Im Stillen laut (2019)

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Eine Künstlerin kauft in der DDR einen verlassenen Bauernhof. Dort lebt sie mit einer Frau, arbeitet, bietet Gästen einen Raum zur kreativen Entfaltung. Die Stasi ärgern solche „Bewegungsfreiheiten“. Erika Stürmer-Alex und Christine Müller-Stosch aber wohnen heute noch auf ihrem Kunsthof.

Im Stillen laut (2019)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Zwei Frauen, ihr Kunsthof und die DDR

Urgemütlich wirkt das ländliche Idyll, in dem zwei Frauen in ihren Achtzigern leben. Die eine malt, die andere werkelt in Haus und Garten, Katzen leisten ihnen Gesellschaft. Im Garten stehen bunte Skulpturen, und die Luft ist hin und wieder erfüllt vom Kreischen vorbeiziehender Vögel. Aber Erika Stürmer-Alex und Christine Müller-Stosch haben sich mit dem Gehöft im brandenburgischen Lietzen nicht den Traum eines Altersruhesitzes erfüllt, sie wohnen hier schon seit DDR-Zeiten. Genauer gesagt trotzte ihr Kunsthof Lietzen einst als Freiraum für Selbstverwirklichung und fürs Sich-Ausprobieren der Gleichmacherei in der Diktatur. In den Wirren der Nachwendezeit diente er Frauen als Ort der Begegnung und Neuorientierung.

Christine lacht, als Erika ihr eine Passage aus ihrer Stasi-Akte vorliest. Die lesbische Beziehung hat dort Eingang gefunden und der Besuch eines Mitarbeiters, der von lauter nackten Menschen auf dem Hof berichtet und sogar von einem „Liebeskabinett“. Weiter wird in der Akte bedauernd konstatiert, dass Erika Stürmer-Alex trotz aller Isolierungsbemühungen der Stasi der Sektion Malerei im Bezirksverband der Bildenden Künste der DDR vorsitze. Und dass ihr das Grundstück in Lietzen „größte Bewegungsfreiheiten“ biete. Auf alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind im Hof fröhliche Menschen zu sehen, die an Tischen sitzen, malen, Freikörperkultur praktizieren.

Das Thema der lesbischen Beziehung in der DDR ist im Dokumentarfilm von Therese Koppe mit dieser Passage fast schon beiläufig abgehakt. Anders als Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR von 2019 porträtiert Koppes erster an der Filmhochschule Babelsberg Konrad Wolf entstandener Langfilm ein einzelnes Frauenpaar und interessiert sich dabei vor allem für seinen künstlerisch-kreativen Eigensinn. Wenn die Kamera in langen Einstellungen in die Atmosphäre privaten Glücks auf dem Hof eintaucht, scheint durch, dass Erika und Christine ihren Weg erfolgreich gemeistert haben. Das Zurückblicken geschieht nicht als Frage-und-Antwort-Spiel vor der Kamera, sondern indem sich die beiden unterhalten, oder noch häufiger, indem ihre Tagebucheinträge und Notizen aus dem Off vorgelesen werden. Dazu streut Koppe manchmal alte Fotografien und auch filmisches Archivmaterial zur Illustration ein.

Der Hof, den Erika 1982 kaufte, diente ihr als Atelier und Lagerraum für ihre großformatigen, abstrakten Gemälde. Sie waren nicht gefragt, weil sie als Vehikel für sozialistische Propaganda unbrauchbar waren. Erst nach der Wende sollte die Malerin Kaufgesuche in großer Zahl erhalten. Geld verdiente Stürmer-Alex in der DDR trotzdem, als Bildhauerin, die mit bunten Werken eintönige Neubausiedlungen und Betriebsanlagen schmückte. Auf einer Studienreise nach Paris in den 1970er Jahren notierte Erika den Eindruck, dass die Kunst im Westen, wo es so viele schöne Dinge gebe, fast überflüssig sei. Sie selbst werde in der DDR mit ihrer Kunst- und Lebensauffassung sicherlich mehr gebraucht. Auf dem Lietzener Kunsthof hielt sie Kurse für Malerei. Dort fanden auch allerlei Performances statt, es wurde Musik gemacht, diskutiert.

Christine musste als Tochter eines evangelischen Pastors die Schule nach der achten Klasse verlassen. Über Umwege studierte sie dennoch Theologie und wurde Lektorin in der Evangelischen Verlagsanstalt Berlin. Sie erinnert, dass es oft „schmerzhaft“ war, wenn sie die Änderungswünsche des Kulturministeriums in Manuskripte einarbeiten musste. Nach der Wende verlor sie ihre Arbeit. Mit Erika gründete sie einen Frauenarbeitskreis und startete auf dem Hof das Projekt „Kreativ leben lernen“, das sich vor allem an ältere arbeitslose Frauen in Brandenburg richtete.

Auf dem Hof fanden damals außerdem Begegnungen zwischen Frauen aus Ost und West statt. Nicht jeder Besuch verlief angenehm. Eine Frau aus dem Westen meinte einmal, die ehemaligen DDR-Bürgerinnen müssten alle noch viel lernen. Nachkommen eines früheren Hofbesitzers tauchten auf und machten Ansprüche geltend, letztlich aber ohne Erfolg.

Die Frauen schwimmen im See, genießen den Garten im Wechsel der Jahreszeiten. Christine hackt Holz, streicht die Gitter des Eingangstors knallrot. Einmal feiern die beiden ein Fest, tanzen mit jüngeren Frauen. Die Porträtierten wirken in ihrer Gelassenheit eher freundlich zurückhaltend, als von Mitteilungsdrang erfüllt. So ist es ein wenig schade, dass die Kunst der Malerin und Bildhauerin nicht näher besprochen wird. Andererseits wirkt das dramaturgische Konzept des Films, nur punktuell oder beiläufig Einblicke in Hintergründe zu geben, statt sie erklärend auszuleuchten, auch wieder reizvoll. Die Türen des Kunsthofs stehen offen, aber seine beiden Bewohnerinnen bleiben trotzdem bei sich.

Im Stillen laut (2019)

Zwei Künstlerinnen — eine Partnerschaft. Im Stillen Laut ist ein Film über Liebe im Alter, Autonomie, DDR & Kunst. Erika und Tine, heute 81, stellen mit ihrer Neugier und Offenheit alles in Frage, das Vergangene ebenso wie das Bestehende.

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