Anima - Die Kleider meines Vaters (2022)

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In ihren intimen Innenansichten der eigenen Familie macht sich die Regisseurin Uli Decker auf die Suche nach den Spuren eines Familiengeheimnis, von dem sie erst auf dem Sterbebett des Vaters erfuhr.

Anima - Die Kleider meines Vaters (2022)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

(K)Eine ganz normale Familie

Wie ist das, wenn man am Sterbebett des eigen Vaters erfährt, dass dieser ein großes Geheimnis buchstäblich mit sich herumtrug, von dem man nichts ahnte? In ihrem überaus sehenswerten und bei aller Schwer und Tragik der Geschichte erstaunlich leichtfüßig erzählten Dokumentarfilm „Anima — Die Kleider meines Vaters“, der beim Filmfestival Max Ophüls Preis völlig zurecht als „bester Dokumentarfilm“ ausgezeichnet wurde, zeigt die Regisseurin auf eindrucksvolle Weise, wie so eine Annäherung gelingen kann — zum eigenen Nutzen wie zu dem des Publikums.

Als ihr Vater nach einem schweren Autounfall im Koma liegt und sterben wird, vertraut die Mutter den beiden ans Totenbett geeilten Töchtern das große Geheimnis im Leben ihres Vaters an: Dass dieser Zeit seines Lebens den dringenden Wunsch verspürt habe, sich als Frau zu kleiden, dass er mit anderen Worten ein leidenschaftlicher Transvestit war, der allerdings aus Rücksicht auf seine Familie diese Leidenschaft immer nur in anderen Städten fernab der oberbayrischen Heimat auslebte. Für die Töchter, die von alledem nichts ahnten, ist das zunächst ein Schock, etwas, das ihre heile und geordnete Welt zusammenbrechen lässt. Dann aber macht sich die eine von ihnen, die Filmemacherin, daran, sich mit dieser Geschichte zu beschäftigen und deren Einfluss auch auf das eigene Leben freizulegen.

Aufgewachsen ist der Vater der Filmemacherin wie sie später selbst im tiefsten Bayern, dort wo die Kirche und die damit fest verbundene christsoziale Politik seit jeher Hand in Hand gehen. Mit Hilfe von Bildern aus dem Fotoalbum und Tagebucheinträgen des Vaters, die sie erst nach dessen Tod erkunden konnte, zeichnet Uli Decker das Bild eines Jungen, dessen Weltbild und von außen diktierter Wertekanon zu unverrückbar scheint wie das Münchner Hofbräuhaus. Für Abweichungen vom stockkonservativen Menschen- und Familienbild ist da kein Platz, in den blau-weißen Schwarzweißbildern der gottgewollten Ordnung von Männer-und Frauenrollen gibt es keine Freiräume für Zwischentöne.

Es ist die Zeit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Menschen nach Halt und Orientierung suchen — und es ist just auch jene Zeit, als Uli Deckers Vater im Alter von 12 Jahren bemerkt, dass er eine Leidenschaft dafür hat, Frauenkleider anzuziehen und sich zu schminken. Den Buben stürzt das in tiefe Gewissensnöte, die sein ganzes Leben lang anhalten werden, für die er sich schämt und gegen die er doch nicht ankann. Der das eigene Begehren stets als Belastung erlebt, als Sünde, als etwas, das es zu verbergen gilt. Und als etwas, das ihm vor allem viel Schmerz und seelisches Leid bringt bis hin zu immer wiederkehrenden Depressionen.

Und doch ist dieses Leben, das der Film ebenso kleinteilig wie liebevoll rekonstruiert, auch ein heiteres, ein fröhliches, ein von Wärme und zärtlichen Erinnerungen geprägtes: Das liegt einerseits am bisweilen heiteren Tonfall der Tagebuchaufzeichnungen, die den Vater bei aller von ihm wohl so empfundenen Dunkelheit seines Geheimnis auch als lustigen Menschen schildern, der viel über sein Leben und seine Neigungen und Sehnsüchte reflektiert und für den feststeht, dass er nicht das Geschlecht wechseln will, sondern der den Rollenwechsel auch als Befreiung seiner Seele begreift.

In den Bildern und Erzählungen der Mutter, die erst spät in das Geheimnis des Vaters eingeweiht wurde, dieses aber dann aus Liebe und Empathie annahm, entdeckt Uli Decker schließlich auch eine Verbundenheit zum Vater, die gleichzeitig eine Trennung bedeutete oder eine Distanzierung zumindest. Denn als Kind sieht man sie fast immer in „männlichen“ Rollen und Kostümen, oft mit einem aufgemalten Schnurrbart, den sie sich so gerne bei ihrem Vater gewünscht hätte, was dieser aber verständlicherweise stets ablehnte. Gewissermaßen eine Spiegelung des väterlichen Geheimnisses und als solche etwas, das die beiden voneinander entfernte, da der Vater offensichtlich befürchtete, gerade sie könne seine Neigung erahnen.

Lange trug Uli Decker den Stoff ihres Lebens mit sich herum, überlegte und verwarf immer wieder Entwürfe, die Geschichte ihres Vaters, ihrer Familie und letztlich auch ihre eigene zu verarbeiten: Mal als Roman, dann wieder als Spielfilm und schließlich als dokumentarische, aber keinesfalls distanzierte Annäherung. Dass sie schließlich genau diese Form gefunden hat, die manchmal wie die Fortführung der Niederschriften des Vaters klingt und die diese durch fantasievolle Animationen ergänzt, ist ein Glücksfall für den Film. Weil die Art und Weise, wie Uli Decker ihren Film anlegt, sich so anfühlt, als sei er ein nachgeholtes Gespräch zwischen Vater und Tochter, geprägt von einer tiefen Verbundenheit und dem Wunsch zu verstehen, zuzuhören und zu sagen, dass alles gut war. Ein Gespräch von jener guten und warmen Art, wie man sie viel öfter führen sollte oder in diesem Fall sehen und miterleben kann. Ein Film, der beispielgebend sein kann für einen neuen, freieren und offeneren Umgang mit Geschlechterrollen und -identitäten.

Anima - Die Kleider meines Vaters (2022)

Die kleine Uli will Pirat oder Papst werden, aber auf keinen Fall in die Rollenstereotypen ihres bayerischen Dorfs passen. Jahre nach dem Tod ihres Vaters bekommt sie von der Mutter seine „geheime“ Kiste als Erbe ausgehändigt. Der Inhalt: hochhackige Schuhe, künstliche Fingernägel, Schminke, eine Echthaarperücke. Schlagartig sieht Uli ihren Vater, sich selbst, ihre Familie und die Gesellschaft, in der sie aufwuchs, mit neuen Augen. (Quelle: Filmfestival Max Ophüls Preis 2022)

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