Eine Nacht in Helsinki (2020)

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Was ist wichtig in Zeiten von Kontaktbeschränkungen? Dieser Frage geht „Eine Nacht in Helsinki“ nach und lässt im finnischen Lockdown drei Männer aufeinandertreffen. Sie kommen sich in Gesprächen näher und entdecken ganz neue Seiten an sich selbst, aber auch eine ganz andere Sache.

Eine Nacht in Helsinki (2020)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Warum Gemeinschaft guttut

Mit „Eine Nacht in Helsinki“ beendet Mika Kaurismäki eine lose Trilogie an Filmen, die jeweils drei finnische Männer zusammenbringen. Der dritte Film ist damit nicht nur wieder ein Portrait der Finnen und insbesondere der finnischen Männer, sondern auch ein kleines Stück Zeitgeschichte – dokumentiert er doch wie kein anderer die Stimmung während des Lockdowns, die Sorgen und Ängste der Menschen während einer Pandemie und die Menschlichkeit, die dabei ganz natürlich entsteht.

Heikki (Pertti Sveholm) ist Inhaber einer Bar, aber weil auch Helsinki im Lockdown ist, kann er nichts tun: nicht arbeiten, keine Gäste bewirten, keine Einnahmen erzielen. Trotzdem verbringt er gerne seine Zeit in dieser Bar, die sein Lebensmittelpunkt war und immer noch ist. Für den Abend ist geplant, dass seine Tochter dorthin zu Besuch kommt und sie gemeinsam an einem festlich gedeckten Tisch zu Abend essen. Heikki wartet und wartet, aber seine Tochter kommt nicht.

Als die Tür aufgeht, blickt er hoffnungsvoll auf, aber es ist Risto (Kari Heiskanen), ein befreundeter Arzt, der sich gerne auf ein Glas Wein einladen lässt, auch wenn es Heikki schwerfällt, weil er eigentlich nicht bewirten darf. Er gibt ihm trotzdem ein Glas aus und dann noch ein zweites, denn die beiden Männer merken schnell, wie gut es tut, sich auszutauschen, zu reden. Dann geht die Tür ein zweites Mal auf, und Juhani (Timo Torikka) steht in der Tür. Auch er will nur kurz reinkommen und verschnaufen. Er ist den beiden nicht unsympathisch, aber dann passiert etwas, was ihnen Angst macht, und sie fragen sich: Ist das der Mörder, der gerade landesweit gesucht wird?

Yo Armahtaa heißt der Film im Original: „Habt Erbarmen“. Es geht um Gnade, um Verständnis für die Situation des anderen, um Menschlichkeit, aber auch um Isolation, Einsamkeit und die Wohltat der Gemeinschaft. Heikki vergisst immer wieder, die Tür abzuschließen, und so kommen immer wieder Passanten vorbei, die er erst abwehrt und dann doch gewähren lässt. Auch Ristos Frau (Anu Sinisalo) taucht auf, und die beiden führen, so scheint es, zum ersten Mal seit langem ein richtiges Gespräch miteinander. Und damit bildet der Film die Lockdown-Situation authentisch ab, wenn er zeigt, wie einsam die Menschen in der Abgrenzung voneinander sind — und wie wichtig die Orte des Zusammenseins.

Mika Kaurismäki (Master Cheng in Pohjanjoki) hat den Film während des finnischen Lockdowns im Frühjahr 2020 gedreht und ironischerweise in der eigenen Bar, die er und sein Bruder Aki seit 30 Jahren besitzen und die seit jeher „Corona Bar“ heißt. Aber auch das „neue“ Corona gehört zur Kulisse des Films, ist allgegenwärtig spürbar – vermutlich auch deshalb, weil wir alle diese Situation so gut kennen: die Straßen sind wie leergefegt, Ausgangssperre und Kontaktbeschränkungen, der immer gleiche Ablauf dort, wo man sich eben befindet, und die fünf Minuten zufälliges Gespräch, die so guttun. Das alles schwingt in der Atmosphäre des Films mit.

Ebenso prägt die pointiert eingesetzte Filmmusik die Stimmung des sonst so stillen Films. Eine Nacht in Helsinki ist ein Kammerspiel, spielt an einem Abend fast ausschließlich in den Räumen der Bar und ist geprägt vom Dunkel der Nacht mit entsprechender Low-Key-Beleuchtung. Die Filmsprache unterstreicht damit das Schwermütige, das den Film kennzeichnet. Und wenn am nächsten Morgen der Tag anbricht, hat das etwas von Hoffnung auf bessere Zeiten.

Wie auch in Three Wise Men (2008) und Brüder (2011) hat Kaurismäki seine Schauspieler improvisieren lassen. Jeder der drei Darsteller kannte nur die Backstory seiner Figur, die Geschichte hat sich im Dialog ergeben. Dadurch erreicht der Regisseur automatisch eine Natürlichkeit, mehr aber noch nähert er sich einer dokumentarischen Erzählweise an und zeichnet ein authentisches Portrait seines Landes in diesen Zeiten. Ein absolut gelungener Film, der gut auch in diesen Winter passt und auf den man sich einlassen sollte – im Kino, denn nur dort entfaltet die Ruhe und Bedächtigkeit des Films seine volle Wirkung. In einem Interview mit der Wiener Zeitung sagte Kaurismäki: „Ich bin ein Verfechter des Kinos, in dem man tolle Filme gemeinsam entdecken kann. Ich hoffe, die Zeit kommt wieder.“

Eine Nacht in Helsinki (2020)

Helsinki in einer Nacht während der Pandemie. Die Bars sind geschlossen, es herrscht Ausgangssperre. Aber es sind dennoch Menschen unterwegs und wie es der Zufall will, treffen sie sich in jener geschlossenen Bar, in der Heikki die Tür nicht abgeschlossen hat. Seine Bar steht wegen der Corona-Pandemie unter großem finanziellen Druck. Es könnte die letzte Nacht für sie sein, denn Heikki hat eigentlich eine Entscheidung getroffen. Doch bei viel Wein kommt er mit seinen nächtlichen Gästen ins Gespräch. Krankenpfleger Risto hat eine lange und tragisch endende Schicht hinter sich. Die spätere Ankunft eines Fremden, der die Geburt seines Enkelkindes erwartet, erregt Verdacht, vor allem nachdem im Radio von einem Mord in der Gegend berichtet wird.

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