Auf Anfang (2021)

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Wie wird ein Mensch, der fast 30 Jahre im Gefängnis saß, auf seine Entlassung in die Freiheit vorbereitet? Und wie meistert er die ersten Schritte im selbstbestimmten Leben? Das dramatische Schicksal, das dieser Dokumentarfilm beobachtet, stellt die Praxis der Resozialisierung gründlich infrage.

Auf Anfang (2021)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Eine Überdosis Freiheit

Nach 28 Jahren im Gefängnis wird ein Mann in die Freiheit entlassen. Zwei Jahre lang hat ihn die Kamera begleitet bei den Vorbereitungen auf den großen Tag, in der Haftanstalt, auf Freigängen, bei seinen Gesprächen mit Betreuer*innen. Doch der Dokumentarfilm, der auch sein erstes Jahr draußen beobachten wollte, verrät gleich zu Anfang, dass es mit der Freiheit gar nicht so lange geklappt hat. Wenn einen am Ende des Films ein kurzer Text darüber informiert, wofür der Mann erneut ins Gefängnis musste und für wie lange, trifft einen das dennoch bis ins Mark. Denn die filmischen Beobachtungen, die die große Sehnsucht dieses Menschen nach einem selbstbestimmten Leben eingefangen haben, lesen sich zugleich wie die Chronik seines angekündigten Scheiterns.

Die Dokumentarfilmer Georg Nonnenmacher und Mike Schlömer treten vor der Kamera nicht in Erscheinung und kommentieren nicht. Sie lassen den Häftling Michael S., aus dessen vollem Namen der Film kein Geheimnis macht, in seiner Zelle selbst sprechen oder schauen ihm zu, wenn er nachdenklich in Richtung Fenster schaut und raucht. Er malt gerne farbenfrohe Bilder, in denen er sich halb abstrakt mit dem Thema Gewalt auseinandersetzt. Und er sagt einmal, er wäre gerne Balletttänzer geworden. Eher beiläufig, in verschiedenen Gesprächen mit Betreuern und auf Freigängen, kommen Bruchstücke seiner Vita zum Vorschein. Michael S. hat in seiner Jugend einen Menschen umgebracht. Er erklärt das einmal als Kurzschlussreaktion, die vielleicht jedem hätte passieren können. Michael S. wurde als Kind, wie er erzählt, von verschiedenen Leuten sexuell missbraucht, lebte mehrere Jahre in Heimen. Er sagt, er sei kein gewalttätiger Mensch.

Michael S. hat ehrenamtliche Betreuer, beispielsweise ein älteres Ehepaar, das er auf Freigängen besucht. Mit Peter, einem Ex-Häftling, der sich als Prison Coach engagiert, verbindet ihn augenscheinlich ein freundschaftliches Verhältnis. Michael S. muss lernen, ein Handy zu benutzen und am Automaten der Deutschen Bahn eine Fahrkarte zu lösen. Er hat ein Praktikum bei einer Gartenbaufirma gemacht und dort eine Stelle in Aussicht. In Team- und Zweiergesprächen in der Haftanstalt wird deutlich, dass Michael S., der auch Psychotherapien genoss und bei einem Theaterprojekt der evangelischen Seelsorge mitmacht, ein Leben in Freiheit prinzipiell zugetraut wird. 

Das dramaturgische Herzstück des Films sind die Dialoge, die Michael S. mit verschiedenen Betreuern und später auch mit der Bewährungshelferin führt und in die sich zunehmend Irritationen einnisten. Nachdem er bei einem Freigang die Nacht durchmacht und einen Termin versäumt, reden ihm seine Gesprächspartner ins Gewissen. Michael S. kontert wortgewaltig und wenn er es darauf anlegt, kann er sein Gegenüber glatt an die Wand reden. Er gibt sich auf einmal nicht mehr so bußfertig und zuverlässig, wie es seine Betreuer und mit ihnen die Gesellschaft von einem wie ihm erwarten, quasi als Bedingung für eine Entlassung in die Freiheit. Aber wer, so scheinen es auch einzelne Betreuer zu empfinden, mag es diesem Mann verübeln, dass er das Recht auf eigene Erfahrungen mit dem Leben verteidigt? Das Wissen drängt sich beim Betrachten auf, dass auch Michael S. Gewalt angetan wurde, wenngleich aus hehren Motiven des Rechts und des öffentlichen Schutzbedürfnisses. 

Als er dann in Freiheit in seiner neuen Wohnung sitzt, lässt Michael S. die Bewährungshelferin schon recht forsch abblitzen. Es ist ungeheuer aufwühlend, mitzuerleben, wie er sich gegen Ratschläge seines Umfelds wehrt, wie er abzurutschen beginnt. Das Thema des in vielen Köpfen nagenden Zweifels, ob die Resozialisierung verurteilter Mörder gelingen und ihr Erfolg prognostiziert werden kann, umkreiste auf andere Weise auch der Dokumentarfilm Anmaßung aus dem Jahr 2021. Dort ging es um einen Häftling, der nach 15 Jahren freikommen sollte. Wer kann in einen Menschen, der seine Strafe weitgehend verbüßt hat, hineinschauen und wer garantiert, dass er in Freiheit nach so langer Haft Fuß fassen kann und nicht wieder ein Verbrechen begeht? Auf Anfang reißt sein Publikum mitten in ein Drama mehrfachen Versagens hinein, das tief erschüttert. 

Aber der Film informiert nicht genug, um die Fragen, die sich beim Zuschauen stellen, zu beantworten. Das fängt an bei der ungewöhnlich langen Haftstrafe von Michael S., die nicht näher erklärt wird, geht weiter mit der Frage, inwiefern der Mann auf einen beruflichen Alltag mit geregelten Arbeitszeiten überhaupt vorbereitet war. Und wieso kann er sich dann draußen so frei auf die sich abzeichnende Katastrophe zubewegen? Das System des Strafvollzugs scheitert bei der Resozialisierung in diesem Fall krachend und mit schrecklichen Konsequenzen, während und obwohl dessen Mitwirkende vor der Kamera einen relativ positiven Eindruck hinterlassen. Wo die Fehler und Versäumnisse lagen, lässt sich von außen kaum beurteilen, aber dass es sie gab, scheint unzweifelhaft. So helfen einem nach dem Film auch philosophische Überlegungen zur undurchsichtigen Natur des Menschen oder zum Wesen der Freiheit nicht wirklich, das Gesehene zu verarbeiten. Als die Polizei seine Wohnung stürmt, hat Michael S. die Handykamera bereits für einen Livestream eingeschaltet. Offenbar will er so Abschied nehmen von den letzten Minuten seiner Freiheit und sie für immer festhalten.

Auf Anfang (2021)

Michael Scholly wird 28 Jahre nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft wegen Mordes entlassen. Drei Jahre hatte er Zeit, sich auf diesen Moment vorzubereiten. Doch die Welt außerhalb der Gefängnismauern hat sich in seiner Abwesenheit fundamental verändert und Schollys Vor-
stellungen und Erwartungen haben mit der Realität wenig gemein. Es stellen sich Fragen: Kann Scholly den Anforderungen an ihn gerecht werden? Ist Scholly reif für die Freiheit? Sein erstes Jahr nach der Entlassung sollte darauf Antworten geben – doch die Antwort kam früher als erwartet. (Quelle: Cine Global)

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