Supermarkt

Supermarkt

Eine Filmkritik von Marie Anderson

So unprätentiös und schonungslos sein Regisseur Roland Klick mit den Ausprägungen seiner eigenen Kinogeneration der 1960er bis 1980er Jahre umgeht, so gestaltet sich auch sein Film Supermarkt von 1973. Im Gegensatz zum so bezeichneten Neuen Deutschen Film, dessen Filmemacher damals auf sozialpolitische Kritik setzten, stellte Roland Klick unverfroren den Unterhaltungsaspekt seiner Werke in den Fokus und kritisierte nicht selten polemisch die Haltung, dass nur Filme „ehrbar“ seien, „in denen Leute sitzen und gähnen“. Dieser unschädlichen Gefahr setzen sich die Zuschauer von Supermarkt jedenfalls nicht aus, denn diese Geschichte eines rebellierenden Außenseiters und seines Milieus besitzt eine atmosphärische Spannung, in deren Anwesenheit es dem Regisseur durchaus und gar ganz hervorragend gelingt, eine ebenso filigrane wie massive Gesellschaftskritik zu transportieren.
Aus dem Erziehungsheim getürmt drückt sich der junge Willi (Charly Wierczejewski) in St. Pauli herum, als er schließlich von der Polizei aufgegriffen wird. Im Trubel auf der Wache bietet ihm der sozial engagierte Journalist Frank (Michael Degen) seine Unterstützung an, und nach seiner Flucht nimmt Willi auch tatsächlich Kontakt zu ihm auf. Doch Willi zieht es eher zu den Randgestalten auf dem Kiez, und er gerät unter die Fittiche des räudigen, abgebrühten Kleinganoven Theo (Walter Kohut), bei dem er sich kurioserweise wohler zu fühlen scheint als im bürgerlichen Gutmenschentum des Journalisten und seiner Freundin Anna (Eva Schukardt). Tendiert Willi auch anfänglich noch zu gewissen Hemmungen, über seine existentielle Kleinkriminalität hinauszugehen, gibt er diese im Zuge der Rohheit der Ereignisse bald auf. Als er der ungemein verloren erscheinenden Monika (Eva Mattes) begegnet, will er mit Theo den großen Coup landen, um mit der jungen Frau gemeinsam aus Hamburg abzuhauen …

Zweifach mit dem Filmband in Gold für Regisseur Roland Klick sowie Schauspieler Walter Kohut ausgezeichnet lebt Supermarkt von seinen ganz subtil inszenierten Gegensätzen und Widersprüchen, die der ungefälligen und anfangs gar sanften Widerborstigkeit des schlichtweg grandios agierenden klassischen Anti-Helden gleichkommen. Insbesondere Charly Wierczejewski als Willi, aber auch das gesamte Ensemble spielt mit einer berührenden Intensität, die doch niemals ins Pathos abrutscht und die wunderbar einfach gezeichneten Ambivalenzen der grottig-genialen Charaktere mit unvermittelter Spannung auflädt.

Die stimmungsvoll eingesetzte Musik von Peter Hesslein flankiert die Dramaturgie in ansprechender Weise und transportiert dabei Emotionen, die innerhalb der Handlung recht sparsam zum Ausdruck kommen. Insbesondere der Titelsong „Celebration“, zu dem Roland Klick den Text verfasst hat und der von Marius Müller-Westernhagen unter dem Pseudonym Marius West gesungen wird, der auch den Hauptdarsteller synchronisiert hat, und im Hintergrund läuft dann und wann Udo Lindenberg, was ganz hervorragend zum trostlosen Hamburger Milieu passt, dessen Kulisse gelungen mit der Geschichte korrespondiert.

In vielerlei Hinsicht stellt Supermarkt eine ungeschnörkelte, provokante Attacke auf die Erwartungshaltung des Zuschauers dar, doch keineswegs deshalb, weil die Wendungen so unauslotbar sind. Es sind die schwelenden Stimmungen von Hoffnungslosigkeit und vorhersehbarem, doch augenscheinlich unvermeidlichem Elend, die sich mit schleichend anwachsender Beunruhigung und ihren eindrucksvollen Bildern direkt in den Sehnerv brennen und von dort aus ihr aufregendes Unbehagen verströmen. Das ist Filmkunst auf hohem Niveau, wobei Roland Klicks derartig gestaltete Interpretation von Unterhaltung diesem Begriff eine absolut ehrbare Komponente verleiht.

Supermarkt

So unprätentiös und schonungslos sein Regisseur Roland Klick mit den Ausprägungen seiner eigenen Kinogeneration der 1960er bis 1980er Jahre umgeht, so gestaltet sich auch sein Film „Supermarkt“ von 1973. Im Gegensatz zum so bezeichneten Neuen Deutschen Film, dessen Filmemacher damals auf sozialpolitische Kritik setzten, stellte Roland Klick unverfroren den Unterhaltungsaspekt seiner Werke in den Fokus und kritisierte nicht selten polemisch die Haltung, dass nur Filme „ehrbar“ seien, „in denen Leute sitzen und gähnen“.
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