Ragtime

Ragtime

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Vom unfairen Flair einer zerrissenen Ära

Da stört ein Schrei des Entsetzens eine US-amerikanische Unternehmerfamilie im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts am Mittagstisch auf, den in prätentiöser Übertreibung das Dienstmädchen Brigit (Hoolihand Burke) ausstößt, als sie im Garten ein nackiges, farbiges Baby entdeckt. Auf diese Weise geraten der Großvater (Edwin Cooper), der Vater (James Olson), die Mutter (Mary Steenburgen), ihr jüngerer Bruder (Brad Dourif) und der kleine Sohn (Max Nichols) – allesamt unbenannte Protagonisten – in Kontakt mit Sarah (Debbie Allen), der vezweifelten Mutter des ausgesetzten Babys, und seinem Vater Coalhouse Walker Junior (Howard E. Rollins Jr.), was die Familie und ihre Umgebung auf Dauer in seltsame sozialpolitische Verwicklungen von geradezu aberwitzigen Ausprägungen und krassen Konfrontationen katapultiert.
Ragtime unter der Regie von Miloš Forman aus dem Jahre 1981 als stilecht inszeniertes, opulentes Gesellschaftsdrama – seinerzeit achtfach für den Oscar nominiert – mit sanften bis satten satirischen Sequenzen skizziert das zugespitzte Szenario einer New Yorker Sozietät um 1906, gespickt mit markanten Charakteren aus dem gleichnamigen Roman von Edgar Lawrence Doctorow, der im vergangenen Juli im Alter von 84 Jahren verstarb. Die illustren, ganz wunderbar gezeichneten und verkörperten Figuren des Films, die allerdings nur eine überschaubare Auswahl aus dem ungleich üppigeren literarischen Originalwerk darstellen, werden hier innerhalb einiger Handlungsstränge enorm dynamisch miteinander in Beziehung gesetzt, so dass eine geistreiche Geschichte mit ansprechender Visualität, signifikanten Themen und außergewöhnlichem Charme entsteht.

Während die aktuellen Nachrichten aus Politik und Gesellschaft in Schrift und Bild in nostalgischem Schwarzweiß über die Leinwand eines Kinos huschen, spielt der schwarze Pianist Coalhouse Walker Junior, der bald darauf einigen Erfolg als Musiker haben wird, stimmungsvolle Klavierklänge dazu ein. Wie sich diese Schlagzeilen, die einen eleganten Einstieg in die Geschichten des Films bieten, dann ganz konkret und en détail in der Lebenswelt der beteiligten Personen niederschlagen, verfolgt der Film in ausführlicher Form, wobei es ebendieser widerständige Walker ist, der im Zentrum der kuriosen bis kriminellen Kapriolen der Charaktere steht, die jeder für sich und doch gemeinsam den windigen Veränderungen des damaligen Zeitgeistes ausgesetzt sind, stets flankiert von wogendem Ragtime als moderne musikalische Ausprägung jener Jahre.

Während Walker zunächst gegen eine Gruppe von repressiv-provokanten Feuerwehrleuten und später gar gegen den Polizeiapparat von New York City kämpft, um Genugtuung für die Schikane gegen ihn und die zutiefst beleidigende Verschmutzung seines nagelneuen Automobils zu erlangen, verlässt der Immigrant Tateh (Mandy Patinkin) mit seiner kleinen Tochter (Jenny Nichols) seine untreue Frau und startet mit einem simplen Daumenkino in eine erfolgreiche Karriere als Regisseur. In diesem Rahmen dreht er auch mit der populären Schauspielerin Evelyn Nesbit (Elizabeth McGovern), die eine sensationsträchtige Scheidung von dem so wohlhabenden wie jähzornigen Henry Thaw (Robert Joy) hinter sich hat, der wiederum während einer Feierlichkeit den Architekten Stanford White (Norman Mailer) eliminiert hat, um die vermeintlich verletzte Ehre seiner Gattin zu sühnen…

So zirkulieren die Geschichten rund um die lebhaften, urigen Protagonisten, die sich in unterschiedlichen Konstellationen mehr oder weniger schicksalshaft begegnen und verändern. Der allgemeine Aufbruch in andere Zeiten auf persönlicher wie politischer Ebene ist umgeben von markanten Ereignissen und klingenden Namen, die apart aufblitzenden Assoziationen historischer Anknüpfungspunkte gleich mit dem Netz der fiktiven Figuren verknüpft werden. Hier findet Sigmund Freuds Aufenthalt in den USA ebenso Erwähnung wie der Reformer Booker T. Washington (Moses Gunn) sogar direkt in die Handlung eingebunden wird, und zwar als beschwichtigender Verhandlungspartner des erzürnten Walkers, der sich mit einer kleinen Truppe von Mitstreitern und der Forderung von Wiedergutmachung und Auslieferung des Feuerwehrchefs in einer Bibliothek einnistet, mit der Drohung, diese samt der wertvollen Bücher – eine Gutenberg-Bibel ist anwesend – ansonsten zu sprengen.

Doch die umfangreichste Andeutung und Bedeutung innerhalb dieser Geschichte um aufbrechende Normen, Konventionen und Werte während dieser Ära des frühen erstarkenden Widerstands gegen Rassismus und Diskriminierung kommt sicherlich der Anlehnung des Namens von Hauptheld Coalhouse Walker Junior an jenen von Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas zu, dessen Schicksal sich in jenem des Jazz-Musikers spiegelt. Hier kommt das Moment des explosiven Tropfens zu viel angesichts etlicher Demütigungen als Wirkelement für Eskalationen ebenso zum Tragen wie die rigorose Akzeptanz aller Konsequenzen dessen und – final – der müde Verzicht oder Kompromiss angesichts von Aussichtslosigkeit sowie der Besinnung auf die humanistischen Komponenten. Die Dosis an und Mischung von ernsten sowie witzigen bis aberwitzigen Aspekten im Film tendiert zwar bei Zeiten ebenfalls zur Explosivität, wird aber überwiegend zuverlässig in milde Auswege abgeführt. Es sei denn, der Mörder ist weiß und reich und hat gewiefte Anwälte, wie die eingangs erscheinende Figur des Henry Thaw. Oder aber es ist die Polizei, die einen schwarzen Musiker erschießt, während er sich gerade mit erhobenen Händen ergibt. In diesen Fällen weist Ragtime bei all seiner nostalgischen Atmosphäre und satirischen Finesse doch eine knallharte Aktualität aus.

Ragtime

Da stört ein Schrei des Entsetzens eine US-amerikanische Unternehmerfamilie im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts am Mittagstisch auf, den in prätentiöser Übertreibung das Dienstmädchen Brigit (Hoolihand Burke) ausstößt, als sie im Garten ein nackiges, farbiges Baby entdeckt.
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