Aufzeichnungen aus der Unterwelt (2020)

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Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ lässt Wiener Stadtgeschichte von jenen erzählen, die sie erlebt, durchlebt und gemacht haben.

Aufzeichnungen aus der Unterwelt (2020)

Eine Filmkritik von Lucia Wiedergrün

Die Wahrheiten, die wir erinnern

Wien hat, wie jede Stadt, ihre Legenden. In Tizza Covi und Rainer Frimmels aktuellem Dokumentarfilm „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ kommen einige von ihnen zu Wort. Im Zentrum stehen dabei die Erinnerungen des Wienerlied-Sängers Kurt Girk und seines als „König der Unterwelt“ verschrienen Freundes Alois Schmutzer. Unterstrichen und konterkariert werden diese von den Erzählungen einiger ihrer Wegbegleiter und Antagonisten. Zusammen lassen sie ein längst vergangenes Wien wiederaufleben.

Für seine dokumentarischen Arbeiten wie Babooshka (2005) ebenso gefeiert wie für die Spielfilme, zuletzt Mister Universo (2016), stellt das Regieduo Covi/Frimmel auch in Aufzeichnungen aus der Unterwelt sein Gespür für einfühlsames und empathisches Filmemachen unter Beweis. In langen Schwarz-Weiß-Einstellungen aufgenommen, erzählen die Protagonisten, zumeist in Gaststätten sitzend, von ihrer Kindheit im Nationalsozialismus, von den Wirren der Nachkriegszeit, vor allem aber von den bewegten Jahren danach. Nur an einigen wenigen Stellen reichern Bilder aus dem Filmarchiv das Gesagte an. Gelegentlich sind die Fragen von Covi und Frimmel zu hören, doch überwiegend hört man die Männer reden, nie werden sie dabei unterbrochen. Die Schnitte, welche die verschiedenen Geschichten miteinander in Verbindung bringen, richten sich stets nach den Protagonisten. Erst wenn eine ihrer Erzählungen oder Anekdoten zu einem natürlichen Ende kommt, kann die nächste beginnen.

Die Geschichten der Männer handeln vom Wiener Unterwelten-Milieu der 1960er Jahre. Sie erzählen von Glücksspiel, Schießereien, Messerstechereien und handfesten Faustkämpfen. Viel mehr als um Geld geht es in diesen Erinnerungen um Freundschaft, Ehre und Stolz, aber auch um Verrat und Hinterlist. Es ist eine Männerwelt, die da beschrieben wird, und folglich kommt auch nur eine einzige Frau zu Wort – Alois Schmutzers Schwester. Beherrschendes Thema auch ihrer Erzählungen ist die grassierende Polizeigewalt der Zeit und das Versagen der Justiz, welches sie für die langen Haftstrafen verantwortlich macht, die ihr Bruder und sein Freund in den 1970er Jahren abzusitzen hatten. Verurteilt für die Beteiligung an einem Postraub, bestreiten beide die Vorwürfe auch Jahrzehnte später noch vehement. Das Gefühl, zu Unrecht verurteilt worden zu sein, sitzt tief und verbindet sich mit den Beschreibungen eines Ehrencodes im Milieu, der nicht auf juristischen Kategorien, sondern den bereits genannten Werten männlicher Freundschaft beruht. So sehr die Geschichten also von Tragik und Tod zeugen, so getragen sind sie auch von Stolz und immer schwingt das Gefühl mit, von einer anständigeren Zeit zu berichten. Diese Nostalgie scheint dabei den Film selbst ergriffen zu haben. Für die Frage, ob eine Welt, die von Faustrecht und männlichem Ehrempfinden regiert wurde, wirklich eine anständigere war, bleibt dabei kaum Platz.

Indem Aufzeichnungen aus der Unterwelt seine Portraitierten einfach erzählen lässt, gewährt der Film aber zugleich tiefe Einblicke in die Art und Weise wie wir erinnern. Ohne Girk, Schmutzer oder einen der anderen je bloßzustellen, ermöglicht es der Film nicht nur ihren Erzählungen zu lauschen, sondern auch sie beim Sprechen zu beobachten, ihre Gestik und Mimik zu studieren. Indem diese sich mit den Berichten der Männer verbinden, unterstreichen sie nicht nur das Gesagte, sondern zeugen auch von all jenem, was ungesagt bleibt. Damit wird der Film auch abseits seiner konkreten Erzählung zu einer spannenden Meditation über das Verhältnis von Geschichte und Geschichten und der schwierigen Rolle der Zeitzeugenschaft für die Geschichtsschreibung, nur um ebenso deutlich werden zu lassen, welcher Schatz an Geschichte(n) droht mit ihnen zu verschwinden.

Aufzeichnungen aus der Unterwelt (2020)

Eine Liebeserklärung an das Wien der 1960er Jahre und zugleich Sittenbild der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Wienerlied-Sänger Kurt Girk und Alois Schmutzer erzählen von ihrem Leben im Milieu der Wiener Unterwelt, für das sie lange Haftstrafen verbüßten.

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