Tesla (2020)

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David Bowie hat ihn schon verkörpert. Und jüngst trat Nicholas Hoult in „Edison – Ein Leben voller Licht“ als Nikola Tesla auf. Michael Almereyda hat dem Erfinder nun ein ganzes Biopic mit Ethan Hawke in der Titelrolle gewidmet.

Tesla (2020)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Wikipedia-Geschichtsstunde

Wer heute den Namen Tesla hört, denkt vermutlich als erstes an ein kalifornisches Unternehmen und dessen charismatische Führungsfigur Elon Musk. Wie Musk, der aus Südafrika über Kanada ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten kam, war auch Nikola Tesla ein Immigrant. Doch wer verbirgt sich hinter diesem serbischstämmigen Erfinder, an den der Hersteller von E-Autos seinen Firmennamen angelehnt hat? Michael Almereyda spürt dem wegweisenden Elektroingenieur in einem Biopic nach, das sich wie sein berühmter Protagonist wenig darum kümmert, was andere von ihm halten.

Der Film wird mit einer Rutschpartie eröffnet. Rollschuhe an die Füße geschnallt, dreht Nikola Tesla (Ethan Hawke) mit Anne Morgan (Eve Hewson), der Tochter des Bankiers und Geldgebers J. P. Morgan (Donnie Keshawarz), ein paar wackelige Runden. Danach springt die Handlung auf der Zeitachse zurück und wieder nach vorn. Die unsichere Faktenlage über Teslas Leben und Arbeit überträgt der Regisseur und Drehbuchautor Michael Almereyda auf die Form seines Films. Alsbald schleichen sich erste Irritationen ein.

Der erste Drehbuchentwurf hat beinahe 40 Jahre auf dem Buckel. Das Skript zu Tesla war Almereydas erstes überhaupt. Ursprünglich sollte der Pole Jerzy Skolimowski die Regie übernehmen. Doch das Projekt kam nicht zustande. In der mehrfach überarbeiteten Version, die Almereyda nun selbst umgesetzt hat, findet sich mit Anne Morgan eine Figur, die in der Ursprungsversion noch gar nicht vorgekommen war.

Morgan führt als unsichere Erzählerin durch die Handlung. Mal gibt sie aus dem Off die Anekdote von Teslas wissenschaftlichem Erweckungserlebnis zum Besten, mal sitzt sie vor einem Laptop und zeigt dem Kinopublikum die unterschiedliche Trefferzahl auf, die Internet-Suchanfragen bei den Namen Nikola Tesla und Thomas Alva Edison ausspucken. Wiederholt stellt Morgan ihre eigenen Aussagen postwendend infrage. Ihre Recherche am Computer bleibt nicht der letzte Anachronismus.

Dass sich Almereyda wenig um historische Akkuratesse schert, zeigt schon ein Blick auf das Casting seines Films. Ethan Hawke und Kyle MacLachlan, der in ein paar kurzen Episoden Teslas ersten US-Arbeitgeber Thomas Edison spielt, sind für ihre Rollen viel zu alt. Hawke ist zudem neun Zentimeter zu klein und einige Kilos zu schwer, wodurch er zu keinem Zeitpunkt an Teslas von seinen Zeitgenossen als elegant beschriebenes Erscheinungsbild heranreicht. Doch nicht nur hier geht Almereyda für einen Historienfilm ungewohnte Wege, die in seinem eigenen Werk so ungewohnt gar nicht sind.

Der 1959 geborene Filmemacher kommt aus dem Independent-Kino und ist Stammgast beim Sundance Film Festival. Dort feierte auch Tesla im Januar 2020 Premiere. Dem überschaubaren Budget geschuldet, setzt Almereyda nicht auf teure Kostüme und Kulissen, sondern auf wandfüllende Fotos und Projektionen, vor denen er seine Schauspieler positioniert. Eine Methode, die bereits in Experimenter (2015), einem Biopic über den Psychologen Stanley Milgram, zum Einsatz kam.

Almereydas Ideen sind mannigfaltig. Thomas Edison zückt schon mal ein Smartphone, die Schauspielgröße Sarah Bernhardt (Rebecca Dayan), deren Wege sich mit Teslas kreuzen, schreitet zu Elektro-Beats eine Treppe herab und Tesla singt den 1980er-Hit „Everybody Wants to Rule the World“ der Band Tears for Fears. Doch all diese kreativen Versatzstücke bleiben wackelig. Die Geschichte, die von Teslas Anstellung bei Edison über seinen Wechsel zu George Westinghouse (Jim Gaffigan) bis zu seinen Experimenten in Colorado Springs um die Wende zum 20. Jahrhundert reichen, will sich nicht zu einem schlüssigen Ganzen fügen.

Zum Bundesstart dieses Films drängt sich ein Vergleich geradezu auf. Verzögerungen im Zuge des Weinstein-Skandals und durch die Coronavirus-Pandemie haben dazu geführt, dass der Director’s Cut von Alfonso Gomez-Rejons Edison – Ein Leben voller Licht (2017) in Deutschland nur einen Monat vor Almereydas Tesla in die Kinos kam. Eine Gegenüberstellung ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil die Filme, die mal im Zentrum, mal am Rande von der Elektrifizierung Amerikas erzählen, kaum unterschiedlicher sein könnten.

Während Gomez-Rejon den Stromkrieg zwischen Thomas Edison und George Westinghouse als atemlosen Wettlauf inszeniert, der zwischendurch wie ein Thriller anmutet und dank Chung-hoon Chungs Aufnahmen auch atemberaubend aussieht, gerät Almereydas Drama mitunter zu einer zähen Wikipedia-Geschichtsstunde. Bei Gomez-Rejon spielt Nicholas Hoult den Erfinder und legt ihn als gewitzten Neurotiker mit jeder Menge Ticks, aber auch ausreichend Charme an. Ethan Hawkes Tesla ist ein schweigsamer Eigenbrötler, der so viel nachdenkt, dass er stets abwesend wirkt. Dadurch kommt auch dem Film die Hauptfigur irgendwann abhanden.

In seiner Absicht, dem Ungreifbaren eine Form zu geben, gerät die Form nach allen Seiten offen, unscharf und beliebig. Hawke, mit dem Almereyda bereits bei den Shakespeare-Adaptionen Hamlet (2000) und Cymbeline (Anarchie) (2014) zusammengearbeitet hat, ist für die Hauptrolle keine gute Wahl. Er stolpert durch die kulissenhaften Sets wie ein Geist. Ob das dem Geist dieses großen Erfinders gerecht wird?

Tesla (2020)

Der junge, brillante Wissenschaftler Nikola Tesla forscht in New York. Er arbeitet an der Verwirklichung seines revolutionären elektrischen Systems und befindet sich in einem Wettstreit mit seinem Erfinderkollegen Thomas Edison.

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Meinungen
Axel Hoeber · 30.08.2020

Die Leistung für Drehstrom beträgt: P=U*I*√3-cos φ
Wechselstrom bei hohen Frequenzen läßt sich nur für kleine Leistungen als elektromagnetische Welle übertragen (Rundfunk). Andernfalls dürfte man auch keine Metallteile berühren.

Kommentare

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