Space Sweepers (2021)

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Dystopische Zustände auf der Erde, paradiesische in orbitalen Kuppeln: Die Zukunftsvision der südkoreanischen Produktion „Space Sweepers“ verspricht eine Abhandlung über die auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich zu sein, verliert sich jedoch in ausgedienten Genre-Sujets.

Space Sweepers (2021)

Eine Filmkritik von Christian Neffe

Resteverwertung

Nicht erst seit dem Oscar-Gewinn von „Parasite“ sind die Augen der Filmwelt auf Südkorea gerichtet. Dass deshalb aber noch lange nicht alles cineastisches Gold ist, was auf der Halbinsel entsteht, beweist die jüngste Science-Fiction-Produktion „Space Sweepers“, die bei Netflix zu sehen ist. Denn trotz interessanter Ansätze vermag es der Film weder sich von seinen Vorbildern zu lösen noch tonale Kohärenz herzustellen.

Im späten 21. Jahrhundert haben sich die gegenwärtigen Ungleichheiten auf der Erde radikal verschlimmert: Während der Planet selbst zu einem dreckigen Moloch ohne jegliches Grün, dafür mit grau-braunen Megacitys, vergifteten Meeren und toxischer Atmosphäre geworden ist, hat der Tech-Konzern UTS im Orbit ein Paradies errichtet. Dort hausen in abgeschirmten, harmonisch-grünen Sphären die Reichen und Wohlbetuchten, während die Menschen auf der Erde hungern, darben und hoffen müssen.

Wo viel gebaut wird, da fällt viel Abfall an. Im Erdorbit schwirrt deshalb eine Menge Weltraumschrott herum. Die titelgebenden Space Sweepers, freischaffende, piratenähnliche Abtrünnige, sind hinter den wertvollsten Stücken her, um sie gewinnbringend zu veräußern. Denn wer in dieser Welt nicht zu den Reichsten gehört, der leidet permanent unter Schulden. Und Schulden, so Protagonist Tae-ho (Song Joong-ki), führen zu immer mehr und mehr Schulden. Eine Spirale der wirtschaftlichen Abhängigkeit, bis man irgendwann vor dem Nichts steht.

Tae-ho ist Teil einer vierköpfigen Space-Sweeper-Truppe, angeführt von Jang (Kim Tae-ri), einer abgeklärten Technikexpertin, komplettiert durch den äußerlich raubeinigen, aber innerlich warmherzigen Tiger Park (Jin Seon-kyu) sowie den Androiden Bubs (Yoo Hae-jin). Im Inneren ihres neuesten Fangs – einem kleinen Frachttransporter – entdecken die vier ein zunächst unscheinbares Mädchen (Ye-Rin Park). Bald finden sie heraus: Es handelt sich um Dorothy, einen global gesuchten Androiden, dem laut Medienberichten und UTS eine Wasserstoffbombe von der Terrororganisation Black Foxes eingesetzt wurde, um damit einen Anschlag zu verüben. Wenig überraschend: Da steckt mehr und etwas ganz anderes dahinter.

Es ist eine ganze Menge Material – Figuren, Institutionen, Schauplätze, Gesetzes- und Moral-Codes – die Space Sweepers seinem Publikum zu Beginn vor die Füße wirft. Was als potenziell interessantes Zukunftsszenario angelegt ist, in dem die bereits heute quasi-religiöse Verehrung von Tech-Konzernen noch dadurch potenziert wird, dass sie nun auch souveräne Staaten mit eigener Ackerkultur, Justiz und einem gottgleich-prophetischen Anführer (gespielt von Richard Armitage) bilden, stolpert bereits in der Exposition über seine schiere Masse an Worldbuilding-Elementen, die hohe Frequenz der Szenenwechsel sowie die unzureichende Charakterformung der vier im Zentrum stehenden Schrottsammler, deren Hintergrundgeschichten bis zum Mittelteil im Dunkeln bleiben. Eine frühere Erhellung dieser Backgrounds hätte den Figuren mehr Tiefe und Interesse seitens der Zuschauerschaft einbringen können, tragen doch alle die Sünden der Vergangenheit bis heute auf ihren Schultern. So hingegen wirken sie lange Zeit wie eindimensionale Abziehbilder der Inspirationsquellen von Space Sweepers.

Und hierin liegt ein weiteres Problem dieses Films. Denn trotz seiner Ansätze vermag er sich nicht von seinen offensichtlichen Vorbildern, den von ihnen bereits zur Genüge auserzählten Sujets und sogar ihren visuellen Designs zu lösen. Die generelle Prämisse entspricht der von Neill Blomkamps Elysium, die Rüstungen des faschistischen Polizeiapparats erinnern an das Aussehen des Helden seines dritten Films Chappie. Für die großangelegten Raumstationen mit ihrer multikulturellen und -lingualen Besetzung stand offenkundig Luc Bessons Valerian Pate. Dazu noch zwei Prisen Blade Runner und Ghost in the Shell sowie eine dicke Portion Star Wars – fertig ist ein Sci-Fi-Märchen, das sich an längst bekannten (und besser ausgeführten) Genre-Versatzstücken entlanghangelt. Womöglich wäre zumindest ein besser greifbarer Weltentwurf entstanden, würde der Film seine Kulissen und Schauplätze nicht so klein aufziehen und lediglich durch computergenerierte Hintergründe optisch aufblähen.

Nicht zuletzt leidet Space Sweepers unter tonalen Schwankungen, die den Film reichlich inkohärent erscheinen lassen. Der martialisch-dystopischen Einstiegsszene folgen im (viel zu) schnellen Wechsel hektische und gewollt epochale Actionsequenzen, klamaukige Charakterinteraktionen samt Slapstick und Furzwitzchen sowie rührselig-pathetische Storybeats, die, statt zu einer atmosphärisch ambivalenten Mixtur zu verschmelzen, durch die Szenensprünge deutlich voneinander abgetrennt sind und einfach nicht zusammenpassen wollen.

Das Gesamtergebnis weiß in seinen besten Momenten zu unterhalten, jedoch nie zu begeistern oder gar zu überraschen. Über die (zu langen) 136 Minuten Laufzeit stellt sich stattdessen immer wieder ein „Das habe ich schon so oft gesehen, aber stets besser“-Gefühl ein, das Space Sweepers letztlich zu einer Enttäuschung macht.

Space Sweepers (2021)

Im Jahr 2092 fliegt lauter Weltraummüll durch den Orbit der Erde, darunter außerbetrieb genommene Satelliten und verlassen Raumschiffe. Die Besatzung des Weltraumsammlers Seungni-ho verdient ihr Geld damit, diesen Schrott zu bergen und für Wiederaufbereitung zu verkaufen. Doch eines Tages stoßen sie auf einen Roboter, der eine Bombe in sich trägt

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Meinungen
Blue · 06.02.2021

1 Stern für die visuelle Umsetzung, die ist wirklich toll gelungen! Ansonsten habe ich lange keine so unglaubwürdigen "schauspielerischen Leistungen" gesehen. Aus der durchaus passablen Story hätte man diesbezüglich echt viel mehr an Tiefe herausholen können. Und was die immer mal wieder eingebauten "Gags" anbetrifft, die zünden bei mir einfach gar nicht. (Letzteres liegt aber bestimmt an mir, ich kann mit dem Humor des fernöstlichen Kulturraums leider nicht viel anfangen.) Dazu kommt dann noch, daß nur die koreanischen Hauptdarsteller deutsch sychronisisert wurden. Alle anderen reden kaum verständliches Englisch, französisch oder auch mal russisch. Ziemlich anstrengende 2 Std Untertitelung ... Och nö, Leute. Insgesamt würde ich sagen: Klasse, daß da die vielen Produktionsbeteiligten mal wieder Aufträge hatten. Sehr wichtig in Carolazeiten wie diesen! Ansonsten bestenfalls Popcornkino. Einmal schauen, CGI-Bilder bestaunen, und dann ist der inhaltsleere Film auch schnell wieder vergessen. Hat nämlich (fast) gar nicht weh getan ... ;)

McDaff · 06.02.2021

Endlich ein Film dem man seine Botschaft nicht nur abkauft sondern geschenkt bekommt. Ich habe mich nicht geleitet in meiner Meinung gefühlt und wurde vom Guten überzeugt und bestärkt. Geiler Film der Hoffnungen in die Menschheit aber auch in jeden Mensch weckt.

Kommentare

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