade und verlassene Gebäude, geflüsterte Gespräche und liegen gelassene Taschen. Ansonsten hat der stille Einzelgänger scheinbar keine Eigenschaften. Auf seine Mitschülerin Dala und seinen kunstsinnigen Lehrer Bulwer, die von verborgenen Sehnsüchten getrieben werden, übt er gerade deswegen eine merkwürdige Faszination aus. Bis eines Tages ein Jugendlicher tot im Wald aufgefunden wird.

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Meinungen

Bennet Kopp · 15.01.2022

Interessant anders und vermutlich auch gewöhnungsbedürftig für manche Zuschauer. Ein Rätsel bis zum Schluss. Selten dass ein Film so über seine Atmosphäre nachwirkt und sehr untypisch für deutsche Filme in seiner ganzen Art. Von daher - Anschauen und das am besten im Kino. Habe ihn auch online gesichtet auf einem Festival.

Tom Kranich · 24.04.2021

Habe den Film online beim Max Ophüls Filmfest sehen können. Spezieller Beitrag, sehr individuell und trotzdem erfrischend. Ein Film, der ein Geheimnis um sich selbst macht, aber trotzdem einen Sog beim zuschauen entwickelt und man fast das Gefühl hat die Figuren (insbesondere der wunderbare Jonas Holdenrieder) sind bei einem im Raum.

Werde mir den Film auf alle Fälle noch einmal im Kino anschauen sobald er erscheint!