Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Eine Filmkritik von Festivalkritik Cannes 2015 von Beatrice Behn

Nur Gleiches und Stillstand

Oh Gott, sie ist so dramatisch! Das denkt zumindest Ariehs (Gilad Kahana) Mutter von ihrer Schwiegertochter Fania (Natalie Portman). Arieh kann damit nicht allzu viel anfangen, er ist eben ein Intellektueller – und überhaupt: Er hat zu tun. Denn Arieh, Fania und deren gemeinsamer Sohn Amos (Amir Tessler) leben 1945 in palästinensischem Gebiet und unter britischer Hoheit.
Gerade noch rechtzeitig vor den Nazis geflohen, haben sie alles verloren: die Heimat, große Teile ihrer Familie und Freunde und fast jeglichen Besitz. Ihr neues Leben ist ebenfalls eine politisch instabile Angelegenheit. Doch Amos stört das nicht. Der aufmerksame, sensible Junge ist viel mehr damit beschäftigt, die Welt kennenzulernen. Dabei hilft ihm besonders seine Mutter, eine sensible Frau, die viel in ihrer Imagination einer besseren und schönen Welt lebt. Doch diese wird nicht nur von den Schrecken der Vergangenheit immer wieder eingeholt. Der täglich zermürbende Alltag, die Ungewissheit und die bald hereinbrechenden Kriege zermahlen ihre Fantasien und zerstören nach und nach ihren Lebensmut. Ihr Ehemann und seine Lieblosigkeit, oder besser sein Unverständnis für Emotionales, verschlimmern die Situation bis zum einem bitteren, depressiven Ende, das Amos, so sehr er sich bemüht, nicht aufhalten kann.

A Tale of Love and Darkness, Natalie Portmans erster Versuch als Regisseurin, beruht auf der gleichnamigen Biografie von Amos Oz. Und genau hier treten schon die ersten Schwierigkeiten auf, denn Amos ist zwar der filmische Erzähler, durch dessen Augen die Geschichte betrachtet wird, aber er ist keineswegs die Hauptfigur. Das ist dann doch eindeutig die hyperemotionale Mutter und ihr Kampf mit der Realität. Amos bleibt in diesem Film, der ja eigentlich die Geschichte seiner Prägung und seines Aufwachsens erzählen sollte, stets eine auf das passive Beobachten reduzierte Figur. Der Film widmet sich unterdessen ständig und stetig den Leiden der Fania. Es gibt keine Nuancen, nur Gleiches und Stillstand. Die Mutter siecht in Depression dahin, der Junge schaut zu. Zu einem so klassisch-geradlinigen Melodram wird der Film, dass sogar Mildred Pierce, die Ikone des klassischen Melodrams, einem plötzlich erscheint, als habe sie hunderte Facetten. Natalie Portmans Fania hat das nicht.

Aber A Tale of Love and Darkness hat auch noch eine historische Komponente, spielt er doch an einer geschichtlich betrachtet höchst interessanten Schnittstelle: dem Entstehen des israelischen Staates mit all seinen Problemen und Geburtsschwierigkeiten. Aber halt! Dafür nimmt sich der Film leider nicht viel Zeit und Raum. Zum Hintergrund und zur psychologischen Grundlage der Leiden Fanias werden sie gern eingesetzt, dürfen aber immer nur im Hintergrund stattfinden und kommen so nie über Landschaften, Bombengeräusche und Gesprächsfetzen hinaus. Dabei hätte hier eine wichtige Grundlage entstehen können und ein zweites Standbein, das das Melodram der Mutter einbettet und ihm mehr Fülle verschafft. Doch egal ob Leiden oder die Historisierung, beide bleiben leider bei einigen Gesten stecken und erreichen nie irgendeine Tiefe.

Wie schade eigentlich, die Geschichte an sich hat großes Potential. Doch Portman bleibt auf sicherem Boden und wagt es nicht, über das Übliche hinauszugehen oder tief einzutauchen. Sehr wohl kennt sie die Gesten des klassischen Kinos, sehr wohl vermag sie diese zu replizieren. Doch mehr auch nicht. Dem Film fehlt letzendlich das leidenschaftliche Herz. Er bleibt eine blasse Version eines starken Buches.

(Festivalkritik Cannes 2015 von Beatrice Behn)

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Oh Gott, sie ist so dramatisch! Das denkt zumindest Ariehs (Gilad Kahana) Mutter von ihrer Schwiegertochter Fania (Natalie Portman). Arieh kann damit nicht allzu viel anfangen, er ist eben ein Intellektueller – und überhaupt: Er hat zu tun. Denn Arieh, Fania und deren gemeinsamer Sohn Amos (Amir Tessler) leben 1945 in palästinensischem Gebiet und unter britischer Hoheit.
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Meinungen
Heidi Maass · 08.11.2016

Komme gerade aus diesem wunderbar berührenden, verstörenden, fein beobachteten und glänzend inszenierten Film und bin von den Socken von dieser Kritik. Es bestätigt einmal mehr meinen Eindruck,
dass Frauen sehr häufig die Werke von anderen Frauen - ob aus Literatur, bildender Kunst oder wie hier Film - negativ kritisieren.
Ob das Neid ist, weil sie selbst nichts dergleichen auf die Beine stellen konnten? Oder was sonst treibt die Rezensentin dazu zu behaupten, dem Film fehle das leidenschaftliche Herz!?!

Kommentare

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