First Cow (2019)

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Oregon im 19. Jahrhundert: Zwei Abenteurer versuchen ihr Glück in der Zeit von Pelzhandel und Goldrausch. Doch bei Kelly Reichhardt wird die Geschichte des Wilden Westens neu geschrieben und damit eines der typischen Männlichkeitsbilder des Westens ausgehebelt. 

First Cow (2019)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Den Männern Freundschaft

„Dem Vogel ein Nest, der Spinne ein Netz, dem Menschen Freundschaft.“

Mit diesem Zitat von William Blake beginnt Kelly Reichhardts elegischer Film „First Cow“ und in der Tat, diese Freundschaft zwischen Menschen, in diesem Falle Männern, ist eine, die man so im Kino noch nicht gesehen hat und die es unbedingt braucht.

Wie schon in Meek’s Cutoff (2010) geschehen, begibt sich Reichhardt abermals nach Oregon zur Zeit der Pioniere. Irgendwo zwischen Goldrausch und Pelzhandel findet sich der ruhige Cookie (John Magaro) auf der Suche nach Arbeit in der Wildnis Oregons wieder. Zwischen schlammigen Forts, in Armut lebenden Native Americans, zwischen ungewaschenen Trappern und Männern, die entweder zu viel Geld in der Tasche haben oder gar nichts, irrt Cookie umher auf der Suche nach einem Einkommen und einem Zuhause. Was er findet, sind viele Möglichkeiten, wenn man hart arbeitet, doch Cookie sucht viel eher nach einer menschlichen Verbindung. Diese findet er in einem chinesischen Immigranten namens King-Lu (Orion Lee), dem er das Leben rettet und den er später wieder trifft. Die beiden sind ruhige Männer und King-Lu lädt Cookie ein, bei ihm in seiner kleinen Hütte eine Flasche Schnaps zu leeren. 

Doch einmal angekommen, macht King-Lu erstmal Feuer und Cookie fegt die Stube, nur um dann im Gras vor dem Haus ein paar Blumen zu pflücken und damit die Hütte zu dekorieren. Schön findet das King-Lu. Völlig irritierend das Publikum. So irritierend, dass nervöses Lachen durch den Saal hallt, so sehr konterkariert Reichhardt in ihren ruhigen, liebevollen Bildern das Bild des Cowboys und Abenteurers im Wilden Westen. Was folgt ist eine sensible Geschichte um die Freundschaft zweier Männer, deren Homophilie in einer kargen und gefährlichen Gegend niemals als Witz ausgespielt wird, sondern als tiefgreifende, sanfte Erzählung um ein zutiefst menschliches Verlangen nach einer ehrlichen und tiefen Verbindung zueinander. Und genau dies unterläuft quasi automatisch das übliche Männerbild, das das Kino uns seit Anbeginn geliefert hat. An diese lange Tradition erinnert Reichhardt subtil mit ihrem 4:3 Format. Wie viel in solchen Stereotypen sonst verloren geht, zeigt First Cow eindrucksvoll. Cookie und King-Lu erfahren eine Dreidimensionalität und Tiefe in ihren Charakteren, die so kein einziger Cowboy oder Trapper jemals zeigen durfte. Das Ergebnis ist umwerfend und ordnet nicht nur die Geschichte(n) neu, sondern auch die Ideen von Männerfreundschaften und Verhalten. Hier kommt vor allem die Kuh ins Spiel, die im Titel erwähnt wird. 

Sie ist die erste Kuh in Oregon und gehört dem reichsten Mann im Ort. Als Cookie, der gern kocht und eine Bäckerausbildung hinter sich hat, eines Tages wünscht, er hätte ein wenig Milch, um Buttermilchbrötchen zu backen, schleichen sich die beiden an die Kuh heran und melken sie. Die Brötchen sind deliziös. Da kommen die beiden auf die Idee sie zu verkaufen und so genug Geld zu verdienen, um eines Tages im Süden ein Hotel zu eröffnen. Und so wird ihr Goldrausch ein Milchbrötchen-Rausch, in den auch die Trapper und harten Kerle geraten, denn wer isst nicht gern etwas Süsses? Doch genau das ist ein gefährliches Spiel, denn wann wird einer der Kerle herausfinden, dass so eine Köstlichkeit nur mit Milch hergestellt werden kann?

First Cow lebt von seinen beiden Charakteren, die mit einer ruhigen Eindringlichkeit durch diese Welt schreiten und mit jedem Schritt Klischees dekonstruieren und durch neue Ideen ersetzen. Dies ist kein leichtes Unterfangen, vor allem in den Nuancen dieser so stark auf Geschlechterideen reduzierten Pfade. Wie schnell könnte dies in Lächerlichkeit verfallen oder in eine homoerotische Ecke à la Brokeback Mountain (2005) gezwungen werden. Doch Magaro und Lee arbeiten sich präzise und mit höchstem Feingefühl in ihre Figuren hinein und geben ihnen Ernsthaftigkeit und wahrhaftige Menschlichkeit jenseits aller Tropen, die immer wieder angespielt werden, nur um dann mit tiefster Menschlichkeit konterkariert zu werden.

Dabei hilft Reichhardt wie immer mit ihrem behutsamen Tempo und ihrem präzisen Auge. Der Film erlaubt dem Publikum, sich tief in die Bilder zu bohren und nicht nur die Figuren, sondern auch die Landschaft, die Architektur, den Dreck und die Kälte zu erforschen und zu erspüren und damit geradezu in Trance versetzt in diese Geschichte hineingezogen zu werden. Nuanciert werden diese ruhigen Bilder mit der sich unbarmherzig aufbauenden Angst um die Sicherheit der beiden Männer, die man so schnell sehr lieb gewinnt. Denn es droht von Anfang an ein ungutes Ende, beginnt Reichhardt den Film doch in der Jetzt-Zeit mit einer Frau, die zwei Skelette findet, die zusammen verscharrt und Hände haltend gezeigt werden. Flüstert der Film hier schon ein tragisches Ende? Webt er das Damokles-Schwert schon in der ersten Minute mit ein? Ob nun relevant oder nur ein MacGuffin, der Fund gibt First Cow trotz aller Elegie eine Dringlichkeit fast schon Shakespearescher Art. 

First Cow (2019)

Otis Figowitz, genannt „Cookie“, arbeitet als Koch für eine Gruppe von Pelzfängern. Eines Tages trifft er im Wald auf den Chinesen King-Lu, der sich auf der Flucht vor einer Gruppen von Russen befindet. Die beiden Männer freunden sich miteinander an und daraus entsteht eine Verbindung der besonderen Art.

 

 

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