Der Tag des Spatzen

Der Tag des Spatzen

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Mittwoch, 2. Februar 2011, ARTE, 23:40 Uhr

Was hat der Tod eines Spatzen in Holland mit dem Tod eines deutschen Soldaten in Afghanistan zu tun? Die Frage ist Ausgangspunkt für eine Dokumentation, die neue Wege zu gehen versucht: in der Filmsprache, im Verhältnis von Bild und Ton und in der Beziehung zum Zuschauer. Weil der Film einen Erkenntnisprozess in Gang setzen, aber nicht vorgeben will, ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Spatzen und Krieg letztlich nur ein Katalysator in einem meditativen, zum Teil irritierenden Experiment, das sicher zu geteilten Reaktionen führen wird.
Ausgangspunkt für den Film waren zwei Zeitungsmeldungen vom November 2005. Die eine berichtete von einem Spatz, der im niederländischen Leeuwarden getötet wurde. Der Vogel war in eine Halle geflogen, wo für die RTL-Show Domino Day mehr als vier Millionen Domino-Steine aufgebaut waren. Durch eine einzige Berührung hatte er 23.000 Steine zum Kippen gebracht. Weil man vergeblich versucht hatte, den Spatz einzufangen, schoss man ihn mit einem Luftgewehr ab. In der anderen Zeitungsmeldung ging es um ein Sprengstoffattentat, bei dem ein Bundeswehrsoldat tödlich verletzt wurde. Er was damals der 18. deutsche Soldat, der beim Afghanistan-Einsatz ums Leben gekommen war.

Für Philip Scheffner persönlich haben Spatzen und Krieg sehr wohl miteinander zu tun. Schon seit seinem achten Lebensjahr beobachtet er Vögel. Die ersten Erfahrungen machte er während des Familienurlaubs an der Ostsee. Eine Landschaft, in der Naturschutzgebiet und Truppenübungsplatz eine ganz spezielle Erinnerung geformt haben: ein Amalgam aus Meeresrauschen, Vogelgezwitscher und den Detonationen von Flugabwehrraketen.

An dieser Erfahrung lässt der Film den Zuschauer teilhaben. In langen Einstellungen zeigt er die Natur und die Anwesenheit des Militärs in ihr. In langen Einstellungen sehen wir Spatzen, wie sie in einer Pütze baden, wie schnell sie ihre Flügel schlagen. Aber wir sehen auch, wie sie auf Zäunen sitzen, auf Masten, in einem Kanonenrohr. Zeitweise mutet der Film wie eine ruhige, beschauliche Naturdokumentation an, mit klug gewählten, ästhetisch reizvollen Einstellungen. Doch entweder kommt irgendwann, wenn man lange genug geschaut und jedes Detail ins Auge gefasst hat, ein Fremdkörper ins Bild, etwas, das nicht zur Natur, sondern zum Militär gehört. Oder es folgt ein Schnitt zu den Gebäuden, Maschinen oder Zäunen, die scheinbar ebenso friedlich und beschaulich ihr Dasein in einer meditativ atmenden Tier- und Pflanzenwelt fristen.

Philip Scheffner und seine Co-Autorin Merle Kröger bauen darauf, dass diese Versuchanordnung Gedankenströme fließen lässt, insbesondere wenn auf der Tonspur Erfahrungen eines Soldaten oder auf der Bildebene schriftliche Statements der Bundeswehr eingeblendet werden. Sie kreisen mit ihrem experimentellem Vorgehen um die Frage, wie etwas sichtbar werden kann, was zunächst unsichtbar ist. Wer etwas über Spatzen erfahren will, kann vor die Tür gehen. Wer aber hier in Deutschland wissen will, ob sich dieses Land nun im Krieg oder Frieden befindet, wird erst einmal wenig finden, was auf einen Krieg hindeutet, solange er nicht den Fernseher einschaltet.

Und das ist natürlich ein wichtiges politisches Thema, das Scheffner und Kröger da ansprechen: Wir tun so, als ob Deutschland keinen Krieg führen würde — insbesondere damals im Jahre 2005, heute lassen sich die steigende Zahl der Toten und die immer schwierigere Lage nicht mehr so gut verdrängen. Und wenn wir genau hinschauen wollten, könnten wir Spuren des Krieges natürlich auch bei uns entdecken: Gebäude, in denen Leute arbeiten, die das Ganze planen und verantworten, Kasernen, in denen Soldaten für den Einsatz trainiert werden, und so weiter.

Aber die meisten Menschen möchten gar nicht so genau hinschauen – und erst recht nicht mit der Frage behelligt werden, wie lange sie noch die Augen verschließen möchten. Philip Scheffner möchte sie in einer ästhetischen Erfahrung dahin führen, das doch zu tun. Ob ihm das gelingt, ist fraglich. Manche werden die Freiheit des Meditierens und das Schweifenlassen der Gedanken genießen können. Andere werden das Ganze ein wenig kopflastig finden.

Der Tag des Spatzen

Was hat der Tod eines Spatzen in Holland mit dem Tod eines deutschen Soldaten in Afghanistan zu tun? Die Frage ist Ausgangspunkt für eine Dokumentation, die neue Wege zu gehen versucht: in der Filmsprache, im Verhältnis von Bild und Ton und in der Beziehung zum Zuschauer
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