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Die Mutter ist Nebenfigur, aber Paula will Hauptfigur werden – doch vielleicht war ihr Vater nicht der große Filmheld, wie alle sagen? „The Ordinaries“ ist ein unglaublicher Film über das Filmsein und den Alltag von Filmfiguren.

The Ordinaries (2022)

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Filmfilm

Es ist so selten, einen derart imaginativen und originellen und witzigen und intelligenten Film zu sehen! The Ordinaries ist außerordentlich in Idee wie Ausführung. Ein Film über das Filmsein; und dabei ganz großes Kino: Paula (Fine Sendel) ist angehende Hauptfigur. Sie lernt an der Schule des Instituts, ist ziemlich gut in Cliffhanger und in panischem Schreien. Nun steht die Prüfung in Großen Gefühlen an, sie übt kräftig den entscheidenden pathetischen Monolog an den verlorenen Vater. Leider will die emotionale Musik nicht so richtig aus ihrem Herzen klingen. Doch Paula ist zuversichtlich, auch wegen der hoffnungsvollen Lieder voll Liebe und Glaubenansichselbst, die sie in der prächtig-pompösen Villa der Coopers zu hören bekommt – ihre Freundin lebt in einer amerikanischen Hollywoodmusicalfamilie.

Paulas Mutter (Jule Böwe) dagegen war ihr Lebtag nur Nebenfigur, der Vater aber eine ganz besondere Hauptfigur, die leider ihr Leben lassen musste beim großen Aufstand der Outtakes vor einigen Jahren. Jetzt lebt er zwischen den Schnitten und schaut auf Paula herab. So wurde es immer erzählt, – doch merkwürdigerweise finden sich im Rückblendenarchiv keine Spuren ihres Vaters. Und Hilde, die Haushälterin der Coopers, führt sie in eine verborgene Welt der Outtakes, in einem heruntergekommenen, militärisch abgeschirmten Getto. Dort hausen sie, die Fehlbesetzungen, die Unscharfen, die Übersteuerten, die, die nicht korrekt digitalisiert wurden – all die, die man in einem Film nicht brauchen kann, die auf dem Boden des Schneideraums landen. Alle also, die sich dann in der Untergrundkneipe treffen, deren Wirtin immer falsche Sitcom-Lacher zugeordnet sind. Hier begegnet Paula auch einem jungen, hoffnungsvollen Jump-Cutter, dem in seinen Bewegungen immer wieder ein paar Einzelbilder fehlen: ein Springen wie visuelles Stottern. Paula merkt, dass die Outtakes nicht so wilde Gesellen sind, wie das Institut immer behauptet – und sie merkt, dass ihre eigene Storyline einigermaßen geschönt wurde …

Aus einer fantastischen Ausgangsidee hat Regisseurin Sophie Linnenbaum einen fantastischen Film gemacht – ihr Langfilmdebüt und Filmhochschul-Abschluss: Figuren, die im Film sonst etwas bedeuten, bedeuten nun sich selbst, ihre Aufgabe: das Erzeugen von Film-Emotionen. Wir tauchen ein in die Traumfabrik – oder besser: mitten hinein ins Proto-Produkt der Traumfabrik, in den »Film an sich« mit »Filmfiguren an sich« — sozusagen ins platonische Reich der Kino-Idee selbst. Und was ist die Kino-Idee an sich? Eine Aufgabe, eine Queste, emotional, nämlich familiär aufgeladen, und so wird Paula auf ihre Heldinnenreise geschickt. Der Witz dabei: Diese Heldinnenreise selbst wird wiederum als Heldinnenreise gezeigt, eben von Filmfiguren als Filmfiguren, nicht als »wirkliche« Personen – ein Film hinter den Filmillusionen.

Und: The Ordinaries ist als Film über Film ganz und gar Film: Sehr aufwendig gemacht, von den Spezialeffekten über die Musicalnummer-Choreografien bis zum Score, der vom Deutschen Filmorchester Babelsberg eingespielt wurde.

Das ist wirklich witzig: Paulas Mutter hat als Nebenfigur nur beschränkte Dialoge: »Ich habe mir Sorgen gemacht.« »Dein Vater war eine ganz besondere Hauptfigur.« Emotionen zeigt sie keine – ; immer wieder werden die Drehbuch-Unzulänglichkeiten unwichtiger Filmfiguren in den Mittelpunkt gestellt. Hauptfiguren dagegen erzeugen, wenn sie überzeugend sind, aus ihren Emotionen heraus emotionale Musik. Wir besuchen die Geräuschfabrik, deren Chef sich über die fehlende Anerkennung des Sounddesigns beklagt. Die Schwarzweißen sind ganz übel dran, sie werden so richtig ausgegrenzt, sie sind so anders und aus einer ganz anderen Zeit.

Womit auch klar wird, dass es bei The Ordinaries nicht um einen reinen selbstreflexiven Klamauk geht. Nicolas Cage mag in Massive Talent Nicolas Cage spielen – aber Sophie Linnenbaum zeigt Kino als Gesellschaftsspiegel, auch hinter den Kulissen, macht die klaren Hierarchien deutlich, die in Filmhandlungen herrschen, wo nur wenigen Figuren Plotpoints und Gefühle zugestanden werden und der Rest schnell vergessen wird, als Bildfüllmaterial. Man muss auch genau hinschauen – der eine im Bus, sieht er nicht aus wie Oliver Hardy? Ich will diesen FilmFilm über Film jedenfalls noch einmal sehen.

The Ordinaries (2022)

Paula will ein Leben mit einer eigenen Storyline, mit aufregenden Szenen und voller Musik – nicht wie ihre Mutter, die als Nebenfigur im Hintergrund arbeitet, mit limitierten Dialogen und ohne Emotionen. Deswegen besucht sie die Schule für Hauptfiguren und steht kurz vor der Abschlussprüfung, bei der sie beweisen muss, dass sie das Zeug zur Hauptfigur hat. Sie ist Klassenbeste im Klippenhängen, beherrscht Zeitlupe und panisches Schreien im Schlaf – nur das Erzeugen emotionaler Musik will ihr einfach nicht gelingen. Um ihr Herz zum Klingen zu bringen, macht sie sich auf die Suche nach großen Emotionen und stößt dabei auf immer mehr Ungereimtheiten beim Tod ihres Vaters, einer heldenhaften Hauptfigur. Ihre Nachforschungen führen sie in die Abgründe der filmischen Welt, in den Morast der verrohten Outtakes am Rande der Gesellschaft. Aber anstatt grausamer Rebellen trifft Paula verhuschte Gestalten, Figuren mit Filmfehlern, die in der ständigen Angst leben, aus der Story herausgeschnitten zu werden. Paula beginnt zu zweifeln. An sich. An ihrem Platz in der Geschichte. Und an denen, die diese erzählen. (Quelle: Filmfest München 2022)

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