Die stille Revolution (2017)

Die stille Revolution (2017)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Tolle Slogans, wenig Inhalt

Was mit dem Einzug grüner Parteien in die Parlamente Fahrt aufnahm, ist von den linken Rändern in (Teilen) der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Längst ist die Kritik unseres Wirtschaftssystems auch im Dokumentarfilm en vogue, egal ob die kapitalistischen Auswüchse in puncto Lebensmittelproduktion, Energiegewinnung, Schulsystem oder Arbeitswelt reflektiert hinterfragt, bis polemisch angegriffen werden. Die Lösung scheint in allen Bereichen gleich: mehr Wertschätzung, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit.

Auch Kristian Gründlings Erstling Die stille Revolution steht in einer Reihe mit deutschsprachigen Dokumentarfilmen zur Arbeitswelt wie Work Hard – Play Hard, Frohes Schaffen, From Business to Being oder jüngst Free Lunch Society. In einer bildgewaltigen Collage kommen unzählige Talking Heads zu Wort, darunter etwa der unumgängliche Drogeriemarktboss Götz Werner, der dieses Mal ausnahmsweise nicht über das bedingungslose Grundeinkommen referiert, sondern seine Erfahrungen in Menschenführung mit dem Publikum teilt.

Gründling geht es um einen neuen Unternehmensstil, weg vom autoritären hin zum kollegialen mit flachen Hierarchien, der primär vom Umdenken der Führungskräfte ausgehen muss. Dementsprechend hat der Regisseur seinen Film um einige Topmanager wie Werner oder Thomas Sattelberger, hauptsächlich aber um Bodo Janssen gebaut. Der Hotelkettenbesitzer, der sein Unternehmen nach einer Mitarbeiterbefragung radikal umgestaltete, ist nicht nur gern gesehener Gast in Talkshows, sondern hat auch ein Sachbuch mit demselben Titel verfasst und Gründlings Film mitproduziert. Genau darin liegt eines der vielen Probleme. Dabei beginnt Die stille Revolution durchaus vielversprechend.

Ein sich ergänzender, vielstimmiger Chor skizziert die Lage. Kurz und prägnant erfahren die Zusehenden, seit wann sie weshalb in welchem Wirtschaftssystem leben. Wenn Manager aufgrund der Herkunft ihrer Berufsbezeichnung mit Zirkusdirektoren gleichgesetzt werden, die auf „Instrumente zur Abrichtung“, militärische Disziplin, preußisches Pflichtgefühl und Angst setzen, schwingt in diesem Abriss des Maschinenzeitalters dessen überholtes Menschenbild stets mit. Dass die massiven Umwälzungen, die der Wechsel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft mit sich bringt, nur mit einem zeitgemäßen Führungsstil einhergehen können, scheint in dieser Analyse nur folgerichtig. Wer das noch nicht kapiert hat, dem zeigt Gründling wenig subtil einen Hamster im Rad oder platzende Glühbirnen, wenn es um verschwendetes kreatives Potenzial geht.

Auf die Beschreibung der Ausgangslage folgt die einer möglichen Revolution. Doch Janssens vorgebliches Musterbeispiel taugt nur bedingt, da Gründlings Film viel zu abstrakt bleibt, die Mitarbeiter viel sagen, aber nichts tun lässt, sie beim Reden, aber nicht bei der Arbeit zeigt. Dazwischen sieht man sie auf Feld, Wald und Wiese bedeutungsschwanger in die Gegend blicken. Bäume im Sonnenaufgang, Weizen im Wind. Und immer wieder Bodo Janssen auf dem Segelboot oder mit hochgekrempelten Hosen barfuß im Watt. Zeit für Stille. Mit zunehmender Dauer hat das etwas von einem friesisch-herben Werbevideo für Janssens Vorzeige-Hotelkette.

Auch die gebotenen Lösungsansätze für die drohenden Umwälzungen sind dürftig. Mehr als ein paar Klosterbesuche – dieses Mal ausnahmsweise nicht bei Zenbuddhisten, dafür bei Benediktinerpromi Anselm Grün –, Achtsamkeitsseminare und Meditationsübungen hat auch Die stille Revolution nicht zu bieten. Und schnell wird deutlich, dass sich all die Experten und Expertchen hinter Phrasen verstecken, die sich zwar toll anhören, aber reichlich hohl sind.

Götz Werner etwa schwadroniert von der „Götterdämmerung des Materialismus“ und dass es darum gehe, sich wieder als „geistiges Wesen“ zu empfinden. Wie das mit seinem Unternehmen zusammengeht, das letztlich auf den größtmöglichen Verkauf von Waren angewiesen ist, interessiert den Regisseur nicht. Auch Ex-Banker Rainer Voss, der schon in Marc Bauders Master of the Universe schön reden konnte, ohne viel auszusagen, ist für die eine oder andere Formulierung gut, die locker als Werbeslogan durchginge. So habe die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten zu viel auf Know-how gesetzt und darüber das Know-why vergessen. Wie dieses Know-why aussehen könnte, liefert freilich auch Voss nicht.

Und so manövriert sich Die stille Revolution nach einer starken ersten Viertelstunde zusehends in die Belanglosigkeit. Viel zu viele Köpfe kommen zu Wort, nicht selten mit nur einer einzigen Aussage, deren Gehalt dem eines Kalenderspruchs gleichkommt. Das wirkt strukturlos und beliebig. Nicht wenige der Befragten sind Coaches, die kluge Ratgeber geschrieben haben oder Führungsseminare geben. Der wohl spannendsten Frage, was in einer Gesellschaft eigentlich schiefläuft, wenn Manager beständig Seminare brauchen, weil sie nicht wissen, wie sie mit anderen Menschen umgehen sollen, dieser Frage geht Kristian Gründling leider nicht auf den Grund.

Stattdessen überall nur Slogans: "Reflexion statt Aktion!" und "Simplify your life!" Achtsamkeit hier, Entschleunigung da. Die Work-Life-Balance sei nicht zu verachten und die kreativen Potenziale der Mitarbeiter, die es freizusetzen gelte. Der Manager als Animateur statt Dompteur. Man solle sich am Tag fünf Minuten Zeit nehmen und daran erinnern, wie es war, ein Kind zu sein. Wer privat glücklich sei, trage das auch in den Beruf, et vice versa. Welch Erkenntnisse!

Was Gründlings Doku bei all der, teils arg banalen, Theorie fehlt, ist die Praxis. An einer Stelle etwa ist zu hören, dass attraktive Unternehmen auch in Zukunft keine Schwierigkeiten bekämen, Nachwuchskräfte zu finden, selbst wenn sie ihnen weniger bezahlten. Denn künftige Generationen dächten nicht mehr in „Geldeinheiten“, sondern in „Einheiten sinnvoller Arbeit“. Das ist gut und schön, aber schon angesichts horrender Mieten in Ballungsgebieten fernab jeglicher Realität. Denn was bringt ein attraktiver Job, wenn er nicht zum Leben reicht. Gerade die im Film beständig beschworene Kreativbranche, deren Potenziale es freizusetzen gelte, kann ein trauriges Lied davon singen. Wie sich sinnvolle, erfüllende Arbeit auch ordentlich bezahlen lässt, gerade diese Antwort bleibt Die stille Revolution schuldig. Letztlich ist dieser Dokumentarfilm jede Menge Know-why und viel zu wenig Know-how.

 

Die stille Revolution (2017)

In seinem Film "Die stille Revolution" beschreibt der Regisseur Kristian Gründling den Kulturwandel in der Arbeitswelt.

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Filmbild von "Die stille Revolution"
Die stille Revolution - Trailer (deutsch)
Meinungen
Dolo · 19.04.2018

Gott sei Dank glaube ich, dass viele sich ihre eigene Meinung bilden werden und sich hoffentlich nicht, von der hier verfassten 'Kritik' stumpf beeinflussen lassen. Nichts ist perfekt, auch keine Stille Revolution aber sie ist ein Anfang. Danke dafür!

Kommentare

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Die stille Revolution (2017)
Tolle Slogans, wenig Inhalt
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