Huacho - Ein Tag im Leben

Huacho - Ein Tag im Leben

Eine Filmkritik von Verena Schmöller

Eine fiktive Geschichte mit dokumentarischem Charakter

Das zeitgenössische chilenische Filmschaffen ist einerseits geprägt von sozialkritischen Filmen, vom Neuen Chilenischen Kino der 1960er Jahre, einer (filmischen) Identitätssuche nach der Ära Pinochet und der Aufarbeitung der Diktatur. Andererseits sind es die leichten Komödien, die in den vergangenen Jahren die chilenischen Kino erobert haben und das einheimische Publikum für sich gewinnen konnten. Innerhalb dieser Kinematographie ragt ein Film wie Huacho – Ein Tag im Leben von Alejandro Fernández Almendras deutlich hervor, denn er ist weder das eine noch das andere, sondern beschäftigt sich mit dem Hier und Jetzt einer armen Bauernfamilie, die am Stadtrand von Chillán im südlichen Chile lebt. Der Spielfilm, der wie ein Dokumentarfilm wirkt und mit Laiendarstellern besetzt ist, erzählt in vier Episoden vom Alltag von Clemira, Alejandra, Cornelio und Manuel. Diese stellen jeweils eines der vier Familienmitglieder in den Fokus, überschneiden sich aber auch vielfach und werden durch den Familienbund und die gemeinsamen Mahlzeiten am Morgen und am Abend zusammengehalten.
Clemira, Mutter und Großmutter, stellt in der heimischen Küche Käse her und verkauft ihn am Straßenrand zusammen mit anderen Bauersfrauen. Alejandra, ihre Tochter, ist Küchenangestellte in einem Gästehaus, kocht und putzt und kümmert sich, nachdem der Familie am Morgen einmal wieder der Strom abgestellt wurde, um die Bezahlung der Stromrechnung. Manuel, ihr Sohn im Schulalter, verbringt den Tag vor allem damit, einem Mitschüler aus reicherem Hause hinterher zu rennen, um einmal mit dessen Gameboy spielen zu dürfen. Und Cornelio, Vater und Großvater, bringt den Tag auf seinem Feld zu, baut an einem Zaun und trifft sich am Abend mit den Freunden aus dem Dorf in der Dorfkneipe.

Die Kamera bleibt dabei stets nahe bei den Figuren. In leichter Aufsicht begleitet sie jede einzelne auf ihrem Weg durch den Alltag, beobachtet die umherstreifenden Blicke und hält die Mimik in großen Einstellungen fest. Indem sich der Film mit seinen langen Einstellungen sehr viel Zeit für die Begleitung seiner Figuren nimmt, erreicht er einen hohen Grad an Identifikation beziehungsweise Mitfühlen. Fernández Almendras’ Film ist gerade kein Feuerwerk an Dialogen und Ereignissen, sondern dokumentiert die – häufig auch eintönigen – Momente des Alltags einer gewöhnlichen Familie, die weder Geld noch sonstige Möglichkeiten hat, um sich das Leben besonders zu gestalten.

Mehr noch, erscheint jede der Figuren in gewisser Weise als Alleingänger, die Zeit des Alleinseins bestimmt den Alltag von Clemira, Alejandra, Cornelio und Manuel. So vereinbaren die Käseverkäuferinnen einen gemeinsamen Verkaufspreis, doch muss Clemira am Abend erfahren, dass keine der anderen sich an die Absprache gehalten hat. Manuel befolgt alle Spielregeln, die der Mitschüler mit dem Gameboy aufgestellt hat, und begleitet diesen sogar bis an dessen Haustür, geht am Ende allerdings leer aus, bekommt das Gerät nicht für eine Minute in die Hand und versucht deshalb, seine Spiellust mit einer gefundenen Münze in einer Spielhalle zu stillen.

Huacho – Ein Tag im Leben präsentiert damit auch das zeitgenössische Chile in seinem globalisierungsbedingten Wandel. Die Konjunktur hat nicht nur für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gesorgt, sondern treibt auch Arm und Reich immer weiter auseinander, was sehr anschaulich an der Dokumentation des Alltags des jungen Manuel deutlich wird. Dem Film, der 2009 in Havanna als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet wurde, gelingt es, so scheint es, ein Stück Wirklichkeit auf die Leinwand zu projizieren und damit in seiner Funktion als „Fenster zur Welt“ zu bestechen. Erzählt Huacho – Ein Tag im Leben zwar eine fiktive Geschichte, so überzeugt er doch gerade durch seinen dokumentarischen Charakter.

Huacho - Ein Tag im Leben

Das zeitgenössische chilenische Filmschaffen ist einerseits geprägt von sozialkritischen Filmen, vom Neuen Chilenischen Kino der 1960er Jahre, einer (filmischen) Identitätssuche nach der Ära Pinochet und der Aufarbeitung der Diktatur. Andererseits sind es die leichten Komödien, die in den vergangenen Jahren die chilenischen Kino erobert haben und das einheimische Publikum für sich gewinnen konnten.
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