Shoplifters (2018)

Log Line

Familie – was ist das eigentlich? Dieser Frage widmet sich Hirokazu Kore-eda in "The Shoplifters" und zielt damit gleich in mehrfacher Hinsicht mitten aufs und ins Herz.

Shoplifters (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Mitten ins Herz

Vater und Sohn auf gemeinsamer Diebestour in einem Supermarkt: Mit einstudierter Routine gehen Osamu (Lily Franky) und sein ungefähr 12 bis 13 Jahre alter Sohn Shota (Jyo Kari) auf einen kleinen Beutezug, schirmen sich gegenseitig geschickt ab, kommunizieren in einer eigens einstudierten Zeichensprache, geben sich Hinweise und passen aufeinander auf. Trotz des (klein)kriminellen Treibens wirkt das Ganze – auch dank der sparsam unterlegten Cool-Jazz-Klänge – leicht und lässig.

Doch man ahnt schnell, dass die beiden dies nicht aus reinem Spaß machen, sondern sie zu jener Gruppe von Menschen gehören, die am Rande der japanischen Gesellschaft stehen. Und so mischt sich von Beginn an, auch aufgrund des liebevollen Umgangs der beiden miteinander, unter die leichte Empörung auch Sympathie, die im weiteren Verlauf des Filmes noch weiterwachsen wird – allen Enthüllungen zum Trotz.

Auf ihrem abendlichen Weg nach Hause entdecken sie auf einem Balkon ein offensichtlich ausgesperrtes kleines Mädchen und laden die hungrige Yuri (Miyu Sasaki) spontan zum Abendessen ein, da deren Eltern scheinbar unterwegs sind, das Kind friert und dringend etwas zu essen benötigt. Zuhause angekommen wird Juri ganz selbstverständlich von der Großmutter Hatsue (Kirin Kiki), Osamus Partnerin Noboyu (Sakura Andô) und der später auftauchenden Halbschwester Aki (Mayu Matsuoka) liebevoll umsorgt. Doch als es daran geht, Juri wieder nach Hause zu bringen, bemerken Osamu und Noboyu durch ein belauschtes Gespräch vor dem Balkon des Hauses, dass das Kind offensichtlich ungeliebt und unerwünscht ist – und beschließen spontan, dass Yuri es bei ihnen wohl besser hat als in solch einer lieblosen Umgebung, zumal sich auf ihren Armen und am Körper auch Wundern und Brandmale finden, die auf häusliche Gewalt und Misshandlung schließen lassen. So schickt sich der Film an, genau dies unter Beweis zu stellen – bis die kleine Welt dieser Wahlfamilie zusammenbricht und sich herausstellen wird, dass auch in dieser Familie kaum etwas stimmt. Und das beginnt bereits bei den Namen und den Verwandtschaftsverhältnissen, die noch für so manche Überraschung sorgen.

Im Französischen läuft der neue Film von Hirokazu Kore-eda unter dem Titel Une affaire de famille und eigentlich ist das ein viel besserer Titel als The Shoplifters, denn die komplizierten Beziehungen dieser Wahlfamilie nehmen einen viel größeren und wichtigeren Teil ein als deren kriminellen oder zumindest anrüchigen Machenschaften. Ganz sanft und behutsam, mit viel Zeit und sorgsam beobachteten kleinen Gesten und ruhigen Gesprächen schildert der Film den Annäherungsprozess von Yuri zu ihrer neuen Wahlfamilie. Und selbst wenn man sich immer wieder vergegenwärtigt, dass das, was man hier zu sehen bekommt, eigentlich den Tatbestand einer Kindesentführung gleichkommt, weiß man doch andererseits genau, dass das Mädchen es hier, bei diesen Dieben und Betrügern, besser hat als bei seinen leiblichen Eltern. Auch wenn Shota und Yuri wie selbstverständlich keine Schule besuchen und die Kinder über die Familie hinaus kaum Kontakt zur Außenwelt haben – was sich im Nachhinein dadurch erklärt, dass sonst der vielfache Schwindel schnell auffliegen würde.

The Shoplifters ist ein Film, der immer wieder kleine Szenen eines wachsenden oder gewachsenen Vertrauens zeigt, das er am Ende ebenso kunstvoll bricht wie aufrechterhält. Aus den beengten und prekären Lebensverhältnissen seiner Protagonisten erschafft er eine kleine Trutzburg gegen eine Welt, in der die Mitglieder dieser ganz speziellen Familie sonst rettungslos verloren oder sich selbst überlassen wären. Und so bleibt man am Ende trotz aller Fehler und Verfehlungen dieser Menschen mit einem gebrochenen Herzen zurück, wenn nichts mehr so ist, wie es zunächst schien. Dennoch hat man dazu ein kleines Lächeln im Gesicht: Weil es schön war. Und gut. Und warm. Und weil das Leben zwar nicht perfekt ist, aber dieser Film auf seine ganz eigene Weise einer gebrochenen Vollkommenheit entgegenstrebt.

Shoplifters (2018)

Nach einer ihrer Diebestouren treffen der Ladendieb Osamu und sein Sohn auf ein kleines Mädchen, das mutterseelenallein draußen in der Kälte steht. Aus Mitleid nehmen sie das Kind mit nach Hause, wo sich Osamus Frau bereit erklärt, sich darum zu kümmern. Doch dann geschieht etwas, das den Zusammenhalt der armen, aber glücklichen Familie auf eine harte Probe stellt und all das  hinterfragt, was sie bislang verband. 

  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme von

Hirokazu Koreeda