Jetzt oder morgen (2020)

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Lisa Webers Dokumentarfilm „Jetzt oder morgen“ ist das intime Portrait einer Familie am Rand der Gesellschaft und wirft die bei jeder Beobachtung relevante Frage auf – wie nah ist zu nah?

Jetzt oder morgen (2020)

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Stehende Zeit

Zäh und klebrig fließt die Zeit in „Jetzt oder morgen“, immer wieder scheint sie in Schleifen und Kreisen zu verlaufen. „So viel Zeit und kein Leben“, so bringt es einer der Protagonisten auf den Punkt. „Jetzt oder morgen“ ist eine dokumentarische Arbeit der Wienerin Lisa Weber. Es ist das Portrait der jungen Mutter Claudia und ihres kleinen Sohns Daniel, die zusammen mit Claudias Bruder in der engen Sozialwohnung ihrer Mutter wohnen. Weber hat die Familie über drei Jahre in ihrem Alltag begleitet. Sie beim Schlafen, Essen, Spielen und Rauchen gefilmt und bei ihren Gesprächen, in denen es viel um Möglichkeiten geht. Vielleicht bewirbt Claudia sich, vielleicht findet sie eine Wohnung, vielleicht holt sie ihren Schulabschluss nach, weder zeigt der Film die Verwirklichung dieser Möglichkeiten noch ihr scheitern. Es bleibt beim titelgebenden „Jetzt oder morgen“, das zum Sinnbild eines Sozialsystems wird, in dem das Nötigste gesichert ist und doch keine Möglichkeit zu bestehen scheint, darüber hinauszukommen.

Die Kamera ist immer ganz nah an der Familie, nur selten werden die heimischen vier Wände verlassen. Jetzt oder morgen ist eine genaue, unaufgeregte Studie des sozialen Miteinanders der Protagonist*innen. In dieser Alltäglichkeit findet sich nicht nur die Trauer unerfüllter Hoffnungen, vielmehr ist das Vergehen der Tage auch durchdrungen von Zärtlichkeit, so beispielsweise, wenn Claudia dabei zu sehen ist, wie sie ihren Sohn kitzelt bis dieser sich lachend und quiekend auf dem Sofa windet. So schön es ist, an dieser Intimität teilhaben zu können, ist die Seherfahrung doch auch immer wieder überschattet vom Gefühl der eigenen Übergriffigkeit. Insbesondere vor dem Hintergrund der sozio-ökonomisch prekären Situation der Gezeigten.

Sich dieser Problematik durchaus bewusst, reagiert Jetzt oder morgen, indem die Kamerapräsenz nicht versteckt, sondern immer wieder thematisiert wird. So tritt Weber gelegentlich ins Bild, um ein Möbelstück zu arrangieren oder Daniel zu helfen, eine Torte für den Geburtstag seiner Mutter ins Wohnzimmer zu tragen, und ab und zu ist auch ihre Stimme zu hören, wie sie Fragen an die Familienmitglieder richtet. Arbeiten diese Momente auch damit, die filmische Form zu reflektieren, so sind es doch die noch subtileren Kontaktmomente, in welchen eine Autonomie der Protagonist*innen fühlbar wird – in den kleinen Seitenblicken im Vorbeigehen an der Kamera, im kurzen Nicken, in einfachen Sätzen in das Off der Aufnahme gerichtet. In der langsamen Ereignislosigkeit des Gezeigten, in der kreisförmigen Erfahrung einer nicht voranschreitenden Zeit und dem permanenten Ausgeliefertsein gegenüber der Kamera, die selbst in die privatesten Räume noch folgt, in dieser statischen Passivität wirken die Momente des Kontakts wie Befreiungsschläge. Für einen Augenblick scheinen die Protagonist*innen sich hier aus all den Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen und schenken somit auch dem Publikum einen kurzen Moment der Freiheit.

In der Erfahrung von im kapitalistischen Sinne unproduktiver Zeit – deren Schrecken und Schönheit – liegt die Stärke von Jetzt oder morgen. Darum ist es so schade, dass der Film selbst in seinem Verlauf ungeduldig zu werden scheint. So nehmen die Momente der Alltäglichkeit, die Zeit für die kleinen Spiele zwischen den Protagonist*innen und der Kamera langsam ab, zwar schafft dies Raum für die klarere Adressierung von sozialen Missständen, es läuft aber auch Gefahr, die Gefilmten zu Vehikeln von sozialen Diskursen zu machen und den Film letztlich doch eher über als mit ihnen sprechen zu lassen.

Jetzt oder morgen ist eine ruhige dokumentarische Studie, die liebevoll mit ihren Protagonist*innen verfährt, sie nicht verurteilt und sich den Schwierigkeiten einer filmischen Langzeitbeobachtung bewusst ist. Das Aushalten eines Wartens auf unbestimmte Veränderungen ist hier weniger als Analogie auf ein dysfunktionales Sozialsystem zu verstehen, sondern bietet vielmehr den Portraitierten die Möglichkeit eigener Gestaltungsräume innerhalb des Films. Gerade weil die darin aufscheinende Freiheit so ein notwendiges Emanzipationsmoment gegenüber der Kamera bedeutet, fällt deren Wegfallen umso stärker ins Gewicht.

Jetzt oder morgen (2020)

Claudia ist auf der Flucht. Auf der Flucht vor Verantwortung, auf der Flucht vor Entscheidungen. Mit 14 ist sie schwanger geworden, ihr Sohn Daniel ist die Ausrede, wieso sie nie die Schule abgeschlossen hat, wieso sie sich nie einen Job gesucht hat. In Gedanken baut sie Luftschlösser, in der Realität hat sie Angst, den ersten Schritt zu tun. Sie muss eine Entscheidung treffen: weiter vorm Leben davon laufen oder endlich erwachsen werden.

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