Drifter

Drifter

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Kinder vom Bahnhof Zoo 2.0

Früher war der Bahnhof Zoo am Kurfürstendamm so etwas wie das logistische Zentrum des alten West-Berlins. Hier kamen die Züge an, die die Reisenden aus der BRD in die Frontstadt brachten, hier bestiegen die Berliner die Bahn, die sie in den Westen brachte. Dass der Bahnhof für manche aber auch Endstation war, das erfuhr man 1978 aus dem Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, in dem die damals 16-jährige Christiane F. freimütig von der Drogenszene berichtete, in die sie mit 12 Jahren geraten war. Das Buch schlug ein wie eine Bombe und wurde zu so etwas wie einem Mythos. 30 Jahre ist das mittlerweile her und vieles hat sich in der Zwischenzeit geändert. Längst ist der Bahnhof Zoo vom Zentrum des Schienenverkehrs an dessen Rand gerückt, gibt es kein West- und kein Ost-Berlin mehr. Eine Drogenszene gibt es dort allerdings immer noch. Und von dieser erzählt Sebastian Heidinger in seinem Film Drifter auf sehr nahe und unmittelbare Weise.
Aileen (16), Angel (23) und Daniel (25) sind die drei Protagonisten, die Heidinger in seinem Film begleitet. Wie Schatten bewegen sie sich durch die Stadt, immer auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht, nach dem nächsten Schuss oder der Möglichkeit, Kohle zu machen, um die Sucht zu befriedigen. In zunächst scheinbar zusammenhanglosen Fragmenten folgt der Film den Drogensüchtigen, verzichtet dabei auf jede Intervention, auf erklärende Off-Kommentare oder Mittel, um verständlich zu machen, wie die Protagonisten wurden, was sie heute sind. Und genau darin, in dem Ausgesparten und Nichtgezeigten liegt die Stärke des Films, der sich jenseits von Mythos und Sozialkitsch, aber mit Respekt für seine Personen an ein schwieriges Thema annähert, der das Unsichtbare sichtbar macht und vor allem über Stimmungen arbeitet.

Vieles erzählt Heidinger in seinem Film über die Orte, an denen er und seine Protagonisten sich aufhalten. Es sind die Rand-, Bruch- und Leerstellen der Großstadt, die sie aufsuchen, um sich dem kontrollierenden Blick der Öffentlichkeit zu entziehen, Nicht-Orte, die den absoluten Rückzug in die Anonymität ermöglichen.

Drifter versteht sich als erzählerischer Dokumentarfilm. Und tatsächlich verdichten sich die anfangs scheinbar wahllosen Fragmente und Szenen nach und nach zu einem dichten Geflecht, das nicht nur viel über das Leben auf der Straße erzählt, sondern auch viel über Abhängigkeit, Freundschaft, zerbrechende Familienstrukturen und das Leben von Ausgestoßenen in einer Stadt wie Berlin. Bemerkenswert ist dabei vor allem, mit welch minimalen Mitteln dies Sebastian Heidinger gelingt und wie viel Raum er seinen Protagonisten und den Zuschauern dabei lässt.

Drifter wirkt so selbstverständlich und trotz der Blicke in das heimliche Gesicht einer Stadt so dezent und zurückhaltend, dass man schon sehr viel Gespür für die Arbeit von Dokumentarfilmern haben muss, um die Mühe und die Vorarbeiten zu spüren, die diesen Film überhaupt erst ermöglicht haben. Nach langen Beobachtungen an den verschiedenen Epizentren der Drogenszene in Berlin, während der Heidinger und sein Kameramann Henner Besuch sich bemühten, Einblicke in die hermetischen Rituale und Gewohnheiten der Subkultur zu bekommen, fanden sie schließlich am Bahnhof Zoo den idealen Ort, um sich langsam an die Szene anzunähern. Immer und immer wieder kamen sie mit einem VW-Bus hierher, bis sich die Junkies an sie gewöhnt hatten und eine Annäherung möglich war. Eine mühevolle Arbeit, die sich aber gelohnt hat. Abseits der heute beinahe befremdlichen Atmosphäre, die Uli Edels Verfilmung des Buches von Christiane F. ausstrahlt, ist Drifter ein gelungenes Dokument zu einem Thema, das auch nach 30 Jahren nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Drifter

Früher war der Bahnhof Zoo am Kurfürstendamm so etwas wie das logistische Zentrum des alten West-Berlins. Hier kamen die Züge an, die die Reisenden aus der BRD in die Frontstadt brachten, hier bestiegen die Berliner die Bahn, die sie in den Westen brachte. Dass der Bahnhof für manche aber auch Endstation war, das erfuhr man 1978 aus dem Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", in dem die damals 16-jährige Christiane F. freimütig von der Drogenszene berichtete, in die sie mit 12 Jahren geraten war.
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