Memory: Über die Entstehung von Alien (2019)

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42 Jahre nach seinem Erscheinen gilt Ridley Scotts „Alien“ als einer der furchteinflößendsten Horrorstreifen der Filmgeschichte. Eine neue Dokumentation will herausfinden, warum.

Memory: Über die Entstehung von Alien (2019)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Der Furcht auf der Spur

Verwitterte Säulen inmitten einer bergigen Landschaft sind das erste, was die Kamera einfängt. „Apollonentempel, Delphi, Griechenland, 25. Mai 1979“, ordnet ein Text Ort und Zeit des Geschehens ein. Close-ups auf Insekten, zwischendurch Tonrauschen und Bilderfetzen von Nachtaufnahmen. Schließlich gleitet der Blick ins Innere des Tempels, die Umgebung wird futuristisch. Drei alte Frauen liegen auf dem Boden – eine Stimme verrät, es sind die Furien –, erheben sich, „Entgegen lächelt mir der Duft von Menschenblut“, faucht eine von ihnen wie besessen. Sind wir hier im richtigen Film?

Ja, sind wir, auch wenn der Einstieg von Memory – Über die Entstehung von Alien zunächst etwas ganz anderes vermuten lässt. Wie der aus Versehen hineingeschnittene Auftakt zu einem B-Horrorstreifen wirken diese ersten dreieinhalb Minuten. Und auch wenn die Furien später tatsächlich noch einmal, wenn auch nur kurz, Erwähnung finden, bleibt dieser Eindruck auch nach dem Abspann bestehen. Erst recht, da sich nach dieser Sequenz die Ausrichtung des Films komplett ändert: Sie wird zu einer klassischen Talking-Heads-Doku.

Regisseur und Autor Alexandre O. Philippe, dessen Karriere bislang aus Dokumentationen über Filmklassiker und stilprägende Regisseure bestand (etwa The People vs. George Lucas, 78/52 — Die letzten Geheimnisse von Psycho oder Leap of Faith: William Friedkin on the Exorcist), hat dafür ein umfangreiches und kompetentes Kabinett aus Expert*innen und Beteiligten versammelt. Sie liefern Hintergründe zurr Entstehungsgeschichte von Ridley Scotts SciFi-Horror-Meisterwerk und ordnen dessen Motive sozial- und kulturhistorisch ein. Diane O’Bannon, Witwe von Dan O’Bannon, etwa erläutert, wie sich der Alien-Autor von frühen Science-Fiction-Comics und Pulp-Geschichten inspirieren ließ und nach dem Scheitern von Alejandro Jodorowskis Dune-Verfilmung, wo er die Spezialeffekte übernehmen sollte, verzweifelt auf der Suche nach Interessenten für das Skript war.

Weitere bekannte Gesichter, die zu Wort kommen, sind unter anderem H.R. Gigers Witwe Carmen Giger sowie die Darstellerin Veronica Cartwright, die die zweite weibliche Figur neben Ellen Ripley (Sigourney Weaver) verkörperte, und Tom Skerritt, Captain der Crew. Ebenso der Co-Drehbuchautor Ronald Shusett, Art Designer Roger Christian und Filmexpert*innen, die die bis heute anhaltende schaurige Faszination von Alien, dessen effektives Spiel mit menschlichen Urängsten erörtern. Die ganz großen Namen, konkret Ridley Scott (dessen spätere Alien-Filme Prometheus und Covenant hier aber auch nicht gut wegkommen) oder Hauptdarstellerin Weaver, vermisst man jedoch.

Philippe schlägt lieber große Bögen in die Filmhistorie respektive das Genre der Science Fiction, widmet sich aber auch gern minutenlangen Detailanalysen der prägnantesten Szenen und greift immer wieder auf umfangreiches Archivmaterial zurück. Gelegentlich verliert sich der Film dabei in Klein-Klein, fügt die Aussagen der – ästhetisch passend in dunklem Halbschatten und vor schwarzem Hintergrund gefilmten – Sprechenden jedoch zu einem kohärenten Ganzen zusammen, das selbst langjährigen Fans des Films interessante neue Hintergründe und interpretatorische Ansatzpunkte liefern dürfte. Nur die Furien zu Beginn, die er hätte er gut und gerne schlafen lassen können.

Memory: Über die Entstehung von Alien (2019)

Filmemachen ist ein kollaborativer Prozess. „Memory: The Origins of Alien“ erzählt davon, wie Mythologisches au dem antiken Griechenland und Ägypten, das kollektive Unbewusste, Underground-Comics, die Kunst eines Francis Bacon sowie die düsteren Visionen von Dan O’Bannon und H.R. Giger dabei halfen, Ridley Scotts Meisterwerk Alien auf die Leinwand zu bringen.

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