Le Prince (2021)

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Lisa Bierwirth schildert in „Le Prince“ die persönlichen Auseinandersetzungen innerhalb einer europäisch-afrikanischen Beziehung. Setting, Figuren und Schauspiel sind hervorragend.

Le Prince (2021)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

(K)Eine Märchenstunde

Eine Frau und ein Mann begegnen sich zufällig. Die beiderseitige Faszination auf den ersten Blick ist unverkennbar. „Le Prince“, das Langfilm-Regiedebüt von Lisa Bierwirth, ist ein Liebesfilm. Zugleich handelt es sich um die Studie einer europäisch-afrikanischen Beziehung – präzise und fein beobachtet. Dennoch ist der Begriff „Studie“ viel zu kühl, zu klinisch, zu abstrakt, um der emotionalen Intensität dieses Werks gerecht zu werden.

Wir haben nach 125 Minuten etwas (mehr) von postkolonialen Strukturen und Konflikten, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf privater, intimer Ebene, verstanden, ohne dass dieser Film uns unbedingt etwas beibringen, uns belehren will. Vielmehr spielt er mit unseren gängigen Vorstellungen von Romantik – vom Ideal einer Liebe, die keine Grenzen kennt und alle Hindernisse zu überwinden vermag. Le Prince ist ein Melodram, ein Märchen, dabei jedoch absolut echt. „Es war einmal“ im Jetzt-Modus: „Es ist“.

Das Drehbuch, das die Regisseurin gemeinsam mit Hannes Held verfasst hat, ist inspiriert von der Geschichte von Bierwirths Mutter. Entstanden ist kein biografischer Film, aber eine Erzählung, deren Verankerung in der Realität spürbar ist. Angesiedelt ist sie in der Frankfurter Kulturszene. Die Protagonistin Monika (Ursula Strauss), Mitte vierzig und alleinstehend, ist als Kuratorin der Kunsthalle tätig. Eine berufliche Veränderung steht an: Peter (Alex Brendemühl), der derzeitige Leiter, wird den Posten aufgeben, Monika möchte sich um die Stelle bewerben. Schon wie das Skript und die Inszenierung dieses Milieu einfangen, ist bemerkenswert – wie treffend der spezielle Humor, die oft bemühte Kultiviertheit, die Floskeln, die intellektuellen Diskussionen in die Handlung einfließen.

In diesen Kosmos tritt nun Joseph (Passi Balende), ein kongolesischer Geschäftsmann. Der „Meet Cute“ zwischen Monika und Joseph findet im Hinterhof einer Bar im Bahnhofsviertel statt. Als es zu einer Razzia kommt, verstecken sich die beiden vor der Polizei. Und von Anfang an ist da diese Chemie zwischen ihnen. Es ist wie bei Cary Grant und Deborah Kerr, bei Julia Roberts und Richard Gere – wir wissen, dass diese zwei Menschen zusammengehören. Und natürlich sieht sich Monika als eine Person, die in einer binationalen Beziehung mit diversen kulturellen, sozialen und auch ökonomischen Unterschieden keinerlei Probleme sieht. Ihr hochgebildetes, kosmopolitisches Umfeld ist doch gewiss auch über alle Vorurteile erhaben, richtig?

Sehr genau arbeitet Le Prince die alltäglichen Rassismen heraus, zeigt die kleinen Irritationen und das leise Misstrauen – Dinge, gegen die auch offene, kluge Menschen nicht gefeit sind, so schwer es auch ist, dies vor sich selbst und vor anderen einzugestehen. Bierwirth lässt uns miterleben, wie Monika Teil von Josephs Welt zu werden versucht, wie sie sich bemüht, bei Treffen mit Freund_innen und Kolleg_innen von ihm die Regeln und Konventionen zu begreifen. Und wie Joseph wiederum mit Monikas Bekanntenkreis und Arbeitsumgebung in Berührung kommt und sich dabei fremd fühlt.

Es gibt eine Szene in Le Prince, in der Regie, Buch, Kamera (Bildgestaltung: Jenny Lou Ziegel) und Schauspiel so kongenial zueinanderfinden und ineinandergreifen, dass sich ohne Übertreibung von einem perfekten filmischen Moment sprechen lässt. Da sitzen Monika und ihre beste Freundin Ursula (Victoria Trauttmansdorff) beieinander, nachdem sie einen Abend mit Joseph und dessen Bekannten verbracht haben. Sie haben getrunken, gescherzt, gelacht – und doch ist Ursula verunsichert: Will Monika denn tatsächlich so leben? Monika fühlt sich angegriffen. Ursula erkennt, dass alles, was sie sagt, irgendwie falsch klingt. Der Disput eskaliert nicht. Aber es wird klar, dass sich Monika von ihrem bisherigen Umfeld entfernt. Alles in dieser Situation ist so authentisch. Strauss und Trauttmansdorff spielen das mit einer solch zurückhaltenden Größe, wie es wirklich nur die Besten können.

Und es finden sich viele dieser rundum gelungenen Passagen im Film. Die intimen Szenen zwischen Monika und Joseph sind ebenso überzeugend wie die Momente, in denen sich Distanz aufbaut – mal eine sprachliche, mal eine gestische. Ebenfalls brillant: der Termin bei Frau Kirschky (Agnieszka Piwowarska), der Behördenmitarbeiterin. Monika und Joseph wollen ihre Ehe anmelden, doch Joseph hat seine Aufenthaltsgestattung verloren. Das Glück – es ist so furchtbar banal – kann auch von einem verschüttgegangenen Stück Papier abhängen, kann an der Bürokratie scheitern. Auf immer und ewig im Konflikt mit dem Alltag, mit sich selbst und den äußeren Einflüssen – das ist das Märchen von heute.

Le Prince (2021)

Im Frankfurter Bahnhofsviertel begegnen sich zwei Menschen deren Lebenswelten unterschiedlicher kaum sein könnten. Monika ist Mitte vierzig und gehört als Kuratorin zur Kunst- und Kulturszene der Stadt. Als sie zufällig in eine Razzia gerät, trifft sie Joseph, einen kongolesischen Geschäftsmann, der Investoren für eine Diamantenmine im Kongo sucht und sich zwischenzeitlich mit Import-/Export-Geschäften über Wasser hält. Aus diesem ungewöhnlichen Zusammentreffen entsteht eine intensive Liebesgeschichte. Doch während die beiden glauben, gegen alle äußeren Widerstände und Vorurteile bestehen zu können, schleicht sich nach und nach ein gegenseitiges Misstrauen in die Beziehung. Unaufhaltsam wird Ihr Leben zur Bühne postkolonialer Konflikte. Ist es für Monika und Joseph überhaupt möglich, sich auf Augenhöhe zu lieben? (Quelle: Komplizen Film)

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