Joe Albany - Mein Vater, die Jazz-Legende

Joe Albany - Mein Vater, die Jazz-Legende

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Auf und Ab

Kreativität und Selbstzerstörung gehen im Showgeschäft nicht selten Hand in Hand. So auch im Fall des hoch veranlagten Jazz-Pianisten Joe Albany, dessen Drogensucht einen ganz großen Durchbruch verhinderte. Basierend auf den Memoiren seiner Tochter Amy-Jo (Low Down: Junk, Jazz, and Other Fairy Tales from Childhood), taucht das von Jeff Preiss inszenierte Biopic in einen Alltag ein, der zwischen liebevoller Zuneigung, Vernachlässigung und Abstürzen changiert. Starke Darsteller lassen das Interesse am Geschehen nie erkalten. Und doch drängt sich am Ende besonders ein Gedanke auf: Richtig nah kommt man den Protagonisten leider nicht!
Mitte der 1970er Jahre in Hollywood: Joe Albany (John Hawkes) und seine Teenager-Tochter Amy-Jo (Elle Fanning) hausen in einem einfachen Hotelzimmer und leben die meiste Zeit getrennt von der alkoholkranken Ehefrau und Mutter Sheila (Lena Headey). Der heroinabhängige Musiker, der einst mit Branchengrößen wie Charlie Parker und Lester Young zusammenspielte, hält sich mittlerweile bevorzugt als Barpianist über Wasser und wird, da er gegen Bewährungsauflagen verstößt, zwangsweise in eine Entzugsklinik eingewiesen. Amy-Jo flüchtet sich daraufhin in die Arme ihrer Großmutter (Glenn Close), die dem verunsicherten Mädchen, wie immer in solchen Momenten, Trost und Halt geben kann.

"Leben bedeutet Hoffnung", sagt Albany an einer Stelle und lässt damit den Willen zur Veränderung anklingen. Wiederholt hat es den Anschein, als würde der begnadete Künstler endlich die Kurve kriegen. Doch auf jeden erfolgreichen Schritt folgt ein Rückfall in den Drogensumpf. Was umso schmerzlicher ist, wenn man sieht, wie viel Hingabe Joe seiner Tochter in manchen Momenten schenkt. Erzählt wird der Film vor allem aus ihrer Perspektive: dem Blickwinkel einer Heranwachsenden, die nach Halt in der Welt sucht, sich für die Musik ihres Vaters begeistern kann und ihn trotz aller Eskapaden bedingungslos liebt, wie sie den Zuschauer schon zu Beginn wissen lässt.

Bemerkenswert ist diese Haltung allemal, denn die Umgebung, in der sich Amy-Jo bewegt, wirkt nicht nur auf den ersten Blick trostlos und elendig. Das abgewrackte Hotel, das Vater und Tochter bewohnen, zieht seltsame Gestalten an. Mehrmals stehen drogensüchtige Freunde vor der Tür. Und das ständig abgedunkelte Zimmer der Albanys erzeugt beim Betrachter ein Gefühl der Beklemmung, das zumindest gelegentlich auf die Teenagerin übergreift. Ab und an sucht Amy-Jo das Weite, wandelt durch die Flure und wird dabei auf den kleinwüchsigen Alain (Peter Dinklage) aufmerksam, der – so glaubt man anfangs – zu einem freundschaftlichen Begleiter avancieren könnte. Ihr Zusammentreffen erweist sich allerdings als Episode, die für den Fortgang des Geschehens keine allzu große Rolle spielt.

Überhaupt setzen Regisseur Preiss und die Drehbuchautoren Amy-Jo Albany und Topper Lilien auf eine lose verbundene Handlungsstruktur, die sich spürbar abgrenzt vom klassischen Erzählkino Hollywoodscher Prägung. Optisch kommt das Independent-Drama in einem authentisch-ausgewaschenen 70er-Jahre-Look daher, der uns unaufdringlich in eben dieses Jahrzehnt entführt. Der größte Trumpf des Films sind seine Darsteller, angefangen bei Jungstar Elle Fanning, die Amy-Jo als staunend-unverwüstliches Mädchen verkörpert und mit ihrem nuancierten Spiel stets aufs Neue überraschen kann. John Hawkes, in dessen ausgemergeltes Gesicht Joes Drogensucht eingeschrieben ist, bringt die Zerrissenheit des Jazz-Pianisten glaubhaft zum Ausdruck und wechselt behände zwischen positiven und negativen Stimmungslagen. Erwähnenswert ist auch der Auftritt von Hollywood-Ikone Glenn Close, die den Film in der Rolle der hilfsbereiten Großmutter mit gesundem Pragmatismus erdet.

Dass Joe Albany – Mein Vater, die Jazz-Legende trotz eindringlicher Schauspielerleistungen einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt, liegt an der etwas distanzierten Präsentation der Ereignisse. Lobenswert ist es in jedem Fall, dass der Film billig-melodramatische Ausflüge konsequent vermeidet. Manchmal hätte man sich aber gewünscht, konkreter in das Erleben der Figuren einzutauchen. Was genau bewegt Amy-Jo bei ihren mitunter erschütternden Erfahrungen? Und welchen inneren Dämonen will Joe entfliehen, wenn er wieder mal zur Spritze greift? Spannende Fragen, die leider nicht eingehender beleuchtet werden – was im zweiten Fall freilich mit Amy-Jos beschränkter Perspektive zusammenhängt.

Joe Albany - Mein Vater, die Jazz-Legende

Kreativität und Selbstzerstörung gehen im Showgeschäft nicht selten Hand in Hand. So auch im Fall des hoch veranlagten Jazz-Pianisten Joe Albany, dessen Drogensucht einen ganz großen Durchbruch verhinderte.
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