Effigie - Das Gift und die Stadt (2019)

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Schon Rainer Werner Fassbinder interessierte sich für diese Giftmischerin in seinem Theaterstück „Bremer Freiheit“ und dessen späterer TV-Verfilmung. Auch der Bremer Autor Peer Meter schrieb ein Stück, das der Wissenschaftsjournalist Udo Flohr nun verfilmt hat.

Effigie - Das Gift und die Stadt (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Arsen und Butterschmalz

Der Bremer Autor Peer Meter kennt sich mit Serienmorden aus. Als Comicszenarist hat er sich bereits mit den Taten Fritz Haarmanns und Karl Denkes beschäftigt. Eine historische Figur aus seiner Heimatstadt lässt ihn derweil nicht los: die Giftmörderin Gesche Gottfried. Über die Frau, die 15 Menschenleben auf dem Gewissen hat und an der 1831 die letzte öffentliche Hinrichtung in Bremen vollzogen wurde, hat Meter ein Theaterstück, zwei Sachbücher und den von Barbara Yelin gezeichneten Comic „Gift“ geschrieben. Das Theaterstück wurde nun verfilmt. In der Adaption hat sich der Fokus allerdings verschoben.

Drei Jahre vor Gesche Gottfrieds Tod kommt Cato Böhmer (Elisa Thiemann) an die Weser. Einen Eisenbahnanschluss hat die Hansestadt noch keinen, doch der technische und gesellschaftliche Fortschritt sind nicht aufzuhalten. Böhmer, deren Figur in Auftreten und Erscheinung an die LGBTQ+-Wegbereiterin Anne Lister aus der hervorragenden britischen Fernsehserie Gentleman Jack erinnert, trägt zwar keine Hosen, ist aber als Hosenrolle angelegt. Als Protokollant des Untersuchungsrichters Droste (Gottfried Gottschalch) wirbelt sie das gängige Geschlechterbild durcheinander – und zieht die Aufmerksamkeit des Kinopublikums auf sich.

Fortan begleiten wir Böhmer beim Protokollieren, das in seinen besten Momenten an die Kriminalgeschichten eines Arthur Conan Doyle erinnert und in seiner Dramaturgie den aus Serienmörderfilmen gewohnten Katz-und-Maus-Spielen und Verhörszenen folgt. Dass die Independentproduktion kaum Budget hatte, ist ihr zwar in jeder Minute anzusehen, doch Kameramann Thomas Kist holt alles aus den beschränkten Mitteln heraus. Mit viel Gegen- und Streulicht imitiert er großes Kino, was letzten Endes zu einer ganz eigenen Digitalästhetik führt, die sich sehen lassen kann. Die eigentliche Mörderin, die ihre Opfer mit Mäusebutter, einer Mischung aus Arsen und Butterschmalz, vergiftet hat, gerät bei den Ermittlungen zusehends in den Hintergrund – und wird zu einem Problem.

Bis heute liegen die Motive für Gesche Gottfrieds Taten im Dunkeln. Ob sie kaltblütig und berechnend handelte, sich wegen ihrer gesellschaftlichen Stellung und aus Geldsorgen dazu gezwungen sah oder psychisch krank war, ist umstritten. Rainer Werner Fassbinder interpretierte ihre Taten in Bremer Freiheit (1972) emanzipatorisch, eine Auslegung, die allenfalls der Mord an ihrem ersten Ehemann zuließe. Als „eine Art weibliche Version von Hannibal Lecter“, als die der Regisseur Udo Flohr Gesche Gottfried bezeichnet hat, taugt sie aber ebenfalls nicht. Und Suzan Anbehs Leistung, die Gottfried als sexy Verführerin anlegt, gibt das auch nicht her.

Dass diese Frau, obwohl sie ihre Eltern, ihren Bruder, ihre drei Kinder und zwei Ehemänner vergiftete, kein typisches Filmmonster ist, dessen war sich wohl auch Peer Meter bewusst. Schon im 2010 veröffentlichten Comic fügte er eine Rahmenhandlung mit einer Erzählerin ein. Und schon darin forderte die junge Frau, eine Schriftstellerin, die 1831 kurz vor der Hinrichtung aus London nach Bremen kommt, um einen Reisebericht zu verfassen, die überkommenen Sitten der Hansestadt heraus. Anders als im Film trifft diese Erzählerin jedoch nie direkt auf Gesche Gottfried, was der Mörderin und den Morden ein gewisses Faszinosum bewahrt, das dem Film komplett abgeht.

Für Udo Flohr, der bislang als Wissenschaftsjournalist arbeitete, ist es der erste Film. Und es ist noch viel Luft nach oben. Denn zwischendurch holpert seine Handlung gewaltig. Ganz so wie die Eisenbahn, mit der Cato Böhmer die Hansestadt am Ende noch einmal besucht.

Effigie - Das Gift und die Stadt (2019)

Bremen 1828: Cato Böhmer tritt eine neue Stelle als Gerichtsschreiberin für Untersuchungsrichter Senator Droste an. Sie möchte Juristin werden in einer Zeit, in der Frauen in Deutschland noch gar nicht studieren dürfen. Als das Kriminalgericht wegen Giftspuren an Lebensmitteln alarmiert wird, glaubt ihr Chef zunächst an einen Zufall. Doch schon bald gilt es eine Häufung von Todesfällen in der Pelzerstraße aufzuklären. Gesche Gottfried, eine attraktive und als Wohltäterin geschätzte Witwe, scheint ebenfalls in Gefahr zu sein. Bald wird sie aber zur Hauptverdächtigen, die ihre drei kleinen Kinder, ihre Eltern, den Zwillingsbruder, Ehemänner sowie Freunde und Nachbarn mit Arsen vergiftet haben könnte. Im Laufe der Untersuchung steht Senator Droste unter Druck seitens Kapitän Ehlers, der seine Unterstützung für die Binnenschifffahrt einfordert. Droste und Bürgermeister Johann Smidt setzen für Bremens Infrastruktur jedoch lieber auf eine neuartige Technologie: die Eisenbahn. Eine politische Intrige gegen den Senator kann Cato gerade noch abwenden. Am Ende trägt sie maßgeblich dazu bei, Gesche Gottfried zu einem Geständnis zu bringen.

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