Relic (2020)

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Natalie Erika James liefert mit „Relic“ einen wirkungsvollen Genrefilm – und ein eindringliches, drei Generationen umfassendes Familiendrama mit dem eindrücklichen Schauspiel-Trio Robyn Nevin, Emily Mortimer und Bella Heathcote.

Relic (2020)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Der Schrecken des Alterns

Horror – das kann Blut und Gedärm bedeuten oder Spuk und Gespenster oder Monster und Krawall. Und gegen all das gibt es nun wirklich nichts einzuwenden. Die wohl fieseste Form des Horrors ist indes wohl jene, die uns allzu nah ist. In der das Unheimliche im Heim(lichen) liegt, also in uns selbst und in unseren Liebsten. Filme wie Ari Asters „Hereditary“ (2018) oder Jordan Peeles „Wir“ (2019) haben sich in diese schmerzhaften Gefilde des Psycho-Horrors vorgewagt und ihr Publikum in die finstersten Abgründe mitgenommen – und auch die Regisseurin Natalie Erika James beschreitet in ihrem Langfilmdebüt „Relic“ diesen Pfad.

Die verwitwete Rentnerin Edna (Robyn Nevin) ist eines Tages verschwunden; Tochter Kay (Emily Mortimer) und Enkelin Sam (Bella Heathcote), die aus der Stadt anreisen, sind in Sorge. Eine Vermisstenanzeige wird aufgegeben, die Wälder werden durchsucht – und Kay und Sam bewegen sich leicht verängstigt durch Ednas großes, altes Haus. Dann ist Edna plötzlich wieder da – sie steht in der Küche und kann sich an nichts erinnern. Doch Kay und Sam bemerken bald Veränderungen im Verhalten der (Groß-)Mutter.

In Teilen bedient Relic das Subgenre des Haunted-House-Films. Bereits in der Auftaktsequenz, in der eine Badewanne überläuft und das Schaumwasser langsam durch das Haus kriecht, gelingt James ein kleines atmosphärisches Meisterinnenstück. Und auch später sorgen die Ausstattung des Hauses – die dunklen Ecken, die mysteriösen Schränke, der wunderliche Plunder – sowie die (vermeintlich) unerklärlichen Geräusche für Grusel. Oft beherbergt ein solches Haus irgendeinen öden Dämon, dessen Motivation uns schon während des Abspanns wieder entfallen ist – Rache, Vergeltung, pure Bosheit, was auch immer.

In Relic ist das Haus hingegen nicht einfach nur eine Kulisse für ein bisschen Schauder-Unterhaltung. Vielmehr ist es tief verbunden mit den drei Protagonistinnen, insbesondere mit Edna. So befremdlich das Haus und dessen staubige Einrichtung auf Kay und Sam wirken, so befremdlich wirkt auch Edna auf die beiden. Ist es die Alzheimer-Krankheit, die das seltsame, häufig aggressive Verhalten der alten Frau verursacht? Oder ist Edna von etwas besessen? „It’s not her anymore!“, heißt es an einer Stelle. Deutlich erschreckender ist jedoch die Erkenntnis, dass sie es (immer noch) ist – dass ein geliebter Mensch sich (im Alter) verändert, dass etwas Monströses in uns steckt, das kein aufopferungsvoller Exorzist auszutreiben vermag.

Eine Erkrankung wie Alzheimer mit Mitteln des Genre-Kinos zu erzählen, kann natürlich auch völlig schiefgehen. So wie das Thema bereits in Komödien für billige Scherze herhalten musste, könnte es hier für schnelle Schocks ausgebeutet werden. Das Drehbuch, das James gemeinsam mit Christian White verfasst hat, verfügt allerdings über eine sehr feine Figurenzeichnung. Weder Edna noch Kay oder Sam sind reine Sympathieträgerinnen. Alle verhalten sich zuweilen ungerecht – wie das in einer Familie zwischen den Generationen eben so passiert. Und alle drei haben Ängste. Dass diese im Stil eines Horrorfilms geschildert werden, ist durchaus nachvollziehbar. Die Angst vor dem Tod, vor der Unerbittlichkeit der Zeit, vor uns selbst und vor denen, die wir verletzen und die uns verletzen, weil Liebe nun einmal meist zu Verletzungen führt – für all das müssen wir Worte und Bilder finden, und diese entdecken wir nicht selten im Kino.

Die spannungsreichen zentralen Figuren werden zudem von drei hervorragenden Schauspielerinnen verkörpert. Robyn Nevin, Emily Mortimer und Bella Heathcote spielen so vertraut miteinander, als seien sie tatsächlich Verwandte – und sie verhalten sich dabei zugleich so distanziert zueinander, wie dies nur Menschen tun, die wissen, wie sehr sie sich gegenseitig wehtun können.

Relic (2020)

Als die verwitwete Edna verschwindet, reisen ihre Tochter Kay und ihre Enkelin Sam zum weit entfernten Anwesen der alten Damen, um nach ihr zu suchen.  Zwar kehrt diese zurück, doch etwas scheint sich ihrer bemächtigt zu haben.

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