All die Toten (2020)

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Sie wollen vieles mit ihrem Film: Caetano Gotardo und Marco Dutra ist mit „Todos os mortos“ aber eine eher zäh erzählte Geschichte um eine ehemalige Plantagenbesitzerfamilie gelungen. Einzelne Bilder und Details entschädigen jedoch ein wenig.

All die Toten (2020)

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Zwischen Gestern und Heute

Das Setting ist das Brasilien der Jahrhundertwende. Die ehemaligen Großgrundbesitzer stehen vor dem Aus, denn vor mehr als zehn Jahren wurde die Sklaverei im Land abgeschafft, und die einst reichen Familien tun sich schwer damit, den Wandel zu akzeptieren. Auch für die früheren Sklaven ist es nicht leicht, in einer Gesellschaft zu leben, in der kein Platz ist für sie. In ihrer ersten gemeinsamen Regiearbeit erzählen Caetano Gotardo und Marco Dutra von diesem sich wandelnden Brasilien aus der Perspektive vornehmlich weiblicher Figuren und in schön fotografierten Bildern.

Noch leben sie ganz gut: Mutter Isabel (Thaia Perez) und ihre beiden Töchter, Nonne Maria (Clarissa Kiste) und Pianistin Ana (Carolina Bianchi), sind nach der Abschaffung der Sklaverei vor einigen Jahren von ihrer Hacienda auf dem Land in eine Stadtwohnung nach São Paulo gezogen. Der Platz ist beengt, das Leben ein anderes, aber Haushälterin Josefina (Alaíde Costa) hält noch einige Gewohnheiten am Leben, sie ist da, wenn sie gebraucht wird, und kocht jeden Nachmittag – frisch und selbst gemahlen – den Kaffee aus der eigenen Plantage der Familie Soares.

Als Josefina eines Tages stirbt, ist das auch das Ende des gewohnten Lebens der Familie Soares. Vor allem Isabel schafft es nicht, sich von den Annehmlichkeiten der Vergangenheit frei zu machen und reagiert gar körperlich auf den Verlust von Ansehen und Luxus. Die Krankheit der Mutter macht auch den Töchtern bewusst, wie fragil sich ihre Situation in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Niemand kann ihnen helfen: Ach, wäre Josefina noch da – sie wüsste, wie man der von Schmerzen geplagten Isabel Linderung verschaffen könnte. Die Haushälterinnen der Stadt haben diese Fähigkeiten nicht. Und die ehemaligen Sklaven, die auf der Kaffeeplantage der Familie großgeworden und vieles von den Älteren übernommen und gelernt haben, sind nicht mehr gewillt, in den Dienst der ehemaligen Herrschaften zu treten. Sie wollen ihr eigenes, ein freies Leben leben, arbeiten, um Geld zu verdienen, und sich ein eigenes Zuhause schaffen.

Nur widerwillig geht Iná (Mawusi Tulani) auf die Bitte von Maria und Ana ein, Isabel zu helfen. Sie hat die alten Praktiken ihrer Kultur noch erlernt, wenn auch über Jahre lang geheim gehalten. Nun soll sie sie herausholen oder zumindest so tun, als ob. Der Moment, in dem Iná die Toten heraufbeschwört, ist einer der stärksten im Film, er lebt von gerade dieser Spannung zwischen den uralten Traditionen, die jahrzehntelang versteckt werden mussten, und dem dargestellten Heute, in dem eben diese Praktiken wieder hervorgeholt und eingesetzt werden dürfen, zumindest als vorgespieltes Ritual.

Todos os mortos versucht vieles miteinander zu verweben und nicht zuletzt auch mittels der brasilianischen Situation um die Jahrhundertwende auf das heutige Brasilien im 21. Jahrhundert zu verweisen. Aber damit haben sich die Regisseure doch zu viel vorgenommen: Zu schwerfällig erzählen sie ihre Geschichte, zu wenig ausgearbeitet sind einzelne Nebenplots, zu wenig sind sie in die Hauptgeschichte integriert. Der Film hat viele schöne Ideen – allen voran die sich einschleichenden Elemente des zeitgenössischen São Paulo in das dargestellte Setting von 1899 –, er erzählt in präzise und gut arrangierten Bildern, überzeugt durch eine detaillierte und liebevoll gestaltete Ausstattung und verfügt über überzeugende Darstellerinnen, die ihre Figuren mit viel Leben füllen, allen voran Mawusi Tulani. Und doch gelingt es dem Film insgesamt nicht, ein stimmiges Bild zu entwerfen, eine überzeugende Geschichte zu erzählen.

Auffällig ist zudem das vorwiegend weibliche Ensemble, das hier die Zügel in die Hand nimmt. Die Männer sind entweder lange verschwunden oder gar nicht präsent oder zu jung, um den Ton anzugeben. Die Frauen sind auf sich alleingestellt und nehmen sich auf unterschiedliche Art und Weise der Zukunft an. Dass sie damit Erfolg haben werden, bleibt in den meisten Fällen zu bezweifeln.

Ana entwickelt aus ihrem Wunsch, das Rad der Zeit zurückzudrehen und die koloniale Vergangenheit heraufzubeschwören, einen Zwang, der sie an einem erfüllten Leben hindert. Sie sieht die Toten – überall: die Schwarzen, die ihr einst gedient haben und die schon längst tot sind. Sie machen ihr Angst, aber Ana will sie auch sehen, will sie nicht loslassen, weil sie sie letztendlich doch benötigt, um sich selbst zurechtzufinden. Dass daraus nur Gewalt entstehen kann, ist konsequent.

Und Maria scheint im Glauben ihre Erfüllung gefunden zu haben, doch das ist nur vordergründig so: Denn auch sie zweifelt immer wieder, auch sie hat der Wandel am Ende des Jahrhunderts tief beeinflusst und ihr viele Fragen gestellt. Die wirklich starke Figur ist Iná, weil sie sich – einmal befreit – von allem anderen, weitere um sie herum befreit und sich nur noch auf sich selbst verlässt – mit Erfolg.

All die Toten (2020)

In Brasilien sind im Jahre 1899 kurz nach der Abschaffung der Sklaverei die Nachwirkungen und Erschütterungen des Unrechts immer noch deutlich zu spüren. Die Geister der Vergangenheit wandeln noch immer unter den Lebenden. In dieser Zeit machen sich Frauen aus zwei Familie auf, für sich und ihre Lieben eine neue Zukunft zu erschaffen.

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