Broadchurch (Staffel 1)

Broadchurch (Staffel 1)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Treffsichere Aktualität in der Ära der Doku-Soap

Noch herrscht augenscheinlich Beschaulichkeit im britischen Küstenstädtchen Broadchurch, das auch gern Touristen beherbergt und als idealer Wohnort für Familien mit Kindern erscheint. Doch während die morgendliche Idylle in entspannter Atmosphäre dahinplätschert, ist der elfjährige Danny Latimer (Oscar McNamara) bereits tot, ermordet, und mit der Entdeckung seiner Leiche am Strand beginnt für einige Bewohner von Broadchurch eine gleichermaßen dichte wie drastische Krisenzeit mit der Erschütterung ihrer existenziellen Werte und Sicherheiten. Im britischen Fernsehen 2013 als Miniserie mit acht Folgen immens erfolgreich gelaufen wurde der akribisch konstruierte Krimi Broadchurch hierzulande ab dem 26. April als Vierteiler mit jeweils zwei der Episoden im ZDF ausgestrahlt und fand auch in der Tatort-Nation Deutschland viele Fans. Zur kompakten, erneuten, Sucht- oder sonstigen Sichtung ist der spannende Stoff mit den acht Episoden Entdeckung, Geheimnisse, Alibi, Vorwürfe, Verleumdung, Zusammenbruch, Verdacht und Enthüllung nun bei Studiocanal auf dieser DVD oder auch auf Blu-ray erhältlich, mit interessantem Bonusmaterial wie Audiokommentaren und geschnittenen Szenen ausgestattet. Diese dem kriminalistischen Schema folgende, streng thematische Gliederung des üppigen Konzepts bildet den roten Faden der Dramaturgie, die mit einer ungewöhnlich hohen Anzahl an bedeutsamen Protagonisten aufwartet und ihren Fokus mit wechselnder Intensität auf die Ermittler, die reichlich vorhandenen Verdächtigen, die Presseleute und die Trauerfamilie richtet, wobei über eine enorm lange Strecke hinweg praktisch niemand als Mörder ausgeschlossen werden kann.

Als Detective Sergeant Ellie Miller (Olivia Colman) nach einer Ferienreise mit ihrem Mann Joe (Matthew Gravelle) sowie ihren Söhnen Tom (Adam Wilson) und dem kleinen Fred (Benji Yapp) nach Broadchurch zurückkehrt und im Polizeirevier ihre Mitbringsel unter den Kollegen verteilt, erwartet sie eine üble Überraschung: Entgegen ihrer berechtigten Hoffnung, zur leitenden Beamtin befördert zu werden, wird ihr schlichtweg ein Ermittler von außerhalb als neuer Vorgesetzter präsentiert, und dieser Inspector Alec Hardy (David Tennant), gerade offensichtlich selbst persönlich in einer schwierigen Situation, gewinnt mit seinem autoritären Führungsstil nicht gerade Freunde im Team. Unter diesen ungünstigen Voraussetzungen gilt es nun, innerhalb der engen sozialen Verflechtungen in Broadchurch und im Fokus einer aufgebrachten Öffentlichkeit Danny Latimers Tod aufzuklären, wobei während der polizeilichen Untersuchungen so manch düsteres Geheimnis der Beteiligten zu Tage tritt ...

Dort, wo ein Krimi gewöhnlichen Formats allein schon aufgrund seiner zeitlichen Begrenzung abbricht oder umschwenkt, geht Broadchurch mit seiner ausführlichen Analyse erst so richtig ins Detail: Hier werden Verbindungen, Verknüpfungen und Verstrickungen im Mikrokosmos der Figuren und ihrer unmittelbaren Umgebung beleuchtet, Beziehungen definiert sowie hinterfragt und akribisch die Entwicklungen verfolgt, deren Relevanzen nicht nur in direktem Bezug zu dem Mordfall spektakulär explodieren. Dabei suggeriert die höchst filigrane Dramaturgie eine permanente Begleitung der Protagonisten, lässt bedeutsame Wendungen Kreise ziehen und Enthüllungen hinsichtlich der Aufklärung ins Leere laufen, was einmal mehr die Spannung erhöht und finale Erkenntnisse geschickt verzögert.

Einer geradezu universellen Tragödie gleich, die eine komplette, in sich geschlossene Welt abbildet, auseinandernimmt und apokalyptisch anmutend demaskiert, fädelt Broadchurch die großen Themen der menschlichen Existenz und ihrer Abgründe auf, reiht kleine Verfehlungen an große Katastrophen und entwirft auf diese Weise das aufwühlende Szenario einer zutiefst pessimistischen Weltsicht, die angesichts des brutalen Todes eines Kindes im Rundumschlag wütet und keinerlei Kompromisse kennt. Atmosphärisch äußerst ansprechend kommt hierbei die ergreifend schwermütige Filmmusik des Isländers Ólafur Arnalds zum Einsatz, erweitert die Sphäre der wirkungsmächtigen Bilder und betont die Verlorenheit der vereinzelnden Figuren, die von einem grandiosen Gesamtensemble verkörpert werden, ohne in ihren extrem individuellen Ausprägungen begrenzt zu werden. Dass die Darsteller selbst noch während der Dreharbeiten über die Identität des Mörders in Unkenntnis belassen wurden, kann als konsequenter Kunstgriff des Konzepts und der Regie betrachtet werden, die sichtbar um größtmögliche Authentizität des Schauspiels bemüht sind.

Die zweite Staffel von Broadchurch, die den Gerichtsprozess des Mordfalls fokussiert, ist für das Frühjahr 2016 im ZDF angekündigt, und die dritte, wiederum unter weitestgehender Beteiligung derselben Akteure, wird zweifellos auch ihren Weg ins deutsche Fernsehen finden. Diese sorgfältig gestaltete Krimiserie, die gerade als ultimativer Hype auf ihrem Terrain gefeiert wird, zeichnet sich nicht zuletzt auch durch ihre treffsichere Aktualität in der Ära der dokumentarischen Seifenoper aus, allerdings mit einem förderlichen Transfer auf das eindeutig als Fiktion ausgewiesene Gebiet. Der Ermittler, der sich schwer krank aufopfert, um unbedingt noch diesen Fall abzuschließen, das Medium, das aufschlussreiche Botschaften aus dem Jenseits hinsichtlich der Mordaufklärung erhält, die Bevölkerung, die gegen einen vermeintlich pädophilen Verdächtigen hetzt – so populär diese und zahlreiche weitere Elemente aus Broadchurch zur Anreicherung von Kriminalgeschichten auch bereits sind, erscheinen diese hier doch in einer ungeheuer aufregenden, innovativen Komposition ansprechender Unterhaltung mit kräftigem Nachhall.
 

Broadchurch (Staffel 1)

Im britischen Fernsehen 2013 als Miniserie mit acht Folgen immens erfolgreich gelaufen wurde der akribisch konstruierte Krimi "Broadchurch" hierzulande ab dem 26. April als Vierteiler mit jeweils zwei der Episoden im ZDF ausgestrahlt und fand auch in der Tatort-Nation Deutschland viele Fans.

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