Nina

Nina

Eine Filmkritik von Jochen Werner

Ein Dasein in Vorläufigkeit

Eine junge, schöne Frau flaniert durch die Straßen Roms, im gleißenden Sonnenschein oder in der Nacht. Manchmal führt sie Homer, den depressiven Hund eines Freundes, aus, manchmal ist sie allein. Sie lernt Mandarin, inklusive Kalligraphieübungen. Liest Sprüche aus Glückskeksen und verschlingt allein gigantische Torten. Gibt Gesangsunterricht. Zuerst dachte er, sie sei eine Hundesitterin, so sagt ihr der unermüdliche Verehrer Fabrizio einmal, dann sei der Gesangsunterricht hinzugekommen, schließlich die Obsession fürs Chinesische. Was es denn nun wirklich sei, das sie tue, will er wissen. All das, antwortet Nina. Aber nur vorläufig.
Vielleicht ist Nina in erster Linie ein Film eben darüber: ein Dasein in Vorläufigkeit, und nicht zuletzt auch die Furcht, die mit dem drohenden Ende der Unverbindlichkeit verknüpft ist. Über weite Strecken scheint die Inszenierung der Regiedebütantin Elisa Fuksas ebenso flüchtig wie das Leben ihrer Protagonistin, springt ganz unvermittelt von einem Augenblick zum nächsten, und keiner von ihnen wirkt bedeutsamer als der zuvorige oder der folgende. Nicht nur ein Film über das Flanieren, das Irrlichtern, sondern selbst ein irrlichternder, flanierender Film. Und dennoch, oder gerade deshalb, auch ein rastloser Film, der sich wie seine Protagonistin zwar durch den Tag, die Nacht, die Stadt treiben lässt, für gemächliches Schlendern aber nur selten Zeit nimmt.

So gesehen ein Film, in dem in gewisser Hinsicht zwei Tempi übereinander geschichtet scheinen, ein Film, unter dessen sonnenstrahlender Oberfläche eine sommerliche Gelassenheit mit einer tiefgreifenden Unruhe ringt. Ein zwiegespaltener, auf anregende Weise schizophrener Film, der dann auch (folgerichtig?) seine zentrale Liebesgeschichte auf zwei Erzählfäden aufteilt. Nina hat Angst davor, einen anderen Menschen auf Dauer in ihr Leben zu lassen, das ohnehin als ein fortdauerndes Provisorium angelegt ist: nach China will sie auswandern, irgendwann. Zwei Männer treten dann gleichwohl, gegen ihren Willen in ihr Leben – oder, eher: ein Mann und ein Junge. Der zehnjährige Ettore wird zu einer Art ständigem Begleiter für sie, der frei in ihrer Wohnung ein- und ausgeht und kluge Dinge zu allen Konflikten und Lebenslagen zu sagen hat. Ein echter Partner, im Grunde, aber eben unter vollständiger Ausblendung aller Aspekte erotischen Begehrens.

Fabrizio hingegen will Nina ganz, lässt auch nach dem hundertsten unbeantworteten Anruf nicht locker, stellt ihr beinahe obsessiv nach. Erfolglos jedoch, mindestens zunächst, zieht sich die so aggressiv Umworbene doch instinktiv erschrocken in ihr Schneckenhaus zurück. Der Augenblick der Erfüllung dieser angekündigten Verliebtheit wird fortan über die Spielzeit von Nina hinweg retardiert – und ob er dann am Ende wirklich eingetreten ist, das ist auch gar nicht einmal so sicher, ist doch derjenige unter den verquer doppelgängerhaften Protagonisten, der schließlich Ninas Wohnungsschlüssel in die Hand gedrückt bekommt, nicht der hoffnungsvolle Liebende Fabrizio…

Die seltsamen Dopplungen und scheinbaren Widersprüchlichkeiten, die Elisa Fuksas' Regie erforscht und auskostet, erschöpfen sich in diesen Aufspaltungen von Plot und Rhythmus freilich noch lang nicht. Auch in Bildhaftigkeit und Atmosphäre sind starke und gleichwohl subtil eingewobene Kontraste angelegt. So setzt Fuksas der Schwerelosigkeit des lose episodischen Rhythmus ein Verharren entgegen, das sie in der römischen Architektur, die beinahe schon als ein eigener Protagonist in Nina inszeniert wird, zu entdecken vermag. Bevor sie sich als Filmemacherin neu erfand, studierte Elisa Fuksas Architektur, und das bleibt ihrem Blick eingeschrieben. Mitunter gemahnt die entschiedene Emphase auf den (leeren, denn die Straßen Roms erscheinen hier oftmals gottverlassen) Raum gar an Fuksas' großen Landsmann Antonioni, doch ist Nina von allem Epigonentum denkbar weit entfernt. Stattdessen gibt es hier ein einigermaßen idiosynkratisches und auf sympathischste Weise zerfaserndes Debüt einer Filmemacherin zu entdecken, von der man sich noch Interessantes wird erhoffen können.

Nina

Eine junge, schöne Frau flaniert durch die Straßen Roms, im gleißenden Sonnenschein oder in der Nacht. Manchmal führt sie Homer, den depressiven Hund eines Freundes, aus, manchmal ist sie allein. Sie lernt Mandarin, inklusive Kalligraphieübungen. Liest Sprüche aus Glückskeksen und verschlingt allein gigantische Torten. Gibt Gesangsunterricht.
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