No Man of God (2021)

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Warum eigentlich gibt es immer wieder filmische Versuche, die Psyche des 1989 hingerichteten Serienmörders Ted Bundy zu ergründen? Die Regisseurin Amber Sealey legt auf reißerische Darstellungen keinen Wert. Sie unterzieht die Figur in diesem kammerspielartigen Drama einem Prozess der Entmystifizierung.

No Man of God (2021)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Gespräche mit einem Serienkiller

Ted Bundy (Luke Kirby) sitzt 1985 in Florida im Gefängnis. Der Frauenmörder soll laut Gerichtsurteil auf dem elektrischen Stuhl sterben, aber die Todesstrafe wird seit Jahren immer wieder hinausgeschoben. Niemand weiß zu dem Zeitpunkt, wie viele Mädchen und junge Frauen er in den 1970er Jahren tatsächlich vergewaltigt und umgebracht hat. Erst kurz vor seiner Hinrichtung wird er die Zahl 30 in den Raum werfen. Das FBI, die amerikanische Bundespolizei, schickt Special Agent Bill Hagmaier (Elijah Wood) nach Florida. Er ist einer der ersten sogenannten Profiler, die die Psyche und Mentalität von Serientätern untersuchen sollen. Auf den Gesprächen, die Hagmaier mit Bundy bis zu dessen Hinrichtung 1989 führte, basiert dieses Drama, das die Regisseurin Amber Sealey inszeniert hat.

An Filmen über den Serienkiller Bundy mangelt es allerdings nicht. Das Böse in Gestalt eines attraktiven Mannes, der keine Reue für seine bestialischen Taten zeigte, scheint sich für die wiederholte filmische Behandlung geradezu anzubieten. So gibt es auch aus jüngerer Zeit etliche dokumentarische Werke – etwa die TV-Miniserie Ted Bundy: Falling for a Killer von 2020 — und auch Spielfilme wie zum Beispiel Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile mit Zac Efron aus dem Jahr 2019. Da Bundy während seiner Jahre im Gefängnis mit verschiedenen Ermittlern und anderen Interessierten sprach, lieferte er auch selbst genügend Material zur späteren filmischen Auswertung. Wirklich Neues hat dieses Drama, das im Kern ein Kammerspiel mit Elijah Wood und Luke Kirby ist, also nicht zu bieten. Amber Sealey erklärt in einem Regiestatement, dass sie dem Publikum auch das Gefühl vermitteln will, „das Thema Bundy ausreichend erforscht zu haben“. Zu diesem Zwecke zeigt sie den Killer als unsicheren, narzisstischen Typen, dem der Nimbus dämonischer Größe fehlt.

Die wenigen Begegnungen, die Bundy und Hagmaier im Film im Laufe der fünf Jahre haben, muten wie ein Ausloten von Gemeinsamkeiten an, bevor von beiden Seiten wieder die Abgrenzung erfolgt. Die zentrale Figur ist Hagmaier, der sich in den Gesprächen mit vorsichtiger Neugier herantastet. Elijah Wood spielt ihn als eher unscheinbaren Mann, der Bundy versichert, er wolle ihn nicht gängeln, sondern verstehen. Er betont, dass sie beide ja einen Abschluss in Psychologie besäßen und dass Bundy sogar gebildeter sei als er selbst, um nicht überheblich zu erscheinen und sein Gegenüber zum Reden zu bringen. Selbst die Frage Bundys, ob er einen Mord begehen könne, bejaht Hagmaier einmal. So kommen die geäußerten Ähnlichkeiten an den Punkt, an dem Bundy meint, unter anderen Umständen hätten sie hier auch mit vertauschten Rollen sitzen können. Der FBI-Mann wiederum erkennt, dass er gedanklich auch nicht immun gegen das Böse ist und sucht Halt in seinem Glauben.

Manchmal begegnen Hagmaier unterwegs junge, attraktive Frauen, die ihm mit ihren Blicken das Gefühl geben, sie hätten ihn bei schlimmen Gedanken ertappt. Hat er sich mit dem Serienkiller identifiziert, hat er dessen Opfer herbeifantasiert? Die Regisseurin wollte nach eigenen Angaben unbedingt vermeiden, dass in dem Film, der auf Nachstellung der Verbrechen verzichtet, die Opfer nicht vorkommen. Einmal steht eine junge Frau bei einem Fernseh-Interview, das Bundy gibt, mit Tränen in den Augen im Raum, wie eine Fantasiegestalt, die in die Kamera blickt, während anschwellender dröhnender Klang die Worte Bundys übertönt. Mit der Nebenrolle der Anwältin Carolyn Lieberman (Aleksa Palladino) kann Sealey auch ein wenig an den Feminismus der 1980er Jahre erinnern, kombiniert mit einem kritischen Bewusstsein aus heutiger Warte. So wehrt sich die Anwältin und Gegnerin der Todesstrafe gegen Hagmaiers Aufforderung, sie solle doch nach Hause zu ihren Kindern gehen, mit der Gegenfrage, ob man ihm das auch mal rate.

Im Mittelpunkt des insgesamt verhalten inszenierten Dramas aber steht das Umkreisen der beiden Männer im Gespräch. Die Kamera versucht vor dem dunklen Hintergrund ihr Bestes, um aus verschiedenen Positionen Dynamik und Spannung zu erzeugen. Aber gerade weil Luke Kirby den Mörder, der mit Geständnissen hartnäckig geizt, so unspektakulär darstellt, wird es selten aufregend. Erst gegen Ende schildert Bundy seinem Gegenüber, wohl um ihm einen Gefallen zu tun oder weil er ihn beeindrucken will, einen Mord in allen grausigen Details. Ansonsten aber legt Bundy Wert darauf, nicht als verrückt zu gelten, und geht mit schockierenden Emotionen oder selbst seinem maliziösen Lächeln sparsam um.

So drängt sich am Ende dieses über weite Strecken realistisch-nüchternen Films die Erkenntnis auf, dass es sich auch im Fall Bundy um ein Beispiel für die Banalität des Bösen handeln könnte. Bundy brachte Frauen um, um sie zu besitzen. Das klingt wie eine allzu einfache Wahrheit, vor allem in Anbetracht der Schuldfähigkeit, die ihm attestiert wurde – im Film gibt Hagmaiers Einschätzung den Ausschlag. Sealey jedenfalls gelingt es, den Mythos Bundy zu entmystifizieren und den Eindruck zu vermitteln, dass es an diesem Verbrecher nun wirklich nichts mehr zu ergründen gibt.

No Man of God (2021)

No Man of God ist eine Filmbiografie über den FBI-Analysten Bill Hagmaier, der den Serienmörder Ted Bundy wenige Tage vor seiner Hinrichtung interviewte.

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