Log Line

Oh, du Blutige! Eines ist sicher: Tommy Wirkolas schwarzhumoriger Feiertagssplatter hält, was der Titel verspricht. Konfrontiert mit einer Geiselnahme, wird der Weihnachtsmann an Heiligabend zu einem Berserker, der reihenweise Dekoartikel zweckentfremdet.

Violent Night (2022)

Eine Filmkritik von Christopher Diekhaus

Santa lässt den Hammer kreisen

Alle Jahre wieder erscheinen pünktlich zur Weihnachtszeit Filme, die das sogenannte Fest der Liebe zelebrieren und mit Zuckerguss nur so um sich werfen. Ebenso sicher ist jedoch, dass in den Kinos auch einige Antifesttagswerke aufschlagen, denen es vor allem darum geht, die gewohnte Besinnlichkeit zu zertrümmern. Als Vertreter dieser ruppigen Art erweist sich – das untermauert schon der Titel – die splattrige Actionkomödie „Violent Night“, in der sich „Stranger Things“-Star David Harbour als übelgelaunter Santa Claus mit skrupellosen Gangstern, im wahrsten Sinne des Wortes, herumschlagen muss. Grobe Kost, keine Frage, aber nicht ohne schauspielerisches Engagement und ein paar blutig-absurde Einfälle.

Videospiele, wohin man schaut, und keine echte Dankbarkeit mehr! Darüber beschwert sich der von Harbour verkörperte Rauschebartträger in der Einstiegsszene, als er an Heiligabend bei einem Zwischenstopp in einem englischen Pub ein Bier nach dem nächsten in sich reinkippt. Ein anderer Mann an der Theke, der als Santa Claus verkleidet Kinder glücklich machen will, hält ihn für einen Kollegen. Doch weit gefehlt: Statt die Eingangstür zu nehmen, geht der schlecht gelaunte Gast aufs Dach und entschwindet in seinem Rentierschlitten, um weiter Geschenke auszuliefern.

In einer ausladenden Villa in Connecticut versammeln sich nur wenig später die Mitglieder der stinkreichen, von Gertrude (Beverly D’Angelo) angeführten Lightstone-Sippe. Anwesend sind auch die kleine Trudy (Leah Brady) und ihre Eltern Linda (Alexis Louder) und Jason (Alex Hassell), die offenbar nicht mehr zusammenleben. Der richtige Santa erreicht den mondänen Landsitz just in dem Moment, in dem ein sich selbst Mr. Scrooge nennender Gangster (John Leguizamo) mit seinen Komplizen in das Haus eindringt und die wohlhabenden Herrschaften als Geiseln nimmt. Ziel der home invasion: 300 Millionen US-Dollar im Tresor. Anfangs fest entschlossen, seine Beobachtungen zu ignorieren, einfach die Biege zu machen, revidiert der Weihnachtsmann seine Haltung – und bringt damit alle schönen Pläne durcheinander.

Auch wenn Violent Night vereinzelt konsumkritische Töne anschlägt, die Gräben zwischen den gesellschaftlichen Klassen in den Blick nimmt und Santa Claus Anflüge einer backstory schenkt – erzählerischer Tiefe darf man sicher nicht erwarten. Regisseur Tommy Wirkola (What Happened to Monday?) und dem Drehbuchduo Pat Casey und Josh Miller geht es nur um eins: eine wilde, blutgetränkte Sause, die einen Teil ihrer Komik aus dem Umstand bezieht, dass die meisten Beteiligten zunächst nicht glauben wollen, dem echten Weihnachtsmann gegenüberzustehen.

Wie man angesichts der Prämisse erwarten kann, nutzen die Macher klassische Christmas-Hits, um das alles andere als besinnliche Geschehen zu konterkarieren. Die mit derben Flüchen gespickten Dialoge zünden keineswegs jedes Mal. Im Mittelteil wird definitiv zu viel belangloses Zeug gequatscht. Mehrfach kommen Wirkola und Co. aber auch mit herrlich überdrehten Ideen um die Ecke. Ganz bei sich ist der Film immer dann, wenn er den genüsslich aufspielenden Harbour von der Kette lässt. Oft bewaffnet mit einem riesigen Hammer, pflügt sein Retter wider Willen durch die Reihen der Verbrecher und färbt die Leinwand blutrot ein. Weihnachtliche Dekoartikel werden, den Festtagskitsch lustvoll unterlaufend, ständig einer neuen, brachialen Bestimmung zugeführt. Auf perfide Weise amüsant wird es, als der von Trudy errichtete Fallenparcours zuschnappt. Ein Gruß gilt hier natürlich dem winterlichen Klassiker Kevin – Allein zu Haus, den Violent Night in einem Anflug von foreshadowing sehr früh referenziert.

Überraschend ist durchaus, wie heftig mitunter die Zusammenstöße zwischen Santa und den Verbrechern ausfallen. Gleichzeitig verwundert es allerdings, dass der Film seine harte Tour nicht komplett durchzieht. Auf einen Schuss Sentimentalität und wohlige Wärme wird am Ende nicht verzichtet – was die irre Gewaltexplosion zumindest ein wenig domestiziert.

 

Violent Night (2022)

Eigentlich will Santa Claus (David Harbour) nur die Geschenke bringen, aber als er auf eine Gruppe Söldner stößt, die auf einem Anwesen Geiseln genommen hat, war’s das mit Stille Nacht.

  • Trailer
  • Bilder

Meinungen