Schonzeit für Füchse (DVD + Blu-ray)

Schonzeit für Füchse (DVD + Blu-ray)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Gefangen im Jagdrevier

„Schonzeit für Füchse – mit den Füchsen sind hier die Söhne gemeint“, erklärt die Voice Over des originalen Filmtrailers: „Sie versuchen, sich gegen Traditionen, Bevormundung, soziale und sexuelle Normen aufzulehnen.“
Damals, 1966, war diese Erläuterung wahrscheinlich tatsächlich eine Sache der Notwendigkeit: Es gab so etwas wie diesen Film noch nicht; und es gab sowieso solche ernsthaften Metaphern, solche ernsthaften Auseinandersetzungen mit einem Lebensgefühl noch nicht. 1966: Das ist das Jahr, als die Thesen des ‚62er Oberhausener Manifests (einer der Unterzeichner: Peter Schamoni) endlich in Langspielfilmform in die Kinos gelangten. Und als die Generationenkonflikte intellektuell durchdrungen und auf künstlerische Weise aufbereitet wurden.

Was gab es denn vorher? In den Filmen herrschte noch immer der alte UFA-Stil der 30er und 40er Jahr vor – Kameramann Jost Vacano geht im Interview im DVD-Bonusmaterial kurz darauf ein: Es war den jungen Filmemachern des noch ganz Jungen Deutschen Films klar, dass diese Ästhetik überwunden werden musste. Und das tat dieser Film, ziemlich gründlich: Mit einer recht assoziativen Montage, die in die Geschichte eines jungen Mannes und einer Sekretärin immer wieder Jagdszenen einfließen lässt, vielleicht Erinnerungsschübe, vielleicht auch eine generelle Trauma-Matrix. Und in Vacanos Kameraarbeit, der in vielen Innenraumszenen seine Kamera erst ganz ruhig hält, um dann über die Achse auf die andere Seite zu fahren, eine verschiebende Bewegung, die die Bildgestaltung ins Bewusstsein rückt. Oder der in den Außenszenen, vor allem auf der Jagd, seine Kameraarbeit „dokumentarisch“ gestaltet, als wüsste er nicht, was als nächstes passiert, mit klug eingesetzten Tempowechseln im filmischen Timing.

Wo Goebbels bis ‚45 eine böse politische Moral vorschrieb, wendeten in den 50ern die Kirchen strenge, enge sittliche Maßstäbe auf den Film an. Und wenn es um die Jugend ging, um die Konflikte mit den Älteren, dann entzündeten sich diese gemeinhin im Musikalischen, weil Peter Kraus oder Walter Giller etwas mehr auf flottere Schlagerrhythmen stehen als ihre Eltern (das nannte sich dann Jazz oder Rock’n’Roll, war aber auch nur ein bieder-bourgeoises Update alter Traditionen, und eben kein Bruch).

Peter Schamoni wusste das alles. Man kann es aus seinem Spielfilmdebüt herauslesen: Ein junger Mann – dessen Name im Film nie genannt wird – ist Journalist in Düsseldorf, er versucht, auszubrechen aus seinem Heimatdorf, aus dem ewigen Kreislauf, aus den Traditionen. Und bleibt doch immer hängen, kehrt immer wieder zurück, zur Jagd. Die scheint auf dem Land andauernd und immerfort geblasen zu werden, Fasanen, Füchse, Hasen und Karnickel, auch Tauben, Eichelhäher oder Eichhörnchen werden gerne geschossen: Jagdherr ist der Vater von Viktor, Jugendfreund unseres hamlethaften Helden, der auf dem Dorf geblieben ist, den der junge Mann von Düsseldorf aus bedauert, in Verkennung der Situation, in der er sich selbst befindet.

Der junge Mann ist Treiber bei der Jagd, das reicht ihm, mit der Flinte durch die Wälder streifen will er gar nicht, sich zurückzuhalten ist seine Form der bedächtigen Rebellion. Mit Viktor klopft er Sprüche bei den Gesellschaften nach den Jagden, besäuft sich mit Whiskey, um dann wieder abzudampfen in die Großstadt.

Da hat er sich eine Sekretärin angelacht, mit ihr kann er aber auch nichts Richtiges anfangen. Dabei ist dies ein toller Anfang für den Film: Im Büro eines Filmverleihs will sich der Journalist ein Foto holen, von Godards Film Eine verheiratete Frau, wird von der Sekretärin mit Kuchen bewirtet, seine Bitte um eine Verabredung oder Telefonnummer aber wird abschlägig beschieden – nach dem nächsten Schnitt schon besucht er ihre Mutter, sie sind ganz intim miteinander. Aber für ihn ist es nichts Ernstes, weil er gar nicht weiß, was ernst sein könnte am Leben, an seinem Leben.

Der junge Mann lässt sich treiben, und merkt gar nicht, wie er getrieben ist. Wie er sich selbst verkennt, so verkennen ihn auch die anderen: Viktors Vater hält ihn für ausgesprochen gelassen, verankert in der Realität, er solle doch mal mit Viktor darüber reden; der nämlich ist das Sorgenkind des Ortes, ein Slacker wie unsere Hauptfigur, nur, dass man es bei Viktor bemerkt, weil es ihm an den oberflächlich guten Manieren gebricht. Die Söhne – der junge Mann wie auch Viktor – hängen im System und merken es nicht: Ein System, dem kaum zu entkommen ist, weil alles immer weitergeht. Sie werden später sein wie die alten Herren, die die Jagd in den Händen halten – die, die mal Adlige waren, dann Hitlerbonzen, die nun in der Wirtschaftswunderdemokratie die Fäden in den Händen halten, ohne sich wirklich geändert zu haben. Willy Birgel – UFA-Urgestein in einer großartigen Nebenrolle – diskutiert die russische Literatur, in der er das Handfeste liebt, besonders, wenn es mit der Jagd zu tun hat: Turgeniew, nicht Tolstoi oder Dostojewski. Er rezitiert bei den Jagdgesellschaften seine Jagdgeschichten, die sich anhören wie die Kulturfilme der 1940er Jahre und von der Kraft handeln und der Dialektik, zur Natur zu gehören und sie zu beherrschen.

Kein Zweifel: Unser junger Mann, der in der Stadt seine kleinen Zeitungsgeschichten schreibt, wird einmal selbst so werden. Weil die Rebellion der Jugend ins System mit eingeschrieben ist, weil sie Teil ist des Spiels.

Viktors Vater erzählt einmal von seinen Schulstreichen: Wie er etwa einst in der Unterprima eine Maus hat laufen lassen, das schweiße ihn mit seinen alten Schulkameraden noch heute zusammen… Er habe nie eine Maus freigelassen, unterbricht der junge Mann; aber das lässt Viktors Vater, der Grandseigneur der Heimat, nicht gelten: und natürlich hat er Recht, wie er hier den ewigen Kreislauf der ewigen Wiederkehr des ewig Gleichen klarzumachen versucht. Wenn keine Maus, dann etwas anderes; und wenn keine Schulgeschichten, dann Jagd- oder (so impliziert der Film) Frontgeschichten…

Schonzeit für Füchse (DVD + Blu-ray)

„Schonzeit für Füchse – mit den Füchsen sind hier die Söhne gemeint“, erklärt die Voice Over des originalen Filmtrailers: „Sie versuchen, sich gegen Traditionen, Bevormundung, soziale und sexuelle Normen aufzulehnen.“
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