Beflügelt - Ein Vogel namens Penguin Bloom (2020)

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Bevor Samantha Bloom Spitzensportlerin im Parakanu wurde, musste sie erst die Depression überwinden, mit der ihr Leben als querschnittsgelähmtes Unfallopfer begann. Naomi Watts spielt die Hauptrolle in diesem Drama, das auf der wahren Geschichte der Familie Bloom und ihrer kleinen Elster basiert.

Beflügelt - Ein Vogel namens Penguin Bloom (2020)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Familientherapie mit Elster

Noah Bloom (Griffin Murray-Johnston) dreht Videofilme zur Erinnerung an das Glück, das in seinem Elternhaus herrschte. Seine Mutter Sam (Naomi Watts), erzählt der Junge, habe so viel mit ihm und seinen beiden jüngeren Brüdern unternommen: Fußballspielen, Wellenreiten… Aber nun geht nur noch Vater Cameron (Andrew Lincoln) mit den Jungs zum Strand, während Sam am liebsten im Bett liegen bleibt. Seit dem Urlaub in Thailand, in dem ein morsches Geländer brach und Sam von der Dachterrasse fiel, ist sie querschnittsgelähmt auf den Rollstuhl angewiesen.

Depressiv zieht sich Sam in sich selbst zurück und überlässt es Cameron, sich um den Familienalltag zu kümmern. Der sensible Noah, der sich die Schuld am Unfall gibt, hält Abstand zur Mutter, registriert aber ihren Seelenzustand aufmerksam. Eines Tages findet er eine verletzte junge Elster, die er nach Hause bringt und pflegt. Vielleicht, so scheint er zu hoffen, gelingt es mit diesem Vogel, den er Penguin nennt, eine Brücke zur Mutter zu schlagen. Der Spielfilm des australischen Regisseurs Glendyn Ivin erzählt das Drama einer Familie, die nicht mehr weiß, wie es gemeinsam weitergehen kann. Aber der freche kleine Vogel, der nicht weiß, was Fliegen heißt, holt die gelähmte Sam aus ihrer Isolation und hilft ihr, einen Neuanfang zu wagen. Was fast schon kitschig klingt, stellt sich schnell als bewegende Geschichte heraus, die mit großer Sorgfalt auf Nähe zur Realität bedacht ist. Zugleich sorgt die hervorragende Kamera von Sam Chiplin für Aufnahmen im Scope-Format, deren sinnliche Qualität außergewöhnlichen Kinogenuss bieten.

Das Drehbuch von Shaun Grant und Harry Cripps basiert auf dem Bestseller Penguin Bloom: Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete von Cameron Bloom und Bradley Trevor Greive. Die Familie Bloom gibt es wirklich, Samantha Bloom gewann 2016, drei Jahre nach ihrem Unfall, als Mitglied des australischen Parakanu-Nationalteams bei den Ozeanien-Meisterschaften Gold. Bei diesem Spielfilm fungierten Samantha und Cameron Bloom sogar als ausführende Produzenten. Mehr noch, gedreht wurde in ihrem eigenen Haus bei Sydney. In dieser Traumlage über dem Strand sind die quicklebendigen Söhne im Film jeden Tag draußen, sie springen Trampolin und toben sich aus. Auch nach Sams Unfall bekommt das Publikum einen lebhaften Eindruck davon, wie reich das Familienleben noch ist, wie wichtig Sport und Liebe zur Natur für Cameron und die Söhne geblieben sind. Aber Sam, die sich aus eigener Kraft kaum aus dem Bett in den Rollstuhl setzen kann, erträgt es nicht, ihre Fotos an der Wohnzimmerwand anzuschauen: Die stolze Wellenreiterin, die Frau, die auf dem benachbarten Berg steht, wird sie nie mehr sein.

Naomi Watts hat bereits in The Impossible von 2012 eine Frau gespielt, deren Familienurlaub in Thailand in eine Katastrophe mündete. Damals kämpfte ihre Figur nach dem verheerenden Tsunami von 2004 buchstäblich ums Überleben und die Rettung zweier Kinder. Die Rolle der Sam ist weicher angelegt, da die Figur mit ihrem seelischen Schmerz kämpft. Inmitten ihrer Depression wirkt Sam oft ungerecht, rücksichtslos ihrem bemühten Mann gegenüber, weil sie gar nicht weiß, wohin sie mit ihrer Wut über das Schicksal soll. Dabei ist selbst in dieser Phase zu spüren, welche Kraft in Sam schlummert. Watts spielt den Entwicklungsprozess dieser Frau hervorragend. Ihr Rückzug, ihre Mutlosigkeit, ihr ganzer Widerwille gegen das Familienleben, das ihr nur demonstriert, dass sie nicht mehr die Person von früher sein kann, werden allmählich brüchig. Die Wendepunkte, Momente der Freude, sind ungeheuer einfühlsam und glaubhaft dargestellt. Ein solcher ereignet sich, als Sam zum ersten Mal im Kajak sitzt und ihre Trainerin Gaye (Rachel House) sie unter angespannter Beobachtung der ganzen Familie auffordert, im Wasser umzukippen. Naomi Watts legt in Sams resignierten, gekränkten Gesichtsausdruck so etwas wie Todesverachtung über das erwartete Scheitern  – eine starke Interpretation!

Aber auch die anderen Charaktere, allen voran der liebevolle, unermüdlich sich anstrengende Cameron, sowie der in sich gekehrte Noah sind sehr gut gezeichnet und gespielt. Sams seelischer Heilungsprozess ist eine Familienleistung, die Respekt abnötigt, weil sich die Charaktere mit Toleranz begegnen und gegenseitig viel Freiraum lassen. Die Aufnahmen der traumhaften Landschaft, der Abendröte, des Ozeans, der Gesichter im sanften Gegenlicht drücken auf ihre Weise auch aus, wie kostbar die Beziehungen in dieser Familie sind, was hier alles auf dem Spiel steht. Das australische Vogelkonzert in der Dämmerung, das zu Anfang des Films erklingt, ist faszinierend. Und wenn die Elster, die Noah angeschleppt hat, außer lautem Schreien auch ein Repertoire an gurrenden, fragenden Lauten zum Besten gibt, verblüfft die Kommunikationsfähigkeit des anhänglichen Vogels. In diesem schönen, berührenden Film ist einiges von der Magie des Kinos zu spüren.

Beflügelt - Ein Vogel namens Penguin Bloom (2020)

Die Krankenschwester Sam Bloom verletzt sich während ihres Urlaubes mit Ehemann Cameron und ihren drei Söhnen in Thailand schwer, als sie von einem Balkon stürzt. Von da an ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt, was die gesamte Familie auf eine harte Belastungsprobe stellt. Nach ihrer Reha fällt Sam in eine tiefe Depression, doch dann bringt eines Tages einer ihrer Söhne einen verletzten Flötenvogel mit nach Hause. Sie nennen ihn wegen seines schwarz-weißen Gefieders Penguin. Fortan lässt der Vogel, der dringend ihre Hilfe braucht, Sam ihren eigenen Schmerz vergessen und gibt ihr neuen Lebensmut

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