Nelly & Nadine (2022)

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Nelly und Nadine lernen sich 1944 in einem Konzentrationslager kennen und verlieben sich ineinander. Anhand von Nellys Tagebüchern erzählt der Film von ihrer Geschichte, die Jahrzehnte lang in alten Kisten schlummerte. 

Nelly & Nadine (2022)

Eine Filmkritik von Teresa Vena

Die Liebe zweier Frauen füreinander 

Es handelt sich bereits um den dritten Dokumentarfilm des schwedischen Regisseurs Magnus Gertten, der auf einen Ausschnitt einer Wochenschau von 1945 zurückgeht. Darin wird von einer Rettungsaktion des schwedischen Roten Kreuzes berichtet, die darin mündete, dass mehrere Tausend Überlebende von Nazi-Konzentrationslagern nach Schweden gebracht wurden. Fasziniert von den Gesichtern in diesen Aufnahmen hat Gertten seinen ersten Film „Harbour of Hope“ (2011) den Personen gewidmet, die er durch seine Recherchen in den Bildern identifizieren konnte. Mit dem Film reiste er an internationale Festivals, und irgendwo saßen im Publikum Menschen, die neue Gesichter darin erkannten. Dies führte zu weiteren Recherchen, und es folgte „Every Face Has A Name“ (2015). Die Geschichte hat sich nun ein weiteres Mal wiederholt, und das Resultat ist der aktuelle Dokumentarfilm „Nelly & Nadine“, der an der diesjährigen Berlinale seine Premiere feierte.

Die titelgebenden Nelly und Nadine waren zwei Frauen, die sich 1944 im Konzentrationslager in Ravensbrück kennenlernten und nach ihrer Befreiung bis zu Nadines Tod als Paar zusammenlebten. Dass ihre Geschichte nun erzählt wird, verdankt der Film der Enkelin Nellys. Sylvie Bianchi hat den Nachlass ihrer Großmutter geerbt, den sie über zwanzig Jahre lang unberührt ließ. Als sie im letzten Film von Magnus Gertten Nadine Hwang auf den Bildern erkennt, nimmt sie dies als entscheidenden Anstoß, um ein Stück Familiengeschichte aufzuarbeiten. Gertten begleitet sie in diesem für Sylvie schmerzhaften Prozess. Über ein Jahr lang dauert es, die umfangreichen Unterlagen durchzusehen und durch verschiedene Recherchen in Archiven oder mit Gesprächen mit Menschen aus dem Umfeld der beiden Frauen zu ergänzen.

Kernstück des zur Verfügung stehenden Materials sind Nellys Tagebücher. Diese nutzt der Film auch, um eine Verbindung zwischen dem Zuschauer und der Protagonistin herzustellen. Während eine weibliche Stimme die Worte Nellys vorliest, sieht man Aufnahmen ländlicher Natur, oft in eine etwas trübe Atmosphäre getaucht. An der Entscheidung, nicht etwa Bilder aus dem Inventar der klassischen KZ-Ikonographie wie ausgemergelte Körper, Leichen oder deutsches Wärterpersonal zu verwenden, sieht man, wie wenig der Film auf eine spektakuläre Ausbeutung des Themas aus ist. Ganz im Gegenteil folgt er einem ruhigen Erzählrhythmus, in dem sich in erster Linie ein großer Respekt für seine Figuren spiegelt. Von den Umständen, wieso Nelly und Nadine ins Konzentrationslager kamen, erfährt man nur Rudimentäres – es ist auch nicht ganz so wichtig. Nelly war offenbar Teil einer Widerstandsbewegung und wurde politische Gefangene, bei Nadine, die die Tochter eines chinesischen Diplomaten war, muss es ähnliche Gründe gegeben haben. Vielleicht galt sie als lesbische Frau auch als „Asoziale“.

Die Tagebücher, die, wie Gertten berichtet, bereits einem fertigen Roman gleichen, erzählen von den Kriegsjahren, aber auch von der nachfolgenden gemeinsamen Zeit Nellys und Nadines, die die beiden in Venezuela verbrachten. Aus ihnen spricht die tiefe Zuneigung, die Nelly für Nadine empfand. Von Nadine macht man sich ein Bild durch Nellys Worte, denn zu ihr ist nur wenig überliefert. Vorhanden sind einzelne Fotografien oder dann Videoaufnahmen, die Nadine selbst gemacht hat und wiederum vor allem Nelly zeigen. Nelly, wie sie nachdenklich an einer Zigarette zieht, oder Bilder von Abenden mit Freunden. Die beiden Frauen interessierten sich für Kunst, sie organisierten Salons, in deren Rahmen sie sich mit Gleichgesinnten über Literatur und Musik unterhielten.

Als eine Art roter Faden zieht sich durch das Leben sowohl Nellys als auch das ihrer Enkelin Sylvie das Thema Weihnachten. Da ist das Weihnachten 1944 im Lager, das Nelly sehr beeindruckt hat und, in weißem Schnee eingehüllt, ihr fast magisch zu sein erscheint. Aber auch das Weihnachten in der Gegenwart im gemütlichen Haus Sylvies, die sich von ihren dicken Katzen umgarnen lässt, während sie den festlich geschmückten Weihnachtsbaum betrachtet. Das ist ein passendes Bild für das Ende des Films, der in einer friedlichen Stimmung ausklingt.

Über die lesbische Liebe der Großmutter sollte geschwiegen werden. Sylvies Mutter hat sie wie ein dunkles Familiengeheimnis gehütet, das aber Sylvie nun enthüllt. Dank des Films kann sie nicht nur ein schweres emotionales Gewicht ablegen, sondern gibt Nelly auch einen wichtigen Teil ihrer Identität und Geschichte zurück. Dafür ist es nie zu spät, das macht der Film unmissverständlich klar.

Nelly & Nadine (2022)

Nelly und Nadine begegnen sich im KZ Ravensbrück. Sie bleiben ein Leben lang zusammen. Jahrzehnte später begibt sich Nellys Enkelin auf Spurensuche. Ein Film über ihre Liebe und die Notwendigkeit persönlichen und kollektiven Erinnerns.

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