River (2021)

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Wie ist das Verhältnis des Menschen zu Naturlandschaften, wie ändert es sich im Lauf der Zeit? Nach Mountain aus dem Jahr 2017 geht es im zweiten dokumentarischen Werk einer geplanten Trilogie von Orchesterkonzertfilmen um die Leben spendenden Flüsse, die einst verehrt und später ausgebeutet wurden.

River (2021)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Vom Lauf der Flüsse lernen

Schon mit dem Eingangszitat des Dichters W.H. Auden kündigt sich der originelle Stil dieses Dokumentarfilms an: „Tausende haben ohne Liebe gelebt, nicht einer ohne Wasser.“ Wenn es im folgenden nämlich um die Bedeutung der Flüsse für die Menschheit geht, ist sowohl die physische, als auch die geistig-spirituelle Ebene gemeint. Die Regisseurin Jennifer Peedom und ihr Co-Regisseur Joseph Nizeti sind zwar nicht die einzigen Filmemacher, die sich des fehlenden Widerspruchs zwischen Realismus und Poesie im Naturfilm bewusst sind. Aber um diese Verbindung zu stärken, verwenden sie ein kreatives Rezept, das schon im Vorgängerfilm „Mountain“ von 2017 zur Anwendung kam. Zu spektakulären Naturaufnahmen erklingt Musik, die das Australische Kammerorchester eingespielt hat. Und der amerikanische Schauspieler Willem Dafoe spricht hinter der Kamera einen kontemplativen, ausdrucksstarken Text, den der britische Schriftsteller Robert Macfarlane unter Mitwirkung der beiden Regisseure verfasst hat.

So ist River nach Angaben von Peedom und Nizeti der zweite einer geplanten Trilogie von „Orchesterkonzertfilmen, die die Auswirkungen der Landschaft auf das menschliche Herz erforschen“. Wie in Mountain geht es um das Verhältnis der Menschen zur Natur im Wandel der Zeiten. In River beginnt die Erzählung, als sich Flüsse auf der Erde bildeten. Satellitenbilder zeigen mäandernde Wasserläufe, die wie gemalt wirken. Dazu heißt es in dem schönen Text, den Dafoe mit seiner warmen, ruhigen Stimme direkt ins Gemüt der Zuhörerschaft einpflanzt, Flüsse hätten die Erde geformt und seien „Quellen menschlicher Träume“. Über Jahrhunderte hätten die Menschen Flüsse als göttliche Erscheinungen verehrt.

Die Aufnahmen, die von vielen verschiedenen, auf Naturfilm spezialisierten Kameraleuten – unter ihnen Yann Arthus-Bertrand, Renan Ozturk, das Kollektiv Sherpas Cinema – stammen, bevorzugen die Vogelperspektive. Drohnen fliegen tief über Gletscherlandschaften, nähern sich Wasserfällen, es wird mit Zeitlupe und Zeitraffer gearbeitet, um die Bewegung des Naturelements, aber auch die Umtriebigkeit von Menschen am Fluss zu betonen. Denn in dem Filmmaterial, das aus 39 Ländern in sechs Kontinenten stammt, geht es nicht nur um die Schönheit wilder Flüsse und bewaldeter Ufer. Man sieht die Geschäftigkeit von Händlern mit ihren Booten an einem südasiatischen Fluss, Bäuerinnen, die Reisfelder anlegen, Feuerbestattungen am Ganges. Gestützt von Archivaufnahmen, spannt die Erzählung einen Bogen zu den zunehmenden Bemühungen der Menschen, die Flüsse zu regulieren. Gewaltige Staudämme,  in schnurgerade Bahnen gezwungene Rinnsale, verdorrte Landschaften, vermüllte Wasserarme rücken ins Bild. Umgeleitete Flüsse schaffen andernorts Wassermangel, in Stauseen sammeln sich die nährstoffreichen Sedimente, die stromabwärts nicht mehr ankommen können.

Im dritten und letzten Abschnitt der Narration geht es um ein Umdenken zu neuer Naturverbundenheit und den Mut, Überregulierungen zurückzunehmen. Der ökologisch-spirituelle Rat, „zu denken wie ein Fluss“, welcher „flussabwärts in der Zeit träumt“, indem er der Mündung entgegenstrebt, wirkt allerdings ziemlich gewollt. Um an die ökologische Verantwortung der Menschen gegenüber künftigen Generationen zu appellieren, bräuchte es diese bemühte Klammer an sich ja nicht. Und so schön und imposant die einzelnen Aufnahmen aus der Luft auf Gebirgsflüsse, schmelzende Gletscher, träge Ströme auch sind, so fehlt ihnen doch eine einheitliche Handschrift, die ein immersives Erlebnis schaffen könnte. Auch wenn nicht jeder Film über das Element Wasser gleich die Wucht von Victor Kossakovsky Aquarela entfalten muss, so ist die Konkurrenz auf dem Sektor der Naturfilme so groß, dass schöne neue Bilder nicht mehr so leicht ins Langzeitgedächtnis einsickern. Aber auch im Bilderreigen von River gibt es Passagen, die stärker beeindrucken, weil sie von einer außergewöhnlichen Kraft und Dynamik erfüllt sind. So ergeben der Weg des Wasserdampfs gen Himmel, die Wolkenbildung im Zeitraffer, der fallende Regen eine Komposition, die an Schöpfungsmythen erinnert.

Dem sorgfältig gestalteten Film dürfte es ganz im Sinne Peedoms und ihres Teams gelingen, die Naturverbundenheit des Publikums ein Stück weit zu stärken und zu nähren. Unvergesslich aber bleibt dabei vor allem der wohltuende Klang der Worte, die Willem Dafoe spricht.

River (2021)

Diese kinematografische und musikalische Reise erkundet die besonderen Beziehungen zwischen Menschen und Flüssen. 

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