Die große Passion

Die große Passion

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Verrückt im besten Sinne

Passionsspiele in Oberammergau, das klingt nach Touristenspektakel und Souvenirläden. Aber es gibt eine andere Seite des religiösen Laienspiels. Die ist erstaunlich heiter und handelt von Verrückten im positiven Sinne. Von Leuten, die ihre ganze Kraft in eine kollektive Anstrengung von unglaublichen Ausmaßen stecken, zwei Jahre lang, Tag und Nacht. Der Regisseur Jörg Adolph hat die Passionsspiele des Jahres 2010 begleitet, in einer mitreißenden und aufwendigen Dokumentation: drei Jahre Drehzeit, mehr als 300 Stunden Material, die auf knapp zweieinhalb Stunden verdichtet werden.
Die Fülle der Eindrücke kommt dem Film sehr zugute. Adolph montiert sie so, dass der große chronologische Bogen von der ersten Bekanntmachung über das „Casting“ und die Proben bis zu den mehr als 100 Aufführungen erhalten bleibt. Im Kleinen aber schneidet er zeitlich vor und zurück, bringt historisches Material und unterschiedliche Perspektiven ins Spiel. Dabei hält sich der Regisseur mit eigenen Wertungen ganz zurück und stellt auch keine Interviewfragen. Er beschränkt sich auf die Rolle des Beobachters und nimmt so den Zuschauer mit in den Prozess des Entstehens – mit all der Spannung, die aus den Hürden dieser Herkulesaufgabe erwächst.

Oberammergau ist ein Ereignis der Superlative. Alle zehn Jahre bringen die 5.000 Einwohner des Dorfes die Geschichte von Jesus Christus auf die Bühne. Gebraucht werden mehr als 2.000 Mitwirkende, die Kosten gehen in zweistellige Millionenbeträge und es werden 500.000 Zuschauer aus aller Welt erwartet.

Um den Wirtschaftsfaktor geht es in Die große Passion nur am Rande. Statt dessen dreht sich der Film um Passion im Sinne von Leidenschaft. Die wird von einem Mann verkörpert, der naturgemäß zum Protagonisten wird. Christian Stückl, der Regisseur des Laienspiels, ist eine Urgewalt. Er sprüht vor Energie, kämpft wie ein Berserker. Und legt zugleich eine Engelsgeduld an den Tag, wenn es darum geht, einem Darsteller seine Rolle zu erklären.

Eigentlich hätte Stückl der Familientradition gemäß die Rolle des Kaiphas spielen können, so wie sein Vater und Großvater. Doch ihn zog es zur Regie, eine Aufgabe, von der er sichtlich besessen ist, und das auch noch beim dritten Mal. Christian Stückl ringt um jeden Satz, er möchte alles Verstaubte und Aufgesagte ausmerzen. „Bloß das Leiden Christi zu zeigen, hat mir nicht gereicht“, sagt er. Aber die Verlorenheit des Menschen, seine Gottferne, die mit der Passion überwunden werden soll – das ist für Stückl ein Gefühl, das die Menschen auch heute noch spüren können.

Höchst beeindruckend ist der Witz und die Leichtigkeit, mit der Stückl und Drehbuchautor Otto Huber für ihre Sache streiten. Von Pathos keine Spur, nichts scheint heilig, selbst wenn es um das Allerheiligste geht. Schließlich muss man schauen, ob dem neuen Jesus-Darsteller das alte Kreuz, das man noch von der letzten Aufführung hat, auch „passt“. Ob es ein Kreuz der Größe „L“ sein sollte oder doch lieber die kleinere „S“-Variante. Und wenn es um Verhandlungen mit jüdischen Organisationen geht, denen man mit der neuen Textfassung und weniger antisemitischen Tendenzen entgegenkommen will, aber an bestimmten Punkten um der historischen Wahrheit willen hart bleiben muss – dann fällt wieder ein Satz, den man so schnell nicht vergisst: „Uns wäre es auch lieber, wenn die Österreicher Jesus gekreuzigt hätten.“

Die Anspannung und den Druck, der auf Christian Stückl lastet, merkt man eigentlich nur an seinem Zigarettenkonsum. Ansonsten legt der vielbeschäftigte Mann eine Freundlichkeit und eine gute Laune an den Tag, die ansteckend wirkt. Selten sieht man ihn aus der Haut fahren. Einmal geht es dabei tatsächlich ums Rauchen. Eine Gemeinderatsfraktion will allen Ernstes ein Rauchverbot bei den Proben erwirken. Nächstenliebe hin oder her – für Stückl hört bei diesem Thema der Spaß auf.

Die große Passion

Passionsspiele in Oberammergau, das klingt nach Touristenspektakel und Souvenirläden. Aber es gibt eine andere Seite des religiösen Laienspiels. Die ist erstaunlich heiter und handelt von Verrückten im positiven Sinne. Von Leuten, die ihre ganze Kraft in eine kollektive Anstrengung von unglaublichen Ausmaßen stecken, zwei Jahre lang, Tag und Nacht.
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Meinungen
Jan · 27.11.2011

Wirklich sehr guter Film. Keine Minute langweilig und überraschend komisch. Der beste Dokumentarfilm seit langem.

Henning K. · 22.11.2011

Unbedingt ansehen! Großes Dokumentarfilmkino. Meisterhaft.

Kommentare

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