Christine (2016)

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Verzweiflung, Ambition und Einsamkeit – Rebecca Hall glänzt in „Christine“ in der Rolle der Reporterin Christine Chubbuck, die in den 1970er Jahren bei einem Kleinstadtsender in Florida arbeitete.

Christine (2016)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Allein

Die Arbeit bei einem Kleinstadtsender in den 1970er Jahren ist hart: Christine Chubbuck (Rebecca Hall) will so gerne investigative Storys drehen, sie will aufdecken, aufklären, die Welt zu einem besseren Ort machen. Doch ihr Chef Michael Nelson (Tracy Letts) bei dem Lokalsender in Florida will Emotionen, den menschlichen Zugang, er will reißerische Geschichten, er will Boulevard. „If it bleeds, it leads“ ist sein Motto, das vertraut aus vielen anderen Journalismusfilmen klingt.

Tatsächlich wirkt Christine in diesen ersten Szenen wie ein Film über den Kampf einer Journalistin um gute Storys, um Geschichten, die etwas bedeuten und verändern. Gerade wenn man nicht weiß, wie dieser Film ausgeht, könnte der Verdacht entstehen, hier soll etwas über das Metier erzählt werden. Jedoch der Titel deutet es bereits an: Erzählt wird von Christine. Und auch in den Auseinandersetzungen mit Nelson ist das bereits zu erkennen. Er übersieht stets, dass Christine längst nicht so selbstbewusst ist, wie sie auftritt. Diese Streit-Szenen sprühen nur so vor Ambivalenzen: Man versteht, warum Nelson von Christine genervt ist, warum sie wie ein Stachel für ihn ist, fühlt aber auch mit Christine in ihrem Kampf um einen besseren Journalismus mit – und begreift, dass sie nicht so ist, wie sie sich nach außen hin gibt. Nuanciert gespielt von Tracy Letts und Rebecca Hall, gehören diese Szenen zu den besten des gesamten Films.

Im Beruf erscheint Christine stets angespannt, sie hinterfragt sich beständig, ihre Storys, ihre Bewegungen vor der Kamera, ihre Wirkung. Auch ihre Kollegin Jean (Maria Dizzie), die womöglich eine Ahnung von Christines innerem Kampf hat, kann sie da kaum beschwichtigen. Vielleicht liegt es auch daran, dass Christine eine Frau in einer Branche ist, die von Männern dominiert sind. Doch so richtig nimmt der Film diese Richtung nicht auf.

Denn da ist noch mehr: Christines Mutter Peg (J. Smith-Cameron) macht sich Sorgen, dass ihre Tochter wieder depressiv ist, wieder Hilfe braucht. Doch auch in der engen Wohnung, die sich Mutter und Tochter teilen, ist Christine schroff und unnahbar. Es fällt Christine sichtlich schwer, Kontakt aufzunehmen und zuzulassen, auch gegenüber ihrem Kollegen George, in den sie verliebt ist. Niemand erkennt, dass in Christines sturem Bestreben, einen guten Job zu machen, der letzte verzweifelte Versuch steckt, doch mit der Welt in Kontakt zu bleiben und einen Platz in ihr zu finden.

So wird Antonio Campus' Film zu einem Psychogramm der Reporterin Christine Chubbuck, die erstaunlich wenig bekannt ist – bedenkt man das Ende dieser Geschichte. Sein Film lebt insbesondere von der Darstellerleistung Rebecca Halls, die es vermag, mit kleinen Gesten und Bewegungen die plötzlichen Stimmungsschwankungen von Christine zu vermitteln. Sie überzeugt in depressiven wie euphorischen Phasen, lässt hinter der vermeintlich harten, abgeklärten Fassade die Unsicherheit und Verzweiflung erkennen. Es ist vor allem ihr zu verdanken, dass man in der kühlen Inszenierung der letzten Wochen von Christines Leben emotionale Anknüpfungspunkte findet. Der Film geht im Grunde genommen davon aus, dass man das Ende kennt, er ist eher als Rekonstruktion dieser letzten Wochen angelegt – und doch nimmt er das Ende nicht vorweg. Vielmehr wird Christines Geschichte erzählt, als wäre es noch zu vermeiden.

Nicht immer stimmt hier die Balance zwischen Rekonstruktion und Autopsie dieser letzten Wochen. Campus und sein Drehbuchautor Craig Shilowich versuchen, weitere Ansatzpunkte für die Handlungen Christines zu finden. Sie ist krank, hat einen Tumor, ein Eierstock muss entfernt werden, so dass es für sie deutlich schwieriger werden wird, ein Kind zu bekommen. Und nicht nur das: In einer Gruppentherapiesitzung offenbart Christine ihrer Gesprächspartnerin, dass sie noch nie Sex hatte. Beides ist für eine 29-jährige Frau fraglos schwer – jedoch findet der Film keinen Umgang damit. Keine Bilder, die über das Gesagte hinausgehen und zeigen, wie sehr das möglicherweise Christines Verständnis von Weiblichkeit und Frausein betrifft. Dabei könnten in diesem Aspekt andere Facetten von Christines Persönlichkeit kulminieren: Immer wieder ist zu sehen und zu spüren, wie sehr sie unter ihrer gefühlten Andersartigkeit leidet, wie sehr sie zugleich außergewöhnlich und gewöhnlich sein will, wie sehr sie herausragen und sich doch einfügen will. Es gelingt ihr schon im Job nicht – und nun wird ihr auch ein zweiter Weg vorenthalten, den doch viele so mühelos gehen.

Am Ende ist dann Christines letzte Tat fernab von einer heroischen Handlung. Sie ist auch – anders als beispielsweise in Network – kein Kommentar auf die Gesellschaft oder die Presselandschaft. Sie steht ganz für sich.

Christine (2016)

Christine war der Name der 29-jährigen Reporterin Chubbuck von WXLT-TV, die sich bei einer Live-Übertragung 1974 in Florida vor laufender Kamera erschoss. Ihren Suizid hatte sie von langer Hand geplant, inklusive einem Drehbuch und einer vorzulesenden Verlautbarung für denjenigen Reporter, der nach dem Vorfall übernehmen würde. 14 Stunden nachdem sie die Waffe auf sich gerichtet hatte, starb sie in einem Krankenhaus.

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