Vincent van Gogh: Die neue Art des Sehens

Vincent van Gogh: Die neue Art des Sehens

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Kunst, Ausstellung und Künstlerbiographie im Kino

Richtig: Das ist der Maler mit dem Ohr! Beziehungsweise ohne oder mit nur einem oder einem abgetrennten. Diese Information dringt selbst bei im Allgemeinen kunstfernen Zeitgenossen spontan in den Fokus, wenn vom niederländischen Künstler Vincent van Gogh (1853-1890) die Rede ist. Dazu eventuell noch Assoziationen von Sonnenblumen oder gar Selbstporträts mit oder ohne Hut bei schwermütigem Blick – das sind bei der enormen posthumen Popularität des zu Lebzeiten meist pekuniär unterstützungsbedürftigen Post-Impressionisten mit mittlerweile längst geradezu astronomischen Preisen seiner erhaltenen Werke offensichtlich zunächst die markantesten Charakteristika Vincent van Goghs in der öffentlichen Wahrnehmung. Die ambitionierte britische Dokumentarfilmreihe Exhibition On Screen, produziert von Phil Grabsky mit Seventh Art Productions als versiertem Spezialisten in Sachen Kunst, Musik und Geschichte, widmet diesem Zeichner und Maler einen eigenen Film vor dem Hintergrund der Dauerausstellung des Amsterdamer Van Gogh Museums, der sich vor allem auf die Zusammenhänge zwischen der Biographie, der Arbeit und den Werken des Künstlers konzentriert.
Ging der 16-jährige Vincent nach seiner Schulzeit auch vermittelt durch seinen gleichnamigen Onkel bei der Kunsthandlung Goupil in Den Haag in die Lehre und verbrachte er von dort aus auch längere Aufenthalte in deren Dependencen in London und Paris, arbeitete er doch in den folgenden Jahren noch in Belgien, Frankreich, England und Holland als Lehrer, in einer Buchhandlung und als Prediger, bevor er sich auf Anraten seines vier Jahre jüngeren Bruders Theo, der Kunsthändler war und ihn bis zu seinem Tode immer wieder großzügig mental und vor allem auch finanziell förderte, vollständig dem Zeichnen und der Malerei zuwandte. Trotz der überwiegenden räumlichen Distanz, die zwischen den beiden Brüdern herrschte, gestaltete sich ihre auf etlichen so ausführlichen wie intensiven Briefen basierende Beziehung stets zugeneigt, vertrauensvoll und innig. Es sind diese größtenteils erhaltenen Dokumente der verständnisvollen Verbundenheit und gegenseitigen Wertschätzung, deren reichhaltige Inhalte – gelesen vom Schauspieler Jochum ten Haaf – in Vincent van Gogh – Die neue Art des Sehens als aufschlussreiche Zeugnisse der Gedanken und Gefühle des Malers anklingen.

Das respektable Projekt der Reihe Exhibition On Screen, gleichzeitig Künstlerbiographien und mit Kunstwerken aus berühmten Ausstellungen und Museen auch in besonderem Maße Kunst an sich in die Kinos, auf die große Kinoleinwand zu bringen und dann auch noch überwiegend in Kolosskomplexen wie UCI, Cineplex und Cinecittà zu platzieren, zeugt deutlich vom modernen Zeitgeist der wachsenden Intermedialität und transferiert zudem eine Art der Bildung in die visuellen Räume der Massenunterhaltung, die gewöhnlich in ganz besonderen Nischen einer stilisierten Exklusivität verharrt. Dass die Selektion der präsentierten Komponenten der Kunst auch im Hinblick auf das potenzielle Publikum, das hier als möglichst breit gefächert und nicht unbedingt speziell vorgebildet anvisiert wurde, sensibel balanciert, aber formal wie inhaltlich auf ein gängiges, spontan gut verständliches Maß von anderthalb Stunden zugeschnitten wurde, erforderte seitens der Filmemacher reichlich Kompromisse. Im Fall von Vincent van Gogh – Die neue Art des Sehens mündet das in ein vielfältig gestaltetes, reichhaltig informatives, aber auch hinsichtlich der Komplexität des Themas großzügig geglättetes Porträt.

Die britische Produktion in Originalsprache mit deutschen Untertiteln stellt angesichts der bedeutsamen sprachgewaltigen Opulenz einerseits und der wünschenswert intensiven, ungestörten Konzentration auf die ansprechend verbal angeleiteten Bildimpressionen andererseits durchaus eine Herausforderung für die Mehrheit der Zuschauer hierzulande dar: Auf eine Synchronisation der umfangreichen, komplexen kunsttheoretischen und -historischen Erläuterungen wurde bedauerlicherweise verzichtet. Die atmosphärische Dichte der Dokumentation – betont durch die dynamische, ausdrucksstarke und dramaturgisch effektive Musik von Asa Bennett – entwickelt sich jedoch nach anfänglich stark geballtem Informationsstrom zunehmend zu einer so gelungenen wie spannenden und vor allem visuell beeindruckenden Bildergeschichte über einen Künstler, dessen Werke und Wirkaspekte erst in Verbindung mit dem Hintergrundwissen über sein Leben ihre unerschütterliche Faszination ausgiebiger preisgeben. Mit dem funktionierenden Vermitteln von (Kunst-)Verständnis für die Werke Vincent van Goghs hat dieser Dokumentarfilm zweifellos sein vorrangiges Ziel erreicht.

In Gestalt des Schauspielers Jamie de Courcey, der hinsichtlich der äußeren Merkmale, des tradierten Charakters sowie der vermuteten Befindlichkeiten und Stimmungen ganz auf die historische wie mythische Person Vincent van Goghs fokussiert aus- und hergerichtet wurde, erscheint der Künstler selbst als fiktives Element innerhalb der Dokumentation. Von dieser Personifikation abgesehen, begleiten zahlreiche Mitarbeiter des Amsterdamer Van Gogh Museums kenntnisreich durch den Film und geben Einblicke in ihre Arbeit innerhalb und im Hintergrund der Dauerausstellung des im Jahre 1973 eröffneten Kunstwerkinstituts. Die Entscheidung, die stumm auftretende Figur des Künstlers nicht etwa sinnieren oder gar philosophieren zu lassen, sondern den Maler stattdessen durch Originalzitate oder Übersetzungen seiner Briefe (Vincent van Gogh korrespondierte überwiegend auf Englisch, Französisch und Niederländisch in bemerkenswerter literarischer Qualität) direkt zu Wort kommen zu lassen, unterstützt die unsentimentale Sachlichkeit der Präsentation, die nichtsdestotrotz emotionale Aspekte thematisiert und ihren Enthusiasmus auch schon mal recht direkt transportiert.

Handelt es sich bei dem spektakulären, eingangs erwähnten Vorfall mit dem Ohr, der sich während eines mehrwöchigen Besuchs des Malers Paul Gauguin bei Vincent van Gogh in dessen legendärem "Gelben Haus" in Arles ereignete und zu dem auch innerhalb der Fachliteratur reichlich unterschiedliche Spekulationen existieren, auch lediglich um einen kuriosen Einzelaspekt im Leben des damals psychisch extrem belasteten Künstlers, weisen die sich darum rankenden Mythen (im Spannungsfeld von Eigenverstümmelung und der vermuteten Täterschaft Paul Gauguins) diesen doch als populären Kriminalfall aus, der allerdings in der Dokumentation nur knapp gestreift wird. Doch derlei Aussparungen, die manche Anspielungen wie beispielsweise die signifikante Bedeutung der Selbstporträts, die spezielle Technik des Pointillismus und sein Verhältnis zu Frauen ins Leere laufen lassen, bergen immerhin die mögliche Motivation, sich inspiriert durch das bewegende Kinoerlebnis großer Kunst auf ebensolcher Leinwand intensiver mit der Materie zu beschäftigen und unbedingt einmal wieder einen Museumsbesuch anzuberaumen.

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90 Min
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