Log Line

In „Golda“ verkörpert Helen Mirren eine der einflussreichsten Politiker:innen des 20. Jahrhunderts – in einem historischen Moment der schweren Entscheidungen.

Golda (2023)

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

„Gut gemacht, Golda!“

Die israelische Politikerin Golda Meir (1898-1978) war zwischen 1969 und 1974 die erste Frau im israelischen Ministerpräsidialamt. Auf der Theaterbühne wurde sie bereits von Anne Bancroft verkörpert, auf dem Fernsehbildschirm von Ingrid Bergman. Nun schlüpft die Britin Helen Mirren in die Titelrolle von „Golda“. Das neue Werk von Guy Nattiv („Skin“) ist kein klassisches Biopic, das den gesamten Werdegang der Protagonistin schildert. Der Film konzentriert sich auf den Ausbruch und Verlauf des Jom-Kippur-Krieges im Jahre 1973. Als Rahmenhandlung dient wiederum der anschließende Untersuchungsausschuss, vor dem sich Meir für ihre getroffenen Entscheidungen rechtfertigen musste.

Als ihr Land von der ägyptischen und syrischen Armee überraschend angegriffen wird, muss Meir rasch mit ihren Generälen eine Strategie entwerfen. „Ich bin Politikerin, keine Soldatin“, ruft Meir an einer Stelle des Films, als sie in eine militärische Diskussion verwickelt wird. Das Skript von Nicholas Martin sowie die Inszenierung und nicht zuletzt Mirren machen jedoch deutlich, dass sich Meir ihrer Verantwortung stets bewusst ist, statt die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. In einem kleinen Notizbuch hält sie fest, wie viele Tote, Verletzte und Verschwundene es gibt. Die Zahlen prägen sich ihr nachhaltig ein.

Der Film ist überwiegend in den dunkel, kalt und verwinkelt wirkenden Regierungsgebäuden angesiedelt; gelegentlich zieht sich Meir mit ihrer persönlichen Assistentin Lou Kaddar (Camille Cottin) auf das Dach zurück. Die Namen und Funktionen aller handelnden Figuren werden jeweils beim ersten Auftritt eingeblendet; überdies verwendet Nattiv auch dokumentarisches Material. So sind neben den Schauspieler:innen die echten Personen Teil der Erzählung. Der kaum wiederzuerkennende Star hinter der aufwendigen Maske und dem detailreichen Kostüm sowie dessen Co-Stars, etwa Liev Schreiber als US-Außenminister Henry Kissinger, werden dadurch bewusst als geschaffene Illusion sichtbar.

Es gelingt Golda, die Psyche Meirs zu beleuchten und eine Charakterstudie zu zeichnen, ohne dabei das Kriegsthema zur Hintergrundkulisse zu machen und so zu banalisieren. Die Kettenraucherin, die sogar auf der Untersuchungsliege im Krankenhaus nicht auf ihre Zigarette verzichten möchte, muss sich nebenbei mit ihrer Krebserkrankung auseinandersetzen und wird von Albträumen und Gedankenfetzen verfolgt, in denen die vermeintlich ferne Schlacht ganz nah ist. Die intimen Momente mit ihrer Assistentin, die Meir etwa auch bei der Haarwäsche in der Badewanne hilft, sind ebenso einnehmend wie die diplomatischen Gespräche mit Kissinger, der bei einem Besuch in Israel erst einmal zum Löffeln einer Portion Borschtsch aufgefordert wird, ehe das Taktieren beginnen darf.

Mirren ist brillant in ihrer Verkörperung. Statt hinter dem Make-up und der Perücke zu verschwinden, erweckt sie Meir als nachdenkliche, niemals abgebrühte Persönlichkeit zum Leben. „Gut gemacht, Golda!“, heißt es gegen Ende des Films – und doch wird hier nicht einfach eine simple Heldinnenverehrung geliefert. Zwischen Zigarettenqualm, dem ständigen Läuten alter Telefone und den Kriegslauten im Kopf der Protagonistin entsteht ein komplexes Bild, das von politischer Verantwortung und von persönlichen Traumata erzählt.

Golda (2023)

Am 6. Oktober 1973 starten die vereinten Streitkräfte Ägyptens, Syriens und Jordaniens einen Überraschungsangriff auf die Sinai-Halbinsel und die Golanhöhen, der zum Jom-Kippur-Krieg führt. Alleine und frustriert von ihrem männlichen Kabinett, muss Golda Meir in einem Wettlauf gegen die Zeit dramatische und schicksalhafte Entscheidungen treffen, um Millionen von Menschenleben auf beiden Seiten der Konfliktparteien zu retten.

  • Trailer
  • Bilder

Meinungen