Me Too (2012)

Me Too (2012)

Ich will glücklich sein! Ich auch!!

Alexej Balabanov ist seit Jahrzehnten das schwarze Schaf der russischen Filmgemeinde. Oder der Jim Jarmusch des Osteuropas – je nachdem wie man es betrachtet. Wenn er einen Film macht, dann macht er ihn wie er will, wann er will, wo er will. Und das Endresultat ist meist genauso rebellisch – man möchte sogar sagen störrisch – wie der Filmemacher selbst. Hier in Rotterdam stellte Balabanov seinen neuen Film Me Too / Ja tozhe hochu vor und das typische Frage-und-Antwort-Spiel nach der Vorführung gestaltete sich ebenfalls sehr eigen. Denn so richtig Auskunft geben wollte der Filmemacher nicht; seine Antworten kamen mürrisch und ausweichend daher. Und wer auf Antworten auf die vielen Fragen hoffte, die der Film aufwarf, musste ebenfalls enttäuscht nach Hause gehen. Allerdings, das kann man nicht ganz verleugnen, hat er mit dieser Weigerung auch Recht. Denn gar so kryptisch, wie es die Fragenden empfanden, ist Me Too dann auch wieder nicht geraten. Vielleicht lag der Redebedarf des Publikums und der anwesenden Journalisten aber auch an etwas ganz Anderem, an einer zusätzlichen Ebene, die das Leben dem Werk möglicherweise hinzugefügt hatte: Es heißt, der Filmemacher sei schwer krank und wäre dem Tod erst vor kurzem von der Schippe gesprungen. Ob das stimmt, weiß keiner so wirklich. Klar ist aber, dass Me Too ein im wahrsten Sinne des Wortes existentialistischer Film geworden ist.
In seiner Grundstruktur ist das Werk ein Roadmovie – und zwar eines ,das immer mit der Frage „Wo fahrt ihr hin?“ beginnt. Eine Frage, die stets mit „zum Glück“ beantwortet wird. Ein Auftragskiller, ein Musiker, ein Säufer und dessen Vater und eine Prostituierte tun sich hier zu einer ungewöhnlichen und überwiegend besoffenen Fahrgemeinschaft zusammen. Laut und kodderschnäuzig geht es zu — und immer wieder wunderbar ironisch. Die Fahrt ist eine einzige eiskalt treffende Analyse der russischen Gesellschaft und der Lebensumstände in einem Land, das für niemanden Gnade hat. Schon gar nicht für diese Außenseiter. (Der wohl mit Abstand schönste Satz kommt dabei von der Prostituierten, die erklärt, dass sie eigentlich Philosophie studiert hat. Aber, so konstatiert sie: „Es gibt keine Jobs in der Philosophie. Hier ist es einfacher, für sein Arschloch Arbeit zu finden) Das Ziel der Fahrt: ein Glockenturm irgendwo in Russland. Gerüchten zufolge gab es dort vor einer Weile einen atomaren Unfall – ein zweites, kleineres Tschernobyl. Jetzt herrscht im Umkreis nuklearer Winter. Doch nicht alle Einwohner sind gestorben, denn der dortige Kirchenglockenturm hat durch die Radioaktivität eine Art Wunder erfahren und ist jetzt ein direkter Zugang zum Himmel. Wer die Ruine betritt wird sofort ins Glück gebeamt. Alle in Balabanovs Film wollen glücklich sein, wie ein Mantra wiederholt sich immer wieder das gleiche Gespräch: „Ich will endlich glücklich sein!“ – „Ich auch!“. Doch nicht jeder wird ausgewählt und es bleibt ein Rätsel wer sein Glück findet und wer nicht. So wird die Fahrt eine ins Ungewisse, wenngleich sie hoffnungsvoll ist.

Doch wer Balabanov ein bisschen kennt, der weiß, dass Hoffnung nicht sein Ding ist. Zu gern baut er sie auf, um sie dann zu zerschmettern. Und hier tut er es auf eine so dreiste Art, dass man als Zuschauer erst entsetzt ist und dann lachen muss über so viel Dreistigkeit. Kurzerhand lässt er einen hellseherisch begabten Jungen zusteigen (gespielt von seinem eigenen Sohn), der mal eben in zwei Sätzen den gesamten Ausgang des Filmes verrät und damit jegliche Katharsis einfach wegwischt. Und doch, am Ende gibt es eine große Überraschung und eine der besten Szenen, die das europäische Kino in den letzten Jahrzehnten gesehen hat – voller Selbstironie, aber in Anbetracht der Gerüchte auch voller Traurigkeit.

(Festivalkritik vom 42. Internationalen Filmfestival Rotterdam, Beatrice Behn)

Me Too (2012)

Alexej Balabanov ist seit Jahrzehnten das schwarze Schaf der russischen Filmgemeinde. Oder der Jim Jarmusch des Osteuropas – je nachdem wie man es betrachtet. Wenn er einen Film macht, dann macht er ihn wie er will, wann er will, wo er will. Und das Endresultat ist meist genauso rebellisch – man möchte sogar sagen störrisch – wie der Filmemacher selbst.
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