Old (2021)

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M. Night Shyamalan führt eine touristische Gruppe in „Old“ an einen mysteriösen Strand – und entflammt ein kleines Feuerwerk an wunderlichen Ideen.

Old (2021)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

High by the Beach

Die Karriere von M. Night Shyamalan hat Höhen und Tiefen hinter sich. Nachdem der Autorenfilmer durch die Hits „The Sixth Sense“ (1999), „Unbreakable“ (2000) und „Signs“ (2002) als „der nächste Spielberg“ gefeiert wurde, folgte auf „Das Mädchen aus dem Wasser“ (2006) eine Reihe von Niederlagen und fehlgeschlagenen Comeback-Versuchen, die erst mit dem Low-Budget-Achtungserfolg „The Visit“ (2015) gestoppt werden konnte. Mit „Split“ (2016) und „Glass“ (2019) war Shyamalan schließlich wieder im Mainstream angekommen. An diesem Punkt wäre es für ihn wohl ein Leichtes gewesen, mit massentauglicheren Stoffen für eine Weile auf der sicheren Erfolgswelle zu schwimmen.

Umso erfreulicher ist es, dass sich Shyamalan in seinem Filmschaffen seine Verschrobenheit bewahrt hat. Old, seine neueste Arbeit, ist ein herrlich bizarres Werk, das die eigene Prämisse in all ihrer Absurdität erstaunlich ernst nimmt. Die Inspiration für sein Drehbuch fand Shyamalan in der 2010 veröffentlichten Graphic Novel Sandcastle von Pierre-Oscar Lévy und Frederick Peeters.

Erzählt wird von einer Familie – Vater Guy (Gael García Bernal), Mutter Prisca (Vicky Krieps) sowie der elfjährigen Tochter Maddox (Alexa Swinton) und dem sechsjährigen Sohn Trent (Nolan River) –, die in einem luxuriösen Ferienresort eintrifft. Mit den Worten „Willkommen in unserer Version des Paradieses!“ werden sie vom jovialen Resort-Manager (Gustaf Hammarsten) empfangen, bekommen Begrüßungscocktails gereicht – und können kaum fassen, dieses beeindruckende Angebot online entdeckt zu haben. Früh streut Shyamalan ein paar Irritationen ein. Außerdem scheint das Familienglück brüchiger, als zunächst vermutet. Nach dem Urlaub wollen Guy und Prisca sich trennen, Prisca scheint überdies eine ernsthafte Erkrankung zu haben. Als der Manager der Familie einen geheimen Privatstrand empfiehlt, lassen sich die vier per Shuttlebus dort hinbringen.

Neben Guy, Prisca und den beiden Kindern landen an dem unerschlossenen Strand auch noch der Arzt Charles (Rufus Sewell) samt seiner jungen Ehefrau Chrystal (Abbey Lee), der gemeinsamen Tochter Kara (Mikaya Fisher) und seiner Mutter Agnes (Kathleen Chalfant) sowie der Krankenpfleger Jarin (Ken Leung) mit seiner Frau Patricia (Nikki Amuka-Bird), die Epilepsie hat. Bereits vor Ort ist der Rapper Mid-Sized Sedan (Aaron Pierre), der sich zunächst gänzlich im Hintergrund aufhält. Als plötzlich eine Leiche angespült wird, scheint der schöne Strandtag ruiniert. Doch dies ist erst der Anfang einer Odyssee des Grauens. Es gibt keinen Handyempfang. Ein Entkommen vom Strand ist unmöglich, da alle, die es versuchen, beim Gang durch die Felsen ohnmächtig werden und wieder am Strand erwachen. Und das Schlimmste von allem: Alle Anwesenden verändern sich. Waren Maddox, Trent und Kara nicht gerade noch kleine Kinder? Wo kommen die Falten im Gesicht der Erwachsenen her? Und warum wird Charles immer sonderbarer und unberechenbarer?

Nein, Old ist kein Film, der nur von seinem End-Twist lebt. Vielmehr zaubert er minütlich neue Einfälle hervor und macht großen Spaß – gerade deshalb, weil er selbst kaum an ironischem Augenzwinkern interessiert ist. Shyamalan geht das Risiko ein, für sein neues Werk abermals verlacht zu werden. Denn die Story ist ziemlich abgedreht, bewegt sich irgendwo zwischen einem Agatha-Christie-Roman, einer Twilight-Zone-Episode und moderner Horrorunterhaltung wie It Follows (2014). Reizvoll ist nicht zuletzt, dass extrem hölzerne Dialoge und zugespitzte Figuren auf feine Schauspielkunst treffen. Vicky Krieps etwa verkörpert ihre Rolle derart feinfühlig, als befinde sie sich in einem subtilen Arthouse-Drama. Das Spiel von Rufus Sewell oder Aaron Pierre ist derart ausdrucksstark, dass jede groteske Dialogzeile aus ihren Mündern ungeahnte Qualität gewinnt. Und wie großartig ist denn bitte Abbey Lee, die aus dem Klischee einer Trophy-Wife eine tragische Gestalt macht – wie aus einem Fantasy-Horrorstück, das Tennessee Williams niemals schrieb.

Die Zeit-Abnormitäten, die an diesem Strand vonstattengehen (und an dieser Stelle nicht näher ausgeführt werden, da sie auf der Leinwand erlebt werden müssen), haben Dramen im Schnelldurchlauf zur Folge. In gewisser Weise bedient sich Old der Body-Count-Dramaturgie des Slasher-Kinos. Aber das Abzählen ist hier so extravagant, dass es stets originell bleibt. Hinzu kommt die Kameraarbeit von Mike Gioulakis, die immer wieder für Unbehagen sorgt, da sie uns Dinge vorenthält und ebenso desorientiert wie die handelnden Figuren anmutet. Am Ende neigt der Film etwas zu sehr zum Auserzählen. Bei manchem hätte eine Andeutung völlig ausgereicht. Doch insgesamt überwiegt der angenehme Eindruck von Exzentrik, von der Lust am Ausgefallenen. Willkommen in Shyamalans Version des Film-Paradieses!

Old (2021)

Der neue Film von M. Night Shyamalan basiert auf dem Comic Sandcastle von Pierre Oscar Levy und Frederik Peeters und handelt von einer Gruppe von Personen, die eine Leiche an einem Strand finden. Kurz darauf widerfahren ihnen seltsame Dinge. 

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