Waves (2019)

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In „It Comes at Night“ lehrte Trey Edward Shults sein Publikum das Fürchten. Auch sein neuer Film erzählt von albtraumhaften Zuständen – allerdings völlig anders, als erwartet.

Waves (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

A Tale of Two Siblings

Trey Edward Shults zählt zu den vielversprechendsten Talenten der Traumfabrik, auch wenn er bisher nur Albtraumhaftes erzählte. Im Zuge der Coronakrise gewinnen seine letzten zwei Spielfilme eine ungeahnte Aktualität. Während in „It Comes at Night„ eine unbekannte und unbenannte Seuche das Gift der Paranoia streute, wogen im visuell gänzlich anders gestalteten „Waves“ Gefühlswellen zwischen Überforderung und Erleichterung. Ursprünglich sollte das Familiendrama am 19. März in die deutschen Kinos kommen. Doch dann kam Corona. Wenn der Film nun mit viermonatiger Verspätung startet, lässt sich dessen Handlung nicht länger ohne den Tod des US-Amerikaners George Floyd und die anschließenden Proteste und Diskussionen denken. Zwar streift „Waves“ das Thema Rassismus nur am Rand, stellt eine (Über-)Reaktion darauf aber in den Mittelpunkt seiner Erzählung: den Leistungsdruck, den ein schwarzer Vater auf seinen Sohn ausübt.

An der glitzernden Oberfläche hat der 18-jährige Tyler (Kelvin Harrison Jr.) ein sorgenfreies Leben. Er ist der Star des Ringerteams seiner Highschool, hat eine wunderschöne Freundin, Alexis (Alexa Demie), die er in seiner jugendlich unbeholfenen Art zwischen Machismo und Anbetung seine „Göttin“ nennt, und lebt gemeinsam mit seinem Vater Ronald (Sterling K. Brown), seiner Stiefmutter Catherine (Renée Elise Goldsberry) und seiner jüngeren Schwester Emily (Taylor Russell) in einem stattlichen Haus im sonnigen Florida. Gehobene Mittelklasse. Eine Familie, die es geschafft hat.

Wie viel harte Arbeit hinter dieser Vorstadtidylle steckt, ahnen wir, wenn Drew Daniels‘ unentwegt bewegte Kamera einmal nicht mit Tyler und Alexis im Auto bei offenem Verdeck oder unter freiem Himmel am Strand rotiert, sondern sich mit Vater und Sohn an dessen Arbeitsplatz begibt. In langen Plansequenzen durchmisst sie die Baustellen, mit denen Ronald sein Geld verdient. Hier wie zu Hause beim gemeinsamen Hanteltraining bläut er seinem Sohn ein, besser zu sein als die anderen: „We are not afforded the luxury of being average“ heißt es im englischen Original. Den Luxus, nur durchschnittlich zu sein, kann sich eine schwarze Familie wie Ronalds nicht leisten.

Es ist dieser Druck, das gut gemeinte, aber völlig fehlgeleitete permanente Pushen, das die erste Hälfte dieses Dramas dominiert. Der familiäre Druck findet im schulischen seine Entsprechung, und Daniels‘ Kamera greift die im einen Bereich gemachten Bewegungen auf und überträgt sie auf den anderen. Auch während des Ringens steht das Bild nicht still. Der elektronische Score von Trent Reznor und Atticus Ross machen nervös. Unterdessen heizt der Coach seine Mannschaft an, mehr als nur Sportler, stattdessen echte Maschinen zu sein. 

Maschinen funktionieren. Für Emotionen ist kaum Platz. Sie werden betäubt, nicht gezeigt – genau so, wie Tyler eine Schulterverletzung vor Vater und Trainer verbirgt und sich eigenhändig mit Schmerztabletten behandelt. Als ihn die Verletzung schließlich die Saison kostet, ist das eine Befreiung. Doch der nächste Schlag in die Magengrube folgt auf den Fuß. Danach genügt ein einziger Hieb, aller Leben zu verändern. Tyler geht ins Gefängnis und verschwindet aus dieser Geschichte zweier Geschwister.

Das Bild, das Trey Edward Shults in dieser ersten Hälfte seines Films von der amerikanischen Jugend zeichnet, ist erschreckend. Zwischen überzogener Erwartungshaltung und unermesslichem Leistungsdruck gefangen, werden die Gefühle mit allerlei legalen und illegalen Hilfsmitteln so lange unterdrückt oder verstärkt, bis sie sich fatal entladen. Tylers endgültiger Absturz markiert einen Bruch. Nun schwenkt der Fokus auf dessen Schwester, und Schults‘ Geschichte bietet einen Ausweg aus toxisch vergifteten Lebensplanungen, die jedes noch so harmlose Spiel wie ein Armdrücken zwischen Vater und Sohn als Wettbewerb begreifen.

Auf Emily üben die Eltern weniger Druck aus. Der wird stattdessen über die sozialen Medien, in denen sie für die Tat ihres Bruders beschimpft wird, aufgebaut. Doch als mit Luke (Lucas Hedges) ein ehemaliger Mannschaftskamerad Tylers in Emilys Leben tritt, kommt mit ihr auch der Film zur Ruhe. Sie sucht und findet sich selbst und hilft schließlich Luke, ein entscheidendes Kapitel in seinem Leben zu beenden.

In dieser zweiten Hälfte erzählt Shults vom zarten Pflänzchen einer ersten Liebe und von einem schweren Abschied und das so ruhig und feinfühlig, dass sie die erste, oftmals ohrenbetäubend lärmende und von der eigenen Form berauschte Hälfte beinahe vergessen macht. Ganz am Ende genießt Emily endlich die Freiheit, die ihr Bruder nie hatte: die Freiheit, loszulassen.

Dass dieses Drama von der Filmproduktions- und Filmverleihfirma A24 stammt, verwundert nicht, hat sich diese doch im vergangenen Jahrzehnt als Hotspot amerikanischer Befindlichkeiten erwiesen, im kreativen wie im sozialpolitischen Sinn. Das hat dem Publikum ebenso Innovatives wie Gesellschaftskritisches beschert – von Swiss Army Man über Hereditary bis Der Leuchtturm und von American Honey über The Florida Project bis Lady Bird und Moonlight.

An letztgenanntes Drama erinnert Shults‘ Film denn auch inhaltlich wie visuell. Bei der US-Kritik schlug Waves im Herbst 2019 ähnlich hohe Wellen. Nicht wenige Publikationen vergaben die Höchstwertung. Zweifelsohne ist dieser Film ein Ereignis, das keinen kalt lässt. Dafür ist das Filmerlebnis schlicht zu energetisch und enervierend, zu immersiv. Dafür sind die Schauspielleistungen zu brillant, machen den Druck, die Trauer und den Schmerz jede Sekunde lang spürbar.

Und dennoch ist Shults‘ Waves von Barry Jenkins‘ Moonlight ein gutes Stück entfernt. Wie Terrence Malick, bei dem Shults als Praktikant in die Filmbranche einstieg, neigt auch Shults dazu, seine Erzählung unter seinem exponierten Stil zu ersticken. Zwar wählt er seine Form und die Filmformate mit Bedacht. Dann verengt sich beispielsweise der Blick, wenn die Beklemmung für die Protagonisten unerträglich wird. Am Ende dieser audiovisuellen Überwältigung ist man aber auch froh, wie Emily von dieser Last befreit zu sein.

Waves (2019)

Zwei junge Paare navigieren durch das emotionale Minenfeld des Heranwachsens und verlieben sich in dieser Zeit. 

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