Fernes Land

Fernes Land

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

"German Angst"

Angst ist sein Geschäft: Ale Versicherungsvertreter für die „Schwäbisch Leben“ ist Mark (Christoph Franken) ein Experte für die Ängste seiner Mitmenschen. Schließlich bilden sie die Grundlage für sein erfolgreiches Wirken in der elterlichen Versicherungsagentur, die er eines Tages selbst übernehmen soll. Und natürlich ist man vor allem dann gut im Geschäft mit der Angst, wenn man diese selbst kennt. Im Falle Marks besteht die Angst darin, sich den eigenen Wünschen zu verschließen und stattdessen lieber auf Nummer Sicher zu gehen: Also wird es nichts aus den Träumen, alles Vertraute hinter sich zu lassen und nach Japan auszuwandern, wo der begeisterte Hobbykoch seine Erfüllung finden könnte. Dass jemand so konsequent an den eigenen Wünschen vorbei lebt, ist für Marks Freundin Nina (Karina Plachetka) nur schwer auszuhalten, und so kommt es, wie es kommen muss: Plötzlich steht Mark alleine da, weil Nina nicht mehr bereit dazu ist, seine Lebenslügen zu teilen und damit der unwillkürlich irgendwann folgenden Frustration sehenden Auges entgegen zu sehen.
Lebensträume hat auch der illegale Einwanderer Haroon (Atta Yaqub), er sehnt sich danach, eines Tages in Deutschland einen Friseursalon zu eröffnen und als anerkannter Migrant endlich ganz legal und normal in Deutschland leben zu können. Doch im Gegensatz zu Marks Wünschen sind diese ungleich schwerer zu realisieren. Denn als „Unsichtbarer“ muss er stets vorsichtig agieren und ist Schurkereien seitens seines Arbeitgebers schutzlos ausgeliefert. Wenn der ihm einen Großteil des versprochenen Lohnes vorenthält, gibt es niemanden, der sich für ihn einsetzt.

Dann prallen diese beiden Männer, die ebenso miteinander verbindet wie trennt, im buchstäblichen Sinne aufeinander. Abgelenkt von der eigenen Wut und dem Schneefall in Leipzig, wo Mark nach dem Streit mit Nina ziellos durch die Straßen fährt, übersieht er Haroon und fährt ihn an. Da der Pakistani nicht schwer verletzt ist und weder von der Polizei noch von einem Krankenwagen etwas wissen will, bietet sich der dickliche Versicherungsmakler an, Haroon wenigstens nach Hause zu erfahren. Es ist der Beginn einer Odyssee durch die winterliche Nacht, die das Leben der beiden Männer grundlegend verändern wird.

Fernes Land ist ein Film, der aufrütteln möchte, der dem Zuschauer die Augen öffnen möchte für die Situation „Illegaler“ und dem dies teilweise durchaus auch gelingt. Wie Mark, so werden auch wir in eine fremde Welt aus Asia-Märkten, Asylbewerberheimen und muslimischen Schlachtereien entführt, die man so in deutschen Filmen selten bis nie zu sehen bekommt.

Dass Kanwal Sethis Film den Zuschauer letzten Endes doch nicht so packt, wie dies angesichts der ungewöhnlichen Paarung und der Thematik zu erwarten wäre, liegt an vielen kleinen Ungereimtheiten und Holprigkeiten, die es schwierig machen, sich vollends auf die Geschichte einzulassen: Angefangen von einigen Merkwürdigkeiten in der Continuity (mal liegt Schnee auf den Straßen, dann wieder sind diese knochentrocken, dann wieder sind während Marks Fahrten durch die Nacht bestimmte markante Gebäude mehrmals im Bild zu sehen) über verwirrende Schnittfolgen und zeitlich schwer zu bestimmenden Rückblenden bis hin zu nicht immer überzeugenden darstellerischen Leistungen.

So ambitioniert Fernes Land auch sein mag und so sehr der Film sich auch bemüht, einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen: Wenn man sich umschaut im europäischen Kino, dann fällt eines deutlich auf: Filme wie der belgische Illégal von Olivier Masset-Depasse oder Aki Kaurismäkkis Le Havre belegen eindrucksvoll, dass andere europäische Länder zwar in Sachen Einwanderungspolitik nicht wesentlich weiter vorangekommen sein mögen als Deutschland. In der künstlerischen Herangehensweise an das Problem der Migration aber sind sie derzeit mindestens zwei Schritte weiter.

Fernes Land

Angst ist sein Geschäft: Als Versicherungsvertreter für die „Schwäbisch Leben“ ist Mark (Christoph Franken) ein Experte für die Ängste seiner Mitmenschen. Schließlich bilden sie die Grundlage für sein erfolgreiches Wirken in der elterlichen Versicherungsagentur, die er eines Tages selbst übernehmen soll.
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