Dreiviertelblut - Weltraumtouristen (2020)

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Gerd Baumann und Sebastian Horn sind die Gründer der bayerischen Band Dreiviertelblut, die dem Genre der Neuen Volksmusik angehört. Dieser Dokumentarfilm porträtiert die beiden Musiker, indem er sie auch jenseits der Bühne begleitet und ihre persönliche Philosophie erkundet.

Dreiviertelblut - Weltraumtouristen (2020)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Frei flottierend und bayerisch geerdet

Einmal singt Sebastian Horn, der Sänger und Texter der Band Dreiviertelblut, von seiner Lebensfreude im Mai, wenn die Blütenblätter von den Apfelbäumen fallen. Später im Film preist er ein zweites Mal die Pracht der erwachten Natur, zu der nun aber der eigene Kummer nicht passen will: „Die Nächte sind lau und mir dreht’s die Gurgel zu“, heißt einer der eindrucksvoll kontrastierenden, im bayerischen Dialekt vorgetragenen Verse. Gerd Baumann, der Gitarre spielende Komponist der Band, philosophiert seinerseits im Gespräch vor der Kamera, dass sich in der Musik und nicht nur dort doch alles um den Schmerz drehe, gleichgültig, ob er nun besungen oder verdrängt werde.

Es sind nicht gerade triviale Themen, über die Horn und Baumann in diesem Dokumentarfilm von Marcus H. Rosenmüller und Johannes Kaltenhauser sprechen. Was sie beschäftigt und Eingang in die Lieder ihrer kitschfreien Heimatsound-Band findet, sind die Fragen nach dem großen Ganzen. Was ist Zeit, wie fühlt sich die Erfahrung der Vergänglichkeit an, was bleibt, wenn wir sterben, was ist der Sinn des Lebens? Aber dieses Philosophieren mutet oft federleicht an, es kann erfüllt von Lebensfreude und manchmal sogar eine Spur schalkhaft sein.

Rosenmüller und Kaltenhauser, der auch die Kamera führte, beobachten die Musiker beim Komponieren, Proben und sind bei zwei Konzertauftritten von Dreiviertelblut in München zugegen. Zusammen mit den Gesprächen, den Waldspaziergängen mit dem Naturliebhaber Horn und kleinen, fantasievollen Inszenierungen entsteht eine stilvolle Filmkomposition in Schwarz-Weiß. In ihr spiegelt sich die augenzwinkernde Lässigkeit und die von leichter Melancholie umwehte, künstlerische Ausdruckskraft der beiden Musiker und ihrer Band.

Horns Gesang und Texte klingen oft zart und melancholisch-nachdenklich, und das trotz seiner tiefen, sonoren Stimme. Mit dieser ist er schon seit Jahrzehnten auch ein Markenzeichen der von ihm mitbegründeten, englischsprachigen Rockband Bananafishbones. Die Musik der Band Dreiviertelblut, die er 2012 mit Gerd Baumann als Duo gründete und die heute sieben Musiker umfasst, kann jedoch auch mächtig aufdrehen. Dann verbinden sich die bayerischen Klänge der „folklorefreien Volksmusik“, die Dreiviertelblut selbst verspricht, beispielsweise mit flotten Klezmer- und Balkantönen und die E-Gitarre kann einen Part bekommen, der jeder Rockband Ehre machen würde. Wie bunt, vielfältig und offen für neue Impulse diese Musik sein kann, zeigt sich auch in den Aufnahmen von einem Konzert der Band mit den Münchner Symphonikern.

Rosenmüller, der im Film Fragen aus dem Off stellt und als „Rosi“ tituliert wird, kennt Baumann und Horn schon lange. Baumann beispielsweise ist der Komponist vieler seiner Filme gewesen, auch des Erstlings Wer früher stirbt, ist länger tot. 2006 begründete dieser Publikumshit das Genre des neuen bayerischen Heimatfilms mit. Diesem obliegt seither die immer wieder frappierende Demonstration, dass sich über das Landleben jenseits von Kitsch und Klischee auch frisch, witzig und realitätsnah erzählen lässt.

Ein Thema, das der Dokumentarfilm anschneidet, ist das Verhältnis der beiden Porträtierten zur bayerischen Heimat. In den Antworten spiegelt sich die vitale Spannung, die auch ihre gemeinsame Musik aufweist. Da ist einerseits ein Gefühl der Zugehörigkeit zu Land und Leuten, eine kulturelle Verwurzelung zu vernehmen. Andererseits aber ist ihnen lokalpatriotischer Dünkel zuwider und sie beziehen auch auf der Bühne Stellung für eine Willkommenskultur und eine bunte, offene Gesellschaft.

Dass die beiden Musiker Rosenmüllers Freunde sind, schafft nicht nur in den Gesprächsszenen eine Atmosphäre beinahe intimer Verbundenheit, die manchmal schon das Märchenhafte, fiktional Entrückte streift. Auch die Wahl der Drehorte dient dieser originellen, künstlerischen Dramaturgie des Films. Wie in einem Märchen, das mit „Es war einmal“ beginnt, führt Horn die Filmemacher durch den winterlichen bayerischen Wald zu einer Holzhütte im Zustand fortgeschrittenen Verfalls. Dort setzt sich der Sänger an einen Tisch zum Reden, zwischen Gerümpel, kaputten Holzbalken und Fenstern mit zerbrochenen Scheiben. Und dann landet vor dem Fenster ein kleines, nach Bastelarbeit aussehendes Raumschiff. Baumann betritt im Astronautenanzug die Hütte. Er wird auch noch in dieser Montur einmal durch das schwarze All schweben, den Planeten Erde im Blick. Eine riesige Weinbergschnecke taucht an Orten auf, die mit Geschwindigkeit assoziiert werden, kriecht über das Raumschiff und eine Brücke, die über vielbefahrene Straßen führt.

Mit solchen fantasievollen Inszenierungen und Verfremdungen bebildert der Film die philosophischen Gespräche, die um das persönliche und globale Wohin und Wozu kreisen. Horn findet beim Betrachten der Pilze, eines Frosches im Wald Inspiration und ein Zipfelchen Lebensweisheit, die in seine Texte einfließt. Baumann scheint mehr der Stadtbewohner zu sein – zumindest sieht man ihn mit dem Rad zur Münchner Musikhochschule fahren und dort ein Seminar halten. Dass er eine Professur innehat, wird nicht explizit erwähnt, wie auch kaum etwas anderes über den Werdegang der beiden Musiker oder ihr privates Umfeld. Auch darin unterscheidet sich dieser Film von den Gepflogenheiten dokumentarischer Porträts. Die anderen Mitglieder von Dreiviertelblut werden gar nicht erst interviewt oder jenseits der Bühne ins Visier genommen.

Die sympathische Art von Horn und Baumann, Auskunft über ihre musikalische Motivation zu geben und spielerisch zu philosophieren, lässt den gesamten Film unterhaltsam wirken. Die kunstvoll zwischen Konzertbühne und anderen Schauplätzen wechselnde Montage verwebt die einzelnen Momenteindrücke zu einem sich verdichtenden Gesamtbild. Horn und Baumann bekommen Raum, sich so darzustellen, wie sie sich selbst sehen. Das Ergebnis ist ein charmanter Film, dem die Distanz zu den porträtierten Personen nicht so wichtig ist.

Dreiviertelblut - Weltraumtouristen (2020)

Der Philosoph Sebastian Horn und der Astronaut Gerd Baumann treffen sich tief im Wald, in einem abgelegenen Stadl und treiben ihren Handel mit der Vergänglichkeit. Dreiviertelblut, das sind zwei kongeniale Musiker, die ihr urbayerisches Lebensgefühl sinnlich mit dem universellen Ganzen durchweben. „Mia san ned nur mia“ – diese Songzeile bringt ihr musikalisches und menschliches Selbstverständnis auf den Punkt. Marcus H. Rosenmüller schuf ein schwarzweiß schillerndes, humorvolles Filmgedicht aus bisher unveröffentlichten Aufnahmen eines Dreiviertelblut-Konzertes mit den Münchner Symphonikern im Prinzregententheater.

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