The Kingmaker (2019)

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Lauren Greenfield hat Imelda Marcos, Witwe des ehemaligen philippinischen Diktators porträtiert. Ihr Film zeigt, was passiert, wenn ein Familienclan versucht, wieder an die Macht zu gelangen. 

The Kingmaker (2019)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Marie Antoinette von Manila

Wie erzählt man die Wahrheit, wenn man einen Dokumentarfilm dreht? Und wenn man obendrein eine ehemalige Diktatorengattin zur Hauptperson macht, deren Regime für den Tod und das Verschwinden zahlloser Oppositioneller verantwortlich ist,  und sie nur ihre Version der Geschichte erzählt? Lauren Greenfield hat für The Kingmaker eine einfache und doch sehr effektive Methode gewählt: Sie schneidet Aussagen und Gegenstimmen direkt hintereinander, lässt jeder Behauptung also einen Faktencheck folgen. Fünf Jahre lang hat sie sich mit Imelda Marcos beschäftigt und mehrere Interviews mit der heute 90 Jahre alten Witwe des früheren Diktators der Philippinen, Ferdinand Marcos, geführt. 

Gleich zu Beginn des Films sieht man sie im Wagen durch Manila fahren. Sie trägt ein blaues Kleid mit nach oben spitz zulaufenden gepufften Ärmeln, ein Schnitt, den sie beibehalten hat, seit sie im Alter von 25 Jahren zum ersten Mal nach Manila kam. Ihre Haare sind rabenschwarz gefärbt, über den Augen liegt dunkler Eyeliner, der die Lider zu einem schmalen Schlitz zusammenzudrücken scheint. In ihren Zügen, ihrer Haltung lässt sich die Rolle als ehemalige Schönheitskönigin und First Lady erkennen, so als hätte sie das Land nie wegen Korruptionsvorwürfen und einem Volksaufstand gegen das Regime ihres Mannes verlassen müssen. An einer Ampel hält ihr Wagen, sie lässt das Fenster öffnen und wirft den bettelnden Straßenkindern Geldscheine zu. Es ist ein Bild, das sie selbst gern von sich präsentiert: Imelda Marcos als Mutter der Nation, die sich sogar um die Ärmsten kümmert. Dann beklagt sie sich, dass zur Zeit ihrer Herrschaft keine Bettler die Straßen säumten. 

Imelda Marcos ist eine Figur, wie sie auch gut in Generation Wealth, das letzte Projekt der Fotografin und Dokumentarfilmerin Lauren Greenfield, gepasst hätte. Für jenen Dokumentarfilm und die gleichnamige Fotoausstellung gelangte Greenfield in die Häuser von Millionären, die ihr ihre intimsten Geheimnisse verrieten. Sie zeigte die Gesichter, die hinter dem Geld steckten und lotete die Abgründe aus, die sich in der Gier nach Besitz und Reichtum auftaten. Imelda Marcos würde gut in diese Reihe passen, denn sie war berühmt für ihre Shopping-Eskapaden, kaufte gern mal Pariser Juwelierläden leer oder erstand bei einem Besuch in New York gleich mehrere Wolkenkratzer. 

Und dann war da noch die Sache mit den Schuhen. Eine Legende über sie besagt, dass man mehrere tausend paar Designerschuhe in ihrem Besitz fand. Beim Interview wischt Imelda das beiseite, alles nur Übertreibungen. Kurze Zeit später sieht man in Nachrichtenaufnahmen von der Stürmung des Präsidentenpalastes 1986 eine Kamerafahrt durch ihren Kleiderschrank („Ihre letzten Einkäufe von Pariser Couture kosteten 80.000 Dollar“, erklärt der Nachrichtensprecher aus dem Off), dann folgt eine Kamerafahrt durch einen Schuhschrank, der die Größe eines heutigen Single-Appartements in Frankfurt, New York oder Tokyo hat. 

Stück für Stück entrollt Greenfield die Geschichte der Philippinen, die so eng verbunden ist mit der Familie Marcos. Nach der Rückkehr aus dem Exil und dem Tod ihres Mannes hat Imelda alles daran gesetzt, nun ihren Sohn für das Amt des Präsidenten in Position zu bringen. Greenfield begleitet über mehrere Jahre die Wahlkampagne des Sohnes und verwebt die aktuelle Politik durch nachrichtliche Rückblenden mit der Geschichte. Sie nutzt dafür die Originalaufnahmen des Fernsehens, hat Freunde, Begleiter, Gegner, ehemalige und heutige Oppositionelle interviewt. Dass sie vor keiner noch so zeitaufwändigen Recherche zurückschreckte, zeigt sich wohl am besten in einer kleinen Geschichte über den Safari-Park, den Imelda Marcos 1976 nach einem Aufenthalt in Kenia  auf der philippinischen Insel Calauit anlegen ließ. Im Interview erzählt Marcos, die Insel sei bereits so gut wie unbewohnt gewesen und sie habe den Park dort für ihr Volk anlegen wollen, um ihm ein kleines Paradies zu geben. In Wahrheit wurden 254 Familien von der Insel vertrieben. Greenfield hat eine Zeitzeugin gefunden, die sich erinnert, wie sie die Insel verlassen mussten, weil alle Bewohner zu große Angst vor dem Militär hatten. Mittlerweile sind die meisten Familien nach dem Sturz des Regimes zurückgekehrt. Die Zebras, Giraffen und Affen laufen noch immer frei auf der Insel umher. Durch Inzest und fehlende Betreuung der Tiere ist das „Paradies“ zu einer absurden Variante von Jurassic Park geworden. 

Was The Kingmaker jedoch, von solchen Entdeckungen abgesehen, zu einem unbedingt sehenswerten Film macht, ist die Analyse von Korruption, Macht und Politik. Greenfield zeigt die Verquickungen der Familie Marcos mit dem derzeitigen Hardliner-Präsidenten Duterte. Sie zeigt Wahlkampfauftritte Dutertes, in denen er ankündigt, Drogenabhängige umzubringen, wenn er an die Macht komme. Die Menschen jubeln ihm zu, sie halten es für Rhetorik. Kurz nach dem Wahlsieg geht die Polizei in die Slums, erschießt mehrere tausend Verdächtige. Sie zeigt die Mütter über den toten Leibern ihrer Söhne, die während der Totenwache unter Tränen bereuen, diesen Präsidenten gewählt zu haben. Duterte verdankt seinen erfolgreichen Wahlkampf auch einer großzügigen Spende der Marcos-Familie. Den Mann, der den während des Regimes durch Hinterziehung und Amtsmissbrauch angehäuften Reichtum der Marcos-Familie aufspüren und zurückführen sollte, ließ Duterte absetzen. Er ist nach Amerika geflohen, hat Angst um seine Familie. Der Machtmissbrauch und die Korruption, die man meinte mit dem Ende des Regimes und der Militärherrschaft überwunden zu haben, ist zurück. Greenfields Dokumentarfilm ist ein Aufruf, aus der Geschichte zu lernen, da sie sich sonst in endlosen Schleifen wiederholt. 

The Kingmaker (2019)

In ihrem neuen Film „The Kingmaker“ erforscht Lauren Greenfield („Generation Wealth“) die verstörende Nachwirkungen des Marcos-Regimes auf den Philippinen und die Versuche der früheren First Lady Imelda Marcos, ihren Sohn dort an die Macht zu bringen.

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