Monos - Zwischen Himmel und Hölle (2019)

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Eine jugendliche Guerilla-Einheit in Ausbildung sitzt in den Bergen Lateinamerikas fest und wartet — auf die nächsten Befehle, den Kampf und vielleicht den Tod. Zwischendrin müssen eine Geisel und eine Milchkuh versorgt werden. Doch dann kommt es zu Streitigkeiten.

Monos - Zwischen Himmel und Hölle (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Verlorenen der Berge

Irgendwo mitten in den Bergen Lateinamerikas leben sie auf einem Plateau und bereiten sich auf einen Krieg vor, der seltsam abstrakt und weit entfernt erscheint: Acht Jugendliche mit Namen wie Rambo, Schlumpf, Bigfoot, Lady, Wolf und Bum-Bum hausen hier, warten auf die Befehle einer nicht näher benannten „Organisation“ (gleichwohl ist es recht deutlich, dass hier wohl die Guerillas der F.A.R.C. oder einer anderen Gruppierung gemeint sein könnten) und üben für den Fall eines Einsatzes.

Die einzige Aufgabe, die sie sonst noch haben, besteht in der Bewachung einer Amerikanerin, genannt „Doctora“ (Julianne Nicholson) und etwas später in der Hege einer Milchkuh namens Shakira, die ihnen der gelegentlich anreisende Kommandant bei einer seiner Visiten mit vorbeibrachte. Nun sollen die angehenden Soldaten sich also auch noch um das Tier kümmern, denn wenn diese nicht regelmäßig gemolken wird, explodiert sie, wie der kleinwüchsige und muskelbepackte Überbringer der Kuh und der Befehlshaber des Oberkommandos auf dem improvisierten Appellplatz hinausbellt. 

Überhaupt wird in dieser bergigen und häufig nebeligen Einöde wenig „normal“ miteinander gesprochen, sondern vielmehr gekeucht, geschrien, gestöhnt, angeherrscht oder sich sonst wie artikuliert. Nur eben nicht auf die Weise, die sonst den normalen Umgang von Menschen untereinander kennzeichnet. Begünstigt wird dieser Umstand dadurch, dass die Jugendlichen durch den Verlust ihrer eigentlichen Namen zunächst jeglicher Individualität beraubt zu sein scheinen und beinahe wie Marionetten oder Crash-Test Dummies in einer psychologischen Versuchsanordnung wirken und man könnte sie sich ebenso gut auf einer einsamen Insel vorstellen.

Und so wirkt die Szenerie wie aus der Zeit gefallen und in einem quasi vorzivilisatorischen Zustand gefangen. Ein Eindruck, der dadurch verstärkt wird, dass dieses Grüppchen sich selbst „Monos“ (=„Affen“) nennt. Nicht nur dadurch sondern ganz besonders in einer Szene, in der ein aufgespießter Schweinskopf zu sehen ist, erinnert die Grundkonstellation von Monos in ihrer Frage nach dem Entstehen und der Beständigkeit zivilisatorischer Ordnung(en) an William Goldings Herr der Fliegen, wobei der Film die Gruppe nicht allein als Experimentierfeld des Sozialen betrachtet, sondern noch weitere Fragen universeller Natur aufwirft: nach dem Wesen der Gewalt und des Krieges etwas, in dem der Film mehr als nur einmal an ein anderer großes Vorbild gemahnt — und zwar an Francis Ford Coppola Kriegsmeditation Apocalypse Now, an den nicht nur die erhabene Schönheit diverser Einstellungen und Panoramen, sondern auch der spätere Wechsel der jugendlichen Soldaten in den Dschungel erinnert. Und klar, ein Hubschrauber darf auch hier nicht fehlen — wenngleich dieser erst ganz zum Schluss für eine grausame Schlusspointe seine Rotorblätter knattern lässt.

Als aus Versehen Shakira durch eine Kugel stirbt, beginnt der Zusammenhalt der Möchtegern-Guerillas rasch zu schwinden: Einer, der bislang Kommandant war und der sich gerade erst die Erlaubnis eingeholt hatte, mit einer der Soldatinnen eine Partnerschaft einzugehen, übernimmt die Verantwortung und erschießt sich, ein anderer, der daraufhin das Kommando übertragen bekommt, träumt davon, sich von der „Organisation“ abzuspalten und sein eigenes Süppchen zu kochen. Als dann noch die Geisel entwischt, zerfällt die Gruppe zusehends in ihre Einzelteile und implodiert schließlich.

Vieles an Monos — Zwischen Himmel und Hölle, dem mittlerweile dritten Langfilm des ecuardorianisch-kolumbianischen Regisseurs Alejandro Landes, wirkt unkonkret und abstrakt: Nichts erfährt man über das Alter und die Hintergründe der beinahe noch kindlich wirkenden Kämpfer*innen, nichts über die Sache, für die sie bereit sind zu sterben, nichts über das Land, in dem sie leben und über das Regime, das sie zu Fall bringen wollen. Andererseits ist der Film durchaus hart, an manchen Stelle von nahezu naturalistischer Schonungslosigkeit und dann wieder im nächsten Moment von meditativer Schönheit. 

Wenn der Film schließlich seinen buchstäblich übergeordneten Standpunkt im Gebirge verlässt und in das feuchte Grün des Dschungels eintaucht, entwickelt er endgültig die Qualitäten einer fiebrigen und ebenso abstrakten wie sinnlichen Meditation nicht nur über das Wesen des Menschen, sondern auch über den Kampf zwischen Natur und Zivilisation, Affektbeherrschung und dem wilden und ungezügelten Primitivismus, der so mühsam gezähmt unter der dünnen Schicht sozialer Normen und Übereinkünfte schlummert und der sich in Extremsituationen wie dieser seinen Weg bahnt aus dem Dunkel ans Licht unserer fragilen Existenz.

Monos - Zwischen Himmel und Hölle (2019)

Acht Jugendliche einer paramilitärischen Einheit verschanzen sich mit einer Geisel in einer kolumbianischen Bergregion. Nach dem selbstverschuldeten Verlust ihrer Milchkuh „Shakira“ beginnt ein Überlebenskampf aller Beteiligten.

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Meinungen
Mary · 25.06.2020

Der letzte Abschnitt der Kritik ist toll geschrieben! Mich stören jedoch zuvor Begriffe wie "beinahe noch kindlich wirkenden Kämpfer*innen" und "Möchtegern-Guerillas"... es sind Kinder (bzw. Teenager) und es sind Guerillas, dass macht das Ganze ja so schwer ertragbar. Ich hatte im Film nie den Eindruck, dass man es hier mit "Möchtegerns" zu tun hat, es scheint eher so , als dass ihnen nie ein anderes Leben zur Auswahl stand... Sehenswerter Film auf alle Fälle!

Kommentare

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