Aftershock

Aftershock

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Das große Beben

Li Yuanni (Fan Xu) befindet sich in einer Situation, in der sie als Mutter entscheiden muss, welches ihrer Kinder sterben soll. Ihr Sohn Fang Deng (Jingchu Zhang) und ihre Tochter Fang Da (Chen Di), sind nach dem großen Erdbeben in der chinesischen Stadt Tangshan von 1976 verschüttet. Ein Stahlbalken liegt auf den beiden, den man nur mit sehr viel Kraft und nur an einer Seite anheben kann. Wird die eine Seite angehoben, um das Kind zu retten, wird das andere Kind zerquetscht. In ihrer Verzweiflung entscheidet sich die Mutter für den Sohn – eine interessante Wahl, die vielleicht auch die drei Jahre später in Kraft tretende Ein-Kind-Politik und der folgenden Bevorzugung männlicher Nachkommen einen kleinen metaphorischen Vorausblick gibt. Doch Li Yuanni ahnt nicht, dass ihre Tochter die Tortur doch überlebt. Traumatisiert von den Ereignissen, denn sie konnte unter dem Geröll hören, wie ihre Mutter sie dem Tod weihte, verstummt sie. Das Mädchen wird später von zwei Volksarmisten adoptiert und großgezogen. Nach langen Jahren in Kanada kehrt Fan Da 2008 zurück, um bei den Bergungsarbeiten nach dem großen Beben von Sezchuan zu helfen. Dort trifft sie nach 30 Jahren erneut auf ihren Bruder.
Aftershock ist ein spannendes Hybridgebilde aus Action- und Katastrophenfilm, epischem Historiendrama und Familiengeschichte. Die Exposition ist so pompös und bildgewaltig, dass man sich unweigerlich an Michael Bay-Filme erinnert fühlt und den Film als chinesische Variation abtun möchte. Doch damit tut man sich keinen Gefallen. Nach der anfänglichen überdimensionierten Blockbuster-Einführung in die Materie wird der Film um einiges gefasster und tiefgründiger, wenn man von der Patina absieht, die durch den andauernden Einsatz der arg gefühligen klassischen Musik die Bilder verkrustet. Die Erdbeben sind nur die Aufhänger für eine Familiengeschichte und damit stellvertretend auch die Geschichte des Lebens und Leidens der chinesischen Bevölkerung von den 1970er Jahren bis in die Jetzt-Zeit. Regisseur Feng Xiaogang setzt auf eine ästhetische Mischung aus Effekt beladenem Actionfilm für die Erdbebebensequenzen, die konterkariert werden mit leisen, stets kühl gehaltenen Bildern, die mit einem gewissen erzählerischen Abstand die Lebenswege der einzelnen Protagonisten verfolgen. Dabei geht er inhaltlich vor allem auf die große Kluft zwischen der alten und der jungen chinesischen Generation ein. Spannend zu beobachten ist, dass Dimensionen in diesem Film ganz anders interpretiert werden. Die schiere Masse an Statisten, die massiven Weitwinkelaufnahmen der kollabierenden Stadt, die Armeeaufmärsche, die von Menschen nur so wimmelnden Märkte – es lässt sich leicht mitfühlen, was es heißt, in solch einer Megalopolis zu leben.

Andere Dimensionen beschritt der Film auch in seiner Kinolaufbahn: In China selbst wurde der Film mit der unglaublichen Kopienanzahl von über 5.000 Kopien in die Kinos gebracht und mauserte sich in kürzester Zeit zum erfolgreichsten chinesischen Film aller Zeiten. Genau dies macht Aftershock zu einem ganz zweideutigen Kinoerlebnis. Der Film zeigt China in einer massenkompatiblen Variation von innen heraus, gemacht von Chinesen für den chinesischen Markt. Und als Unterhaltungsfilm mit eindeutig zweideutigen politischen und gesellschaftlichen Kommentaren. Dabei sind propagandistische Metaebenen, wie die mehrmals zelebrierten Aufmärsche der Volksarmee oder Mao Tse Tungs Tod genau so vorhanden, wie das Leid des einfachen Menschen, der innerhalb des Systems kaum zurecht kommt und zerfleischt wird zwischen der hohen Moral, die vorausgesetzt wird und dem alltäglichen Überlebenskampf. Schon für einheimische Zuschauer mochte Aftershock ein interessantes Seherlebnis sein. Für westliche Zuschauer überrascht vor allem, wie ähnlich der chinesische Film dem amerikanischen Blockbustern sein kann und wie völlig anders er doch gleichzeitig ist.

Aftershock

Li Yuanni (Fan Xu) befindet sich in einer Situation, in der sie als Mutter entscheiden muss, welches ihrer Kinder sterben soll. Ihr Sohn Fang Deng (Jingchu Zhang) und ihre Tochter Fang Da (Chen Di), sind nach dem großen Erdbeben in der chinesischen Stadt Tangshan von 1976 verschüttet. Ein Stahlbalken liegt auf den beiden, den man nur mit sehr viel Kraft und nur an einer Seite anheben kann. Wird die eine Seite angehoben, um das Kind zu retten, wird parallel dazu das andere Kind zerquetscht.
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