The Death of Cinema and My Father Too (2020)

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In einem facettenreichen Puzzle aus verschiedenen Fragmenten und Handlungs- sowie Realitätsebenen erzählt Dani Rosenberg von einem Sohn, der seine Familie in seinem geplanten Spielfilm einbaut und gleichzeitig damit kämpft, dass sein Vater vor seinen Augen zerfällt und bald sterben wird.

The Death of Cinema and My Father Too (2020)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Abschied nehmen

Es ist kein leichtes Debütwerk, mit dem der israelische Filmemacher Dani Rosenberg in diesem seltsam verlorenen Jahr der Filmwelt seine Aufwartung macht - das liest man bereits aus dem Titel heraus, der auf seltsame Weise fast prophetisch erscheint. Viel wird derzeit über den vermeintlichen oder tatsächlichen Tod des Kinos gesprochen. Und doch ist Rosenbergs „The Death of Cinema and My Father Too“ vor allem ein Abschied von einem geliebten Menschen und zeigt allenfalls die Unzulänglichkeiten des Kinos und des Films, den Lauf der Dinge aufzuhalten.

In einer Verschränkung aus Fiktion und realem Leben erzählt der Film auf mehreren Ebenen vom Entstehen eines Films und dem Sterben eines alten Mannes. Da ist zum einen der Regisseur Asaf (Roni Kuban), der gemeinsam mit seinem Vater Yoel (Marek Rozenbaum) einen Film über einen Mann drehen will, der seine Familie vor dem befürchteten Angriff der iranischen Luftwaffe auf Israel in Sicherheit bringen muss. Die Dreharbeiten haben bereits begonnen, doch dann geht es Yoel aufgrund seines Krebsleidens immer schlechter, sodass Asaf eigentlich von seinem Plan abrücken muss. Doch genau das bringt er nicht übers Herz, sondern verbringt immer mehr Zeit an der Seite seines Vaters und vergisst in dieser Zeit völlig das Projekt, das er ursprünglich im Sinn hatte. Es gibt allerdings noch eine weitere Konstellation, die dieser zum Verwechseln ähnlich ist: Auch hier geht es um einen Filme machenden Sohn — und zwar in Gestalt des Regisseurs Dani Rosenberg selbst, der ebenfalls einen Film mit seinem krebskranken Vater Natan Rosenberg machen will. Und wie bei deren fiktiven Alter Egos so wird auch hier aus der Zeit des Drehens eine Zeit des Abschieds, in der alles andere in den Hintergrund rückt und ein ganz anderer Film entsteht als ursprünglich geplant.

Was der Film erzählt, ist Dani Rosenberg genau so selbst widerfahren. Er steckte mitten in den Dreharbeiten zu seinem geplanten Erstling The Night Escape, der von einem bevorstehenden Luftangriff des Iran auf Israel und dessen Auswirkungen auf eine Familie erzählen sollte, als sich der Zustand seines Vaters, der eine wichtige Rolle spielen sollte, rapide verschlechterte. Wie auf beiden Erzählebenen gespiegelt, ließ dieser Abschied das eigentliche Vorhaben schnell in den Hintergrund rücken und der Film, der daraus entstand, bekam einen völlig anderen Tonfall und wurde ein gänzlich anderes Werk.

Man merkt dem Film an, dass er auch ein Anrennen gegen die ablaufende Zeit ist und den Wunsch beinhaltet, die Zeit des Verfalls und des Abschieds möge sich aufhalten oder stoppen lassen. Schließlich ist das Kino doch jedes Medium, das es mittels Montage, Rückblenden und anderen Kunstgriffen versteht, die Zeit fast beliebig zu manipulieren oder deren Lauf sogar umzudrehen. Und doch ist das Kino kein Allheilmittel gegen den Lauf der Zeit, sondern stößt immer wieder an die Grenzen des Realen und Faktischen. Und so ist der Film eben auch eine Reflexion nicht nur über das Abschiednehmen, er behandelt ebenso das Medium des Films mit all seinen Unzulänglichkeiten, seinen manchmal eben doch falschen Versprechungen.

Geschickt mischt Dani Rosenberg in seinem fast schon labyrinthisch anmutenden, verschlungenen Film nicht nur verschiedene Realitäts- beziehungsweise Funktionsebenen, sondern auch unterschiedliche Materialitäten, die Handysequenzen, VHS-Film und echtes Zelluloid miteinander kombinieren, zu einem Film, der dennoch nie auseinander zu fallen droht. 

Obwohl The Death of Cinema and My Father Too ein Debütfilm ist, ist dessen Schöpfer Dani Rosenberg beileibe kein Neuling hinter der Kamera. Zuvor war er bereits Co-Regisseur des Dokumentarfilms Zohar, the Return (2018) und Erfinder (Regie und Drehbuch) der israelischen TV-Serie Milk & Honey, in der vier Freunde aus einem kleinen Kaff in Galiläa auf die Idee kommen, den ersten Escort-Service des Landes nur für Frauen zu eröffnen. Sein Spielfilmerstling nun gehört zu den Filmen, die mit dem Label Cannes 2020 ausgezeichnet wurden, ohne dass das Festival bekanntermaßen stattfand. Und so teilt der Film das Schicksal mit zahlreichen anderen aufregenden Werken dieses Jahres — sie drohen mehr noch als in jedem anderen Jahr in Vergessen zu geraten, wenn sie nicht immer wieder sichtbar gemacht werden. Und es gehört sicher zu den großen Verdiensten des diesjährigen Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg, dass es unter schwierigsten Bedingungen genau diese Aufmerksamkeit erzeugt, die Filme wie The Death of Cinema and My Father Too dringend benötigen. Insofern erzählt dieser Film nicht vom Tod des Kinos, sondern von der Notwendigkeit des Überlebens der Filmtheater und -festivals - und demzufolge nicht allein von der Brüchigkeit des Lebens.

The Death of Cinema and My Father Too (2020)

Ein Vater und sein Sohn versuchen die Zeit mittels des Kinos anzuhalten. Während der Vater sich recht unsentimental der Tatsache stellt, dass er nicht mehr lange zu leben hat, versucht der Sohn alle, um seinen Vater als Helden sehen zu können.

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