Der nackte König - 18 Fragmente über Revolution (2019)

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Die Schweizer Filmemacher Andreas Hoessli blickt auf die historischen Volksaufstände in Iran und Polen in den Jahren 1979 und 1980. Sein Film thematisiert den Sog und die Hoffnungen, die mit kollektiven Erhebungen verbunden sind – und die zwangsläufig einsetzende Desillusionierung danach.

Der nackte König - 18 Fragmente über Revolution (2019)

Eine Filmkritik von Paul Katzenberger

Vom Sog der Revolution und ihrem verlorenen Schatz

In seinem sehr persönlich gehaltenen Doku-Essay ruft sich der Schweizer Filmemacher Andreas Hoessli seine Erfahrungen mit der polnischen Solidarność-Bewegung 1980 ins Gedächtnis und stellt den Aufstand der Arbeiter der islamischen Revolution in Iran im Jahr 1979 gegenüber. Dazu beruft er sich häufig auf die Berichte der polnischen Reporterlegende Ryszard Kapuściński, die den Sturz des Schahs und die Folgen vor Ort mitverfolgte. Der Film thematisiert den Sog und die Hoffnungen, die mit kollektiven Aufständen verbunden sind – und die zwangsläufig einsetzende Desillusionierung danach.

Es gibt nur wenige Bilder von Revolutionen, die deren akute Wirkmacht so eindrucksvoll dokumentieren, wie die Aufnahmen der rebellierenden Menschenmassen, die sich 1978 in Iran zu einem Volksaufstand gegen Schah Mohammad Reza Pahlavi und nach dessen Sturz 1979 gegen die USA erhoben, die dem entthronten Autokraten Asyl gewährten. In seinem Dokumentarfilm Der nackte König kontrastiert der Schweizer Filmemacher Andreas Hoessli diese energiegeladenen Bilder mit den Aufnahmen des Aufstandes der Arbeiter in der Danziger Lenin-Werft 1980 gegen Korruption, Misswirtschaft und Zensur im sozialistischen Polen.

Auch das war eine historische Revolution, doch das Filmmaterial der damaligen Zeit zeigt diese ganz anders: Statt ihrer Wut freien Lauf zu lassen, argumentieren die streikenden Arbeiter geradezu besonnen: „Die Partei, die Staatsmacht“, sagt einer von ihnen, „sollte auch mit dem Arbeiter reden, wenn sie sinnvoll mit uns zusammenleben will.“ Ein anderer meint: „Welche andere Waffen haben wir als den Streik? Wir sind schon müde davon. Denn wir verdienen am wenigsten. Dabei sind wir es, die die ganze Last tragen. Nicht die Herren da oben.“

Die Männer stehen in Gruppen auf dem Werftgelände, sie hören den Gesprächen zwischen Streikkomitee und Regierungsdelegation zu, die über Lautsprecher übertragen werden. Niemand skandiert Parolen, auf den Straßen sind keine Protestmärsche zu sehen, keine erhobenen Fäuste, nur nachdenkliche Gesichter, und doch sind diese Filmaufnahmen die kinematografischen Zeugnisse einer bedeutungsvollen Volkserhebung, die erstmals zum Einlenken einer Staatsmacht im real existierenden Sozialismus Osteuropas führte und neun Jahre später einer der Auslöser für den Fall des Eisernen Vorhangs war.

Warum dieser Unterschied zwischen Raserei in Teheran und Abgeklärtheit und Danzig? Das ist eine der Fragen, die sich in Hoesslis Film stellen, in dem er auf poetische Weise nach Verbindendem und Gegensätzlichen zwischen der islamischen Revolution und der Solidarność-Bewegung in Polen ein Jahr später sucht.

Der Brückenschlag zwischen den beiden historischen Ereignissen stellt sich für Hoessli aus seiner Biografie her: In den 1970er Jahren lebte er zwei Jahre lang als Forschungsstipendiat in Polen und lernte dort den bedeutenden Journalisten und Autor Ryszard Kapuściński kennen, der als Reporter von der Revolution im Iran berichtete. Kapuścińskis Aufzeichnungen bilden den Ausgangspunkt der Filmerzählung, während deren Erstellung Hoessli zu seiner Überraschung entdeckte, dass er selbst damals vom polnischen Geheimdienst überwacht wurde und sogar für dessen Machenschaften angeworben werden sollte.

Diese beiden Handlungsstränge, die Hoessli im steten Wechsel aufgreift, bieten durchaus überraschende Einblicke. Die historischen Umwälzungen von 1979 und 1980 haben in beiden Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen, jedoch mit sehr unterschiedlichem Ausgang: Aus der Islamischen Republik Iran wurde eine bis heute bestehende Theokratie, in der schlimmste Menschenrechtsverletzungen von Anfang an an der Tagesordnung waren. Polen entwickelte sich hingegen zu einer Demokratie und einem Rechtsstaat mit einer freiheitlichen Grundordnung, auch wenn diese in jüngerer Zeit von der Regierungspartei PiS wieder in Frage gestellt wird.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es, wenn sich die iranische Politikerin Masoumeh Ebtekar in Der nackte König durchaus offen für die Aufarbeitung der Vergangenheit zeigt. Denn sie war 1979 eine der Anführerinnen der Revolution: Als Sprecherin der Studentengruppe, die im November 1979 die US-amerikanische Botschaft in Teheran besetzten und die Angestellten der Botschaft als Geiseln nahmen, sagt die damals 19-Jährige auf Nachfrage westlicher Journalisten, dass sie selbst keine Sekunde zögern würde, die Geiseln zu erschießen, wenn die USA den Schah nicht ausliefern würden. 

An den Job der Wortführerin war sie gekommen, weil sie als Kind mit ihren Eltern sechs Jahre in Philadelphia/USA gelebt hatte und daher fließend Englisch spricht. Heute ist Ehktebar als Vizepräsidentin (als eine von zwölf Vizepräsidenten) dem Regime nach wie vor treu ergeben und doch schuldbewusst: „Können wir Revolutionäre bleiben und gleichzeitig kritisieren, was in jenen Zeiten geschah?“, fragt sie. „Kann ich mich als treue Revolutionärin hinstellen und kritisieren, was ich damals dachte, sagte und tat? Heute, da über 30 Jahre vergangen sind? Und immer noch den grundlegenden Werten der Revolution treu bleiben?“

Aus dem vermeintlich aufgeklärten Polen gewinnt Hoessli den früheren Geheimdienstler Stefan Piwowar als Gesprächspartner für seinen Film, der sich weitaus weniger reumütig präsentiert. Nachdem der Filmemacher Einsicht in die Akten des polnischen Geheimdienstes beantragt hatte, erfuhr er, dass Piwowar ihn – getarnt als Presse-Attaché der polnischen Botschaft in Bern — ausgehorcht und eine Charakterstudie über ihn für den Geheimdienst angefertigt hatte. Zitate: „In seinen Publikationen kritisiert er mit scharfen Worten die Partei- und Staatsführung in Polen“, übermittelt Piwowar nach Warschau. „Von seinem Wesen her ist er impulsiv, aber er bemüht sich, beherrscht zu bleiben.“ Als Hoessli den früheren Spion mit dem Tarnnamen Midak damit konfrontiert, weigert sich dieser, Stellung dazu zu nehmen: „Herr Redakteur, können Sie mir bitte die nächste Frage stellen“, sagt er. Dann räumt er zwar ein, dass Dokument gelesen, aber streitet ab, es verfasst zu haben. Was die Verfolgung der damaligen Opposition angehe, sollten aus seiner Sicht ohnehin alle Dokumente vernichtet werden, die die Staatssicherheit damals verfasst habe: „Das hat überhaupt keine Bedeutung für die Geschichte Polens. Keinerlei!“
Diese subjektiven Einschätzungen und Erinnerungen aus den zwei Ländern verknüpft Hoessli durch ein Voice-Over, das in beiden Fällen von dem 2019 verstorbenen Schauspieler Bruno Ganz gesprochen wird. Es ist auch seine markante Stimme, die die Entwicklungen in Iran und in Polen im Film miteinander zusammenbringt.

Natürlich bestehen große Differenzen zwischen den beiden Aufständen in den kulturell sehr unterschiedlich geprägten Ländern. Und doch liegen Parallelen vor, zum Beispiel der Umstand, dass Revolutionen stets einen mitreißenden Sog entwickeln, wenn sich die Menschen solidarisieren, ihre Angst ablegen und eine Macht stürzen, von der sie glaubten, dass sie ewig und unbesiegbar sei. Doch die Euphorie kann nicht ewig anhalten. Das ist das, was die Philosophin Hannah Arendt als den „verlorenen Schatz der Revolution“ beschrieben hat, und auch Der nackte König zeigt diese unweigerlich eintretende Ernüchterung auf. Denn ein Paradies können Revolutionen nicht schaffen, selbst wenn sie friedlich verlaufen und zur Etablierung von Demokratien wie 1989 beim Fall des Eisernen Vorhangs führen. Denn wenn sich der Alltag wiedereinstellt, verblasst die Erinnerung an diesen „Schatz“. Das lässt sich nur allzu gut an der heutigen Debatte in Deutschland über die Wiedervereinigung ablesen. 

Eine der wichtigsten Analogien von Volksaufständen bringt schon der Titel Der nackte König von Hoesslis Doku zum Ausdruck. Er ist natürlich eine Anspielung auf Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von 1837. In der Geschichte erteilt ein Monarch zwei Betrügern den Auftrag ihm für viel Geld neue Gewänder zu weben. Doch die Schwindler erstellen die Kleider gar nicht und geben stattdessen vor, dass die Roben nur von Personen gesehen werden könnten, die ihres Amts würdig seien. Aus innerer Unsicherheit gibt der Kaiser nicht zu, dass er die Kleider selbst nicht sehen kann, und auch sein Umfeld, dem er seine neue Garderobe präsentiert, schützt Begeisterung über die scheinbar schönen Stoffe vor. Der Schwindel fliegt erst bei einem Festumzug auf, als ein Kind sagt, der Kaiser habe gar keine Kleider an, und sich diese Aussage in der Menge verbreitet, die ihren Herrscher gemeinsam laut rufend damit konfrontiert. 

Wenn Menschen den Mut finden, ihre unkritische Akzeptanz von angeblichen Respektspersonen abzulegen, dann ist die Herrschaft autoritärer Machthaber bald beendet.

Der nackte König - 18 Fragmente über Revolution (2019)

1979, Revolution im Iran. 1980, Revolution in Polen. Der Sturz des Schahs, des ,Königs der Könige‘ im Iran, Massenstreiks und die Bewegung Solidarnosc in Polen. Was geschah in den Köpfen der jungen Frauen und Männer, die damals an den Revolutionen beteiligt waren? Was ging in ihnen vor, als die Revolution niedergeschlagen wurde, oder – wie im Iran – eine religiös-autoritäre Elite die Macht übernahm? Der Filmautor Andreas Hoessli lebte damals als Forschungsstipendiat in Polen. Dort lernte er den Reporter Ryszard Kapuscinski kennen, der von der Revolution im Iran berichtete. Kapuscinskis Aufzeichnungen sind der Ausgangspunkt der Filmerzählung, in der der Filmautor auch die Berichte des polnischen Geheimdiensts über ihn selbst aufgreift – er entdeckt dabei, dass er als Figurant unter dem Namen Hassan für die geheimen Dienste der Polnischen Volksrepublik angeworben werden sollte.

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Meinungen
Joachim Lobewein · 31.03.2021

Ich möchte den Doku-Film als DVD käuflich erwerben!

Wo und wie kann ich das bewerkstelligen?

Mit den besten Grüßen

Joachim Lobewein

Kommentare

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