Generation Wealth (2018)

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Ausgerechnet die Amazon Studios produzieren Lauren Greenfields neuen Dokumentarfilm über das Abgleiten der Welt in die Zwänge des Konsums. Und doch sind es vor allem andere Gründe, die den Film an der Entwicklung einer kritischen Haltung hindern.

Generation Wealth (2018)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Geld, Sex, Schönheit und der Untergang der world as we know it

In einer Welt, in der ein Reality-TV-Star Präsident der Vereinigten Staaten wird und in der das Ausstellen von Reichtum, Macht und Status-Symbolen auf allen medialen Kanälen zum Vorbild vieler Millionen Menschen weltweit wird – ist da nicht der Untergang nah? Wurden nicht auch die Pyramiden auf dem Höhepunkt einer Zivilisation gebaut, für die es nur noch bergab ging? Befinden wir uns in einer Phase, die dem Ende des römischen Reichs ähnelt?

Mit diesen Fragen beginnt Lauren Greenfields Generation Wealth in einer schnellen Bildfolge, die den Parcours für den Durchgang durch die moderne Welt des Geldes und des Konsums, der Abhängigkeiten und Abstürze vorzeichnet. Dazu beginnt die Fotografin und Filmemacherin bei ihrer eigenen Arbeit: Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Greenfield immer wieder in Fotografie und Film mit den Leiden und Leidenschaften der US-amerikanischen und globalen Populärkultur. Bereits 1997 erschien mit ihrem Band Fast Forward ein Bild der Jugendlichen in ihrer Heimatstadt Los Angeles, das deren beständiges Streben nach Geld und Glamour zeigt. Einige der Protagonisten besucht sie nun, knapp 25 Jahre später, erneut und beginnt damit ihr Projekt einer Suche nach dem Wesen dieser Zeit, dieser Generation Wealth.

Immer wieder wechselt der Film dabei zwischen Greenfields eigenem Weg als Fotografin, als Mutter zweier Söhne, als Tochter einer Psychologin auf der einen Seite und einer Vielzahl von Spuren, denen sie entlang ihrer eigenen Arbeiten nachgeht, auf der anderen. Sie spricht mit Hedgefonds-Managern wie Florian Homm, der nach dem Börsencrash 2007 aus den USA geflohen ist, mit der ehemaligen Porno-Darstellerin Kacey Jordan, mit Jackie Siegel, bekannt durch Greenfields Film Queen of Versailles (2012), und mit zahllosen anderen Figuren, die alle in einer Eigenschaft miteinander verbunden sind: In ihrem unersättlichen Streben nach dem großen, unbestimmten Mehr – nach mehr Geld, mehr Schönheit, mehr Erfolg, mehr Konsum.

Damit unternimmt Generation Wealth den nicht minder obsessiven Versuch, das umfassende, ultimative Bild der Gegenwartskultur zu zeichnen und es in der Geschichte der USA zu verorten, in einer globalisierten Kultur und schließlich in der Geschichte der Menschheit. Der Rückzug in Greenfields Privatleben, in eine Reflexion ihrer Arbeit und ihrer eigenen Suche als Fotografin nach dem immer größeren Mehr der Wahrheit hinter den Dingen, dient dabei auch als metareflexiver Schutz: Dass ihr umfassendes Porträt der Gegenwart von Anfang an scheitern muss, ist immer schon Teil des Projekts.

Wohin aber führt der Weg des Films, wenn die Aussichtslosigkeit seiner Suche von Beginn an Teil des Weges ist? Zu keinem Zeitpunkt gibt Greenfield sich der Illusion hin, der Film könne mehr als einen Eindruck vermitteln und mehr als eine etwas über 100 Minuten dauernde Momentaufnahme sein, die keine Antworten geben kann, höchstens Probleme sichtbar machen soll. Fortwährend kommentiert Greenfields Erzählstimme dabei den Film und versucht, all den unterschiedlichen Figuren und Spuren, die er begleitet und aufnimmt, eine Einheit zu geben.

Am Ende mangelt es aber genau an dieser Einheit, es mangelt an der scharfen Beobachtung, an dem treffenden und berührenden Einblick, den eine Fotografie geben kann. Es mangelt an dem, was Roland Barthes in seiner Studie über die Fotografie als punctum bezeichnete. Im Verlauf des Films und seiner immer größer ausgreifenden Suche nach dem Kern des Übels unserer Zeit kann sich immer weniger eine originelle Perspektive entwickeln. Nur selten gelingt dem Film mehr als eben jener staunende Blick auf eine Welt voller Überfluss und all jene, die an dieser Welt scheitern, der vom Film eigentlich kritisiert werden möchte. Dass bei all der Selbstbespiegelung, die den Arbeitsprozess zum Teil des Ergebnisses macht, ausgerechnet die Produktion des Films durch Amazon nicht reflektiert wird, bleibt eine seiner vielen Leerstellen.

Generation Wealth verläuft sich schließlich in allzu konventionellen Gesten, sucht eigenartige Empathie selbst zu Figuren wie Florian Homm und erzählt mühevoll eine ganze Reihe an Geschichten persönlicher Läuterung. Das Pathos der Entsagung, mit dem der Film schließt, ist so nur noch zwischen Irritation und Albernheit anzusiedeln. Ein Verdienst von Generation Wealth aber bleibt: Er weckt umso mehr das Interesse an den Fotografien von Lauren Greenfield.

Generation Wealth (2018)

Seit 25 Jahren beschäftigt sich die US-amerikanische Fotografin und Filmemacherin Lauren Greenfield in ihren Arbeiten mit Geld, Reichtum und Menschen, die im Überfluss leben wollen. Nach ihrem Studium der visuellen Anthropologie begann Greenfield, ihre Kameralinse auf die Spezies „American Dream“ zu richten, und porträtierte fortan jene, deren Streben von grenzenlosem Materialismus determiniert ist: „Wenn viel gut ist, dann ist mehr besser“, bemerkt eine Protagonistin. In ihren Dokumentarfilm beleuchtet sie die Anfänge ihrer Arbeit, sucht Modelle früherer Fotografien auf und beobachtet die Schicksale von Menschen, deren Wunsch nach Wohlstand zum lebensbestimmenden Antrieb geworden ist. 

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